Zeit 06.12.2025
18:01 Uhr

Netflix: Der Kampf um Hollywood beginnt erst


Netflix hat überraschend den Zuschlag für den Kauf des Entertainmentkonzerns Warner bekommen. Aber das ist noch lange nicht das Ende der Saga. Ab jetzt wird es politisch.

Netflix: Der Kampf um Hollywood beginnt erst
" And the winner is … ", heißt es bei der Oscar-Verleihung, bevor der jeweilige Name oder Titel des Siegers verlesen wird. Fünf sind in den meisten Kategorien nominiert, nur einer kann gewinnen, der Sieger muss dann wenigstens überrascht tun. Beim monatelangen, hitzig geführten Bieterwettbewerb um einen der bedeutendsten Entertainment-Konzerne der Welt, zu dem eines der traditionsreichsten Filmstudios Hollywoods gehört, gab es drei Kandidaten. Der Gewinnername ist seit Freitag bekannt, und er war eine echte Überraschung: Netflix . Der weltweit abonnentenstärkste Streamingdienst will Warner Bros. Discovery kaufen , für 72 Milliarden US-Dollar (mit übernommenen Schulden knapp 83 Milliarden Dollar). Netflix möchte aber nur das Filmgeschäft und das Konkurrenzstreamingangebot HBO Max von Warner Bros. Discovery übernehmen, nicht die Fernsehsparte, zu der unter anderem der Nachrichtensender CNN gehört und die in ein separates Unternehmen ausgegliedert werden soll. Branchenkenner hatten lange vermutet, Netflix biete nur mit, um einen Blick in die Bücher von Warner Bros. Discovery werfen zu können. Oder gar bloß, um den Preis für die beiden Konkurrenten im Bietergefecht in die Höhe zu treiben: Comcast und Paramount Skydance. Als fragwürdig hatte anfangs bereits die Idee gegolten, dass Netflix überhaupt ernsthaft über einen Kauf von Warner nachdenken könnte. Bisher hatte der Streamingdienst weitgehend vermieden, durch Zukäufe zu expandieren. Comcast und Paramount Skydance haben nun also verloren, letzterer Konzern galt allgemein als aussichtsreichster Kandidat. Auf jeden Fall fuhr er die aggressivste Übernahmestrategie. Aufgegeben jedoch hat Paramount Skydance, das insgesamt drei Gebote für Warner abgab, noch nicht. Von dort wurden bereits Vorwürfe laut, die Entscheidung des Warner-Managements für Netflix sei nach einem unfairen Prozess erfolgt. Nun geht es um mehr als eine Übernahme, es geht um nichts Geringeres als die Zukunft der Entertainmentbranche. Denn sollte sich Netflix am Ende durchsetzen – eine Finalisierung des Deals könnte bis zu zwei Jahre dauern –, dann würde mit dem algorithmisch feinjustierten Streamingdienst das Silicon Valley endgültig über das traditionelle Hollywood triumphieren. Kaum ein Unternehmen verkörpert die goldene Zeit des kalifornischen Filmgeschäfts dabei so wie Warner. Das Studio wurde 1923 von den vier Brüdern Harry, Albert, Sam und Jack gegründet. Ihm verdankt die Welt den Filmklassiker Casablanca , das Cartoon-Kaninchen Bugs Bunny, später das Batman -Franchise, die Harry-Potter -Verfilmungen , zuletzt den Blockbuster Barbie . Auch das aktuelle Kinojahr läuft gut für Warner, Paul Thomas Andersons Kinohit One Battle After Another etwa gilt als aussichtsreicher Oscar-Kandidat. Warner, das ewige Objekt der Begierde Es ist nun nicht das erste Mal, dass sich Medienunternehmen und solche, die es werden wollen, um Warner reißen. 