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21.11.2025
12:20 Uhr
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Zur Wehrpflicht gehört die Musterung. Unser Autor hat daran bessere Erinnerungen als an seine darauffolgende Zeit beim Militär.

An meine Musterung habe ich wenig Erinnerungen, der Termin fand vor 52 Jahren statt, also bitte. Man hatte sich im Kreiswehrersatzamt einzufinden. So sah das Gebäude auch aus. Grau, breite Flure, Düsternis. Ich füllte Formulare aus und entkleidete mich. Männer in weißen Kitteln, Frauen an Schreibmaschinen. Waagen, Stethoskope, Vermessungen, Hose mal runter!, Griff an die Hoden, husten Sie, nach rechts gucken, noch mal husten, gut. Eine Musterung, habe ich gelesen, sei eine prüfende Besichtigung, und so war es auch: Wir wurden prüfend besichtigt. Im Nachhinein denke ich, man hätte freundlicher zu uns sein können, immerhin sollten wir das Land mit unserem Leben verteidigen. Aber Freundlichkeit kannten wir eigentlich nicht. Auch unsere Lehrer waren nicht freundlich, höchstens die jüngeren. Die älteren kriegten den Nazi-Ton nicht aus den Klamotten, oder sie waren im Krieg verrückt geworden. Ich war weit oben auf der Tauglichkeitstreppe, kerngesund und ein guter Sportler, bloß als Fallschirmjäger ungeeignet, wegen der Zahnplomben. Am liebsten wäre ich topfit und komplett untauglich zugleich gewesen, das ist aber schwer. Vor der Musterung erzählte man sich, man solle Stottern simulieren oder literweise Zuckerwasser trinken, um beim Urintest als Diabetiker durchzugehen. Oder beides. So was lag mir nie. Scheuermann hatte ich auch nicht zu bieten, da wäre man sofort raus gewesen. Legendär der junge Horst Buchholz, wie er als Felix Krull in Kurt Hoffmanns Verfilmung von Thomas Manns Roman 1957 den untersuchenden Mediziner abwechselnd als Generalarzt, Kriegsarzt, Leibarzt und zwischendurch als Herr Lazarettkommandant anredet und einen astreinen epileptischen Anfall simuliert. Untauglich, natürlich. Ob man nicht einen Versuch machen könne, fragt Krull unterwürfig, "das Soldatenleben würde mich gewiss kräftigen". Höhnisches Lachen, das Militär sei kein Sanatorium. Draußen lachte Krull. Vater fuhr mich zur Kaserne, Mutter weinend auf dem Rücksitz. Wir übten Schießen mit dem Maschinengewehr, bekamen Ohrstopfen, aber die trugen wir nicht. Sie schmerzten und galten als uncool, ohne dass wir das Wort schon benutzt hätten. Am Tag danach pfiffen mir die Ohren. Als das Geräusch nach einem halben Jahr nicht weg war, ging ich zum Bataillonsarzt. Der schickte mich ins Bundeswehrkrankenhaus. Ein junger Stabsarzt diagnostizierte Knalltrauma und Tinnitus. Ich solle mich von Lärm fernhalten. Ich bin Kommandant eines Kampfpanzers!, sagte ich, denn so weit war es mit mir inzwischen gekommen. Unteroffizier Hacke. Ist das laut?, fragte der Arzt. Und wie!, sagte ich. Besonders beim Schießen. Es scheppert wie Hölle. Der Doktor blickte drein, als hörte er zum ersten Mal, dass beim Militär geschossen werde. Dann dürfen Sie das nicht mehr machen, sagte er und fertigte ein Attest aus. Das zeigte ich meinem Kompaniechef. Für den Rest meiner Dienstzeit bildete ich Schreibstuben-Unteroffiziere aus. Nie wieder habe ich einen Schuss abgefeuert. Nie wieder saß ich auf einem Panzer. Ich war untauglich, zwei Jahre nach der Musterung.