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03.03.2026
19:17 Uhr
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Wie blicken migrantische Menschen auf die Wahl in Sachsen-Anhalt? Mamad Mohamad setzt sich in einem Netzwerk für sie ein und kandidiert im Herbst selbst für den Landtag.

DIE ZEIT: Herr Mohamad, wie geht es den Menschen mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt derzeit? Mamad Mohamad: Die Stimmung ist sehr betrübt. Eine Kollegin von mir hat es so formuliert: Wir kämpfen ums Überleben. Eigentlich sollte es kein Kampf sein, in Sachsen-Anhalt zu leben. Aber ich glaube, immer mehr haben das Gefühl. ZEIT: Sie sind Geschäftsführer von Lamsa, dem Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen. Wie schauen Sie persönlich