1990 fusionierte der Konzern mit dem Time-Verlag, 1996 kam CNN dazu. Vier Jahre später meldete erstmals das Silicon Valley Interesse an: AOL übernahm Time Warner für 182 Milliarden Dollar, die Manager priesen das als einen Jahrhundertdeal, der 2001 den damals größten Medienkonzern der Welt schuf: AOL Time Warner. Tatsächlich ging die Transaktion als eines der größten Fiaskos in die Wirtschaftsgeschichte ein. AOL versank in der Bedeutungslosigkeit, wenige Jahre später wurde die Verlagsseite abgestoßen. 2018 sah der Telefonkonzern AT&T eine Gelegenheit, Warner-Inhalte für seine Mobilfunk- und Internetkunden einzukaufen; nun war der Preis 108 Milliarden Dollar, es entstand WarnerMedia. Doch auch die Idee erwies sich als desaströs. Warner erlebte eine Flucht der Kreativen. So ging etwa der Regisseur Christopher Nolan , der für das Studio die erfolgreichsten Batman -Filme gedreht hatte, mit seinem Kino- und Oscar-Erfolg Oppenheimer zur Konkurrenz bei Universal. Bereits drei Jahre nach der Fusion verkauften die Telefonmanager die WarnerMedia-Sparte weiter an Discovery – ein Unternehmen, das bis dahin vor allem für Tierfilme und Kochsendungen bekannt war. Im Jahr 2022 wurde daraus dann auch offiziell die bisher letzte Warner-Inkarnation: Warner Bros. Discovery. CEO dieses Sammelsuriums wurde der vormalige Discovery-Chef David Zaslav , der seine Karriere bis dahin vorwiegend auf der Vertriebsseite des Kabelfernsehgeschäfts gemacht hatte. Den entnervten Filmschaffenden erschien er zunächst als Retter, die New York Times pries ihn als "neuen Titan der Medien". In diese Rolle fand Zaslav sich schnell ein. Er zog nicht nur von New York nach Los Angeles, sondern auch gleich in das einstige Büro von Jack Warner auf dem Studiogelände in Burbank. Und er verpasste dem Konzern ein neues Motto: " The stuff that dreams are made of " ("Der Stoff, aus dem die Träume sind"). Das ist ein Zitat aus Zaslavs Lieblingsfilm Die Spur des Falken . Humphrey Bogart sagte den Satz in der Rolle des Privatdetektivs Sam Spade und beschrieb damit einen unbezahlbaren Schatz, den alle haben wollen – der aber nur Chaos und Vernichtung bringt und am Schluss niemandem nutzt. Ungefähr so entwickelte sich unter Zaslav nun auch Warner Bros. Discovery. Radikale Sparmaßnahmen sollten helfen, die "Synergien" zu erzeugen, die Zaslav den Aktionären versprochen hatte. Nicht nur, dass er gleich nach der Fusion Hunderte Mitarbeiter kündigte und Stellen strich. Er ließ die beliebte HBO-Serie Westworld einstampfen, genauso wie den Streamingkanal CNN+, mit dem sein Vorgänger den Nachrichtensender in die digitale Zukunft hatte transportieren wollen. Nicht einmal die Sesamstraße war sicher: 200 Folgen ließ Zaslav von seinen Buchhaltern abschreiben. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus dem Hoffnungsträger Zaslav der meist verachtete Mann Hollywoods. Dabei war auch nicht hilfreich, dass er 2021 mit 246 Millionen Dollar Jahreseinkommen der bestbezahlte CEO der USA war – 216 Millionen davon waren allerdings die Aktienoptionen wert, die Zaslav für die Fusion mit Warner eingestrichen hatte (im Jahr 2024 verdiente er "nur" noch 51 Millionen Dollar brutto). Beim monatelangen Streik der Schauspieler und Drehbuchautoren im Sommer 2023 wurde er zur Zielscheibe des Zorns. "Alles, was wir fordern, sind zwei Jahresgehälter von Zaslav für 11.500 Mitglieder der WGA", schrieb damals bissig die Drehbuchautorin Annie Stamell auf X.