Zeit 25.01.2026
13:48 Uhr

Minnesota: Was wir über die tödlichen Schüsse in Minneapolis wissen


Das US-Heimatschutzministerium spricht nach der Tötung von Alex Pretti von Notwehr. Videos nähren Zweifel an dieser Darstellung. Was bisher bekannt ist.

Minnesota: Was wir über die tödlichen Schüsse in Minneapolis wissen
In der US-Großstadt Minneapolis haben Bundespolizisten erneut im Zusammenhang mit einem Abschiebeeinsatz gegen Einwanderer einen US-Bürger erschossen. Das US-Heimatschutzministerium teilte mit, ein Beamter des Grenzschutzes habe "Abwehrschüsse" auf einen bewaffneten Mann abgegeben. Ob das zutreffend ist, ist allerdings noch unklar. Die tödlichen Schüsse lösten umgehend neue Proteste und harsche Kritik von Politikern der Demokraten aus. Bereits Anfang Januar war die 37-jährige Renée Good in Minnesota nach Schüssen eines Beamten der Einwanderungsbehörde ICE gestorben. Ein Überblick: Was ist passiert? Gegen neun Uhr am Samstagvormittag (Ortszeit) haben US-Bundesbeamte im Süden von Minneapolis einen Mann erschossen. Die Person sei am Einsatzort für tot erklärt worden, teilte das US-Heimatschutzministerium auf X mit. Der Polizeichef von Minneapolis sagte in einer Pressekonferenz hingegen, dass der Mann wenig später in einem Krankenhaus gestorben sei. Zunächst war offen, welcher Einsatzbeamte die tödlichen Schüsse abgegeben hatte – jemand von der Einwanderungspolizei ICE oder aus dem Grenzschutz (US Border Patrol). Mittlerweile schreiben US-Medien unter Berufung auf das Heimatschutzministerium übereinstimmend davon, dass ein Grenzschutzbeamter geschossen hat. Zuvor hatte unter anderem Minnesotas Gouverneur Tim Walz den Vorfall noch einem ICE-Beamten zugeschrieben. Nach Darstellung des US-Heimatschutzministeriums habe der Grenzschutzbeamte "Abwehrschüsse" abgegeben. Inzwischen hat ein Richter per einstweiliger Verfügung angeordnet, dass potenzielle Beweismittel im Zusammenhang mit der Schussabgabe gesichert werden müssen. Aus dem Gerichtsdokument geht hervor, dass Bundesbehörden keine Beweise "zerstören oder verändern" dürfen. Die Anordnung umfasst ausdrücklich auch Material, das bereits vom Tatort entfernt worden war. Geklagt hatten Behörden des Bundesstaats Minnesota gegen die Regierung von US-Präsident Donald Trump sowie nachgeordnete Stellen wie das Heimatschutzministerium. Sie werfen den Bundesbehörden vor, relevante Beweismittel zurückzuhalten. Was wissen wir über den Getöteten? Laut dem Polizeichef von Minneapolis, Brian O'Hara, handelt es sich bei dem Erschossenen um Alex Pretti, einen 37 Jahre alten US-Bürger und Einwohner von Minneapolis. Pretti arbeitete nach Angaben seiner Familie als Krankenpfleger. O'Hara sagte, Pretti habe keine Vorstrafen gehabt. Nach Angaben des US-Heimatschutzministeriums galt der Einsatz der Bundesbeamten einem Ausländer ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung, der wegen Körperverletzung gesucht worden sei. Ob Pretti in Verbindung zu dem gesuchten Ausländer steht, ist unklar. Das US-Heimatschutzministerium veröffentlichte das Foto einer halb automatischen Pistole, die bei Pretti gefunden worden sein soll. O'Hara sagte, Pretti sei ein rechtmäßiger Waffenbesitzer gewesen. Er habe auch das Recht gehabt, seine Waffe mit sich zu führen. Laut einer Analyse der Videos von dem Vorfall durch die New York Times gibt es keine Anzeichen dafür, dass Pretti die Waffe im Verlauf der Konfrontation gezogen oder auch nur entblößt hätte. Wie kam es zu den tödlichen Schüssen? Die Version, die das US-Heimatschutzministerium verbreitet , lautet: Pretti habe sich Bundespolizisten gegen neun Uhr morgens Ortszeit mit einer halb automatischen Pistole genähert und sich dann "gewaltsam" seiner Entwaffnung widersetzt. Ein Beamter habe in Notwehr Schüsse abgegeben. Sanitäter hätten am Ort Erste Hilfe geleistet, Pretti sei jedoch noch am Tatort verstorben. Es kursieren mehrere Videos von dem Vorfall, die aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen wurden. Sie lassen sich am Ort des Geschehens in Minneapolis lokalisieren. Darauf ist zu sehen, wie Pretti mit einem Handy filmt, wie Bundesbeamte eine Frau wegstoßen und eine andere zu Boden werfen. Weiter ist in den Videos zu sehen, wie sich Pretti zwischen die Frauen und die Beamten stellt, um die Frauen zu schützen. Daraufhin setzt einer der Beamten Pfefferspray ein. Pretti versucht trotzdem, der Frau aufzuhelfen. Daraufhin ziehen ihn die Beamten von der Frau weg, drücken ihn zu Boden und schlagen auf ihn ein. Als Pretti bereits am Boden ist, scheint einer der Agenten Prettis Waffe aus dessen Hosenbund zu ziehen und tritt von ihm weg. Danach fallen die Schüsse. Die Beamten feuerten demnach mindestens zehnmal auf den am Boden liegenden Pretti. Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses, bezeichnete Alex Pretti in mehreren Beiträgen auf der Plattform X als einen "potenziellen Attentäter". Pretti habe versucht, Bundesbeamte zu töten. Miller stufte ihn zudem als "inländischen Terroristen" ein. Die New York Times berichtete, dass Augenzeugen – darunter auch ein Arzt – vor Gericht Aussagen machten, die der Darstellung der Bundesbehörden widersprachen. Ein Augenzeuge sagte demnach aus, der Mann sei nicht mit einer Waffe auf die Beamten zugegangen, sondern mit einer Kamera. Er habe lediglich versucht, einer Frau beim Aufstehen zu helfen – dann hätten die Einsatzkräfte ihn zu Boden gebracht. Wie reagieren Politiker und Bürger in Minneapolis? Führende Politiker forderten von US-Präsident Donald Trump den Abzug der ICE-Beamten und eine Übergabe der Ermittlungen an die örtlichen Behörden des Bundesstaats Minnesota. Lokale US-Fernsehsender zeigten nach den tödlichen Schüssen Proteste rund um den Ort des Geschehens. Beamte der Einwanderungsbehörden setzten Tränengas ⁠ein. Fahrzeuge mit FBI-Beamten sollen zum Tatort gefahren sein. Der Polizeichef von Minneapolis rief die Demonstrierenden in der Stadt dazu auf, friedlich zu bleiben und die Gegend um den Tatort zu meiden oder zu verlassen. Führende Demokraten drohten, als Reaktion auf den Vorfall das Haushaltsgesetz zu blockieren und keinem Finanzierungspaket zuzustimmen, das Mittel für das Heimatschutzministerium enthält. Dies macht einen erneuten teilweisen Shutdown wahrscheinlicher, da die Finanzierung am 30. Januar ausläuft. Fraktionschef Chuck Schumer nannte die Vorfälle in Minnesota "entsetzlich" und sagte, seine Partei habe sachgerechte Reformen gefordert, doch weil die Republikaner Präsident Trump nicht entgegenträten, sei der Entwurf für das Haushaltsgesetz völlig unzureichend, um Missstände bei ICE einzudämmen. Was war zuvor in Minneapolis geschehen? In Minneapolis hatten am Freitag zehntausende Menschen bei eisiger Kälte gegen die umstrittenen Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE protestiert. Der koordinierte Aktionstag ging mit Streiks und mehreren Demonstrationen einher. Hunderte Geschäfte blieben geschlossen. Seit dem 7. Januar – dem Tag, an dem ICE-Beamte die 37-jährige dreifache Mutter Renée Good in ihrem Auto erschossen hatten – versammeln sich täglich Demonstrierende in den Zwillingsstädten Minneapolis und St. Paul. US-Medienberichten zufolge ist der aktuelle Vorfall der dritte, bei dem Bundesbeamte in Minneapolis Schüsse auf eine Person abgegeben haben. Es ist der zweite Todesfall in diesem Jahr durch tödliche Schüsse von Polizeibundesbeamten.