Zeit 12.02.2026
17:03 Uhr

Münchner Sicherheitskonferenz: Es war nie Nächstenliebe


Europa war Nutznießer der starken USA? Wir sollten dieser falschen Erzählung nicht glauben. Tatsächlich haben die Amerikaner den Europäern nichts geschenkt.

Münchner Sicherheitskonferenz: Es war nie Nächstenliebe
Was kommt nach dem alten, transatlantischen Bündnis? Auch darum geht es bei der jetzt beginnenden Münchner Sicherheitskonferenz . Moritz Weiss, Politikwissenschaftler und Experte für Sicherheitspolitik, argumentiert hier, warum Europa sich zuerst von einem falschen Schuldkomplex befreien muss. Europa leidet unter einem Missverständnis. Immer wenn Donald Trump mit dem Ende des amerikanischen Schutzes droht, verfällt der Kontinent in eine seltsame, fast unterwürfige Selbstkritik: Wir waren zu bequem, wir haben zu wenig getan, wir haben die USA ausgenutzt. Wir waren, mit den Worten von Bundeskanzler Friedrich Merz, "Trittbrettfahrer". Wer dieses vor allem von Trump verbreitete, faktisch aber falsche Narrativ akzeptiert, hat den Kampf um die eigene Unabhängigkeit verloren, bevor er begonnen hat. Strategische Autonomie ist keine Frage des Verteidigungsbudgets allein – sie beginnt mit der intellektuellen Emanzipation von einer Erzählung, die schlichtweg falsch ist: das Märchen vom transatlantischen Almosen. Die US-Präsenz in Europa war nie ein Akt der Nächstenliebe, sondern eine strategische Investition in die globale Hegemonie. Washington hat den Europäern nichts geschenkt. Mit dem Militärschirm für Europa kaufte sich das Weiße Haus politischen Gehorsam und eine geopolitische Basis, um Weltpolitik nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Amerika wurde nicht ausgenutzt; es war eine funktionale Symbiose: Europa bekam zugegeben günstige Stabilität, die USA bekamen die unangefochtene Führung der "freien Welt". Die Architektur der Abhängigkeit Dass Europa heute militärisch oft blankzieht, ist kein historisches Versehen, sondern das Ergebnis einer von Washington aktiv eingeforderten Arbeitsteilung. Man muss nur an Madeleine Albrights berühmte "Drei D’s" aus dem Jahr 1998 denken: "no decoupling, no duplication, and no discrimination" . Es dürfe europäische Streitkräfte geben – aber sie dürfen sich nicht von der Nato entkoppeln, keine der Nato-Militärfähigkeiten duplizieren und kein Allianzmitglied diskriminieren. Dies beschreibt ungefähr den heutigen Status quo. Die USA machten hiermit unmissverständlich klar, dass sie keine eigenständigen europäischen Führungskapazitäten dulden würden, die das Nato-Monopol infrage stellen könnten. Und falls die Europäer einmal unter sich am Tisch waren, stellte Großbritannien als verlängerter Arm der US-Interessen sicher, dass alle auf Kurs blieben. Gleichzeitig sicherten sich die USA über das Programm der Foreign Military Sales einen gigantischen, stabilen Absatzmarkt. Wer US-Waffen kauft, kauft nicht nur Hardware; er kauft eine jahrzehntelange Abhängigkeit von Softwareupdates und Ersatzteilen. Washington wollte kein autonomes Europa – es wollte und bekam einen verlässlichen Juniorpartner. Die Legende der hohen Kosten Besonders deutlich wird die Schieflage des Trump-Narrativs bei den sogenannten strategic enablern , etwa der Satellitenaufklärung. Ja, Europa ist hier von den USA abhängig. Aber: Dass die USA diese Satelliten besitzen, hat nichts mit Europa zu tun. Washington unterhält sie aus eigenem Interesse, um weltweit jederzeit militärisch intervenieren zu können. Geheimdienstdaten oder Satellitenbilder sind, ökonomisch betrachtet, nicht verbrauchbare Güter. Wenn die USA diese Informationen mit ihren Alliierten teilen, kostet sie das faktisch nichts zusätzlich. Es entsteht zwar eine europäische Abhängigkeit, aber keine finanzielle Belastung für den US-Steuerzahler. Diese Daten als "Almosen" zu verkaufen, für die Europa nun eine historische Schuld abtragen müsse, ist eine bewusste Verdrehung der Tatsachen. Wenn der Deal endet, endet auch die Folgschaft Trump behauptet, die USA seien die "Melkkuh" der Welt. Doch er übersieht: Wenn er die bisherige Partnerschaft mit Europa aufkündigt, befreit er die Alliierten der USA auch von der Pflicht zur Gefolgschaft. Wer keinen Schutz mehr bietet, verliert sein Mitspracherecht. Wenn die USA die Kosten der Hegemonie nicht mehr tragen wollen, verlieren sie auch den Anspruch auf die fast automatische europäische Zustimmung zu ihren Plänen. Europa muss nicht "nachsitzen" wie ein ungezogener Schüler, wie das Trump-Lager es formuliert. Es muss erkennen, dass die Geschäftsgrundlage schlicht erloschen ist. Das größte Hindernis für ein souveränes Europa ist derzeit nicht der Mangel an Panzern, sondern das Festhalten an einem unbegründeten Schuldkomplex. Wer das Narrativ der europäischen Schuld akzeptiert, verhandelt aus einer Position der Schwäche – sei es in Bezug auf die Nato, auf den russischen Angriffskrieg oder auch auf Trumps Lieblingsprojekt, die Zölle. Am Ende ist es wie in einer langjährigen Beziehung, die scheitert: Wenn ein Partner geht und behauptet, er sei all die Jahre nur ausgenutzt worden, ist die schlechteste Reaktion, ihm unter Tränen recht zu geben und sich zu entschuldigen. Kein Partner wird deshalb zurückkommen! Man wird die Trennung erst dann meistern, wenn man begreift: Es gab gute Gründe, warum man zusammen war, und beide Partner haben profitiert. Und wer nach der Trennung in die Eigenständigkeit finden will, darf sich nicht kleiner machen, als er ist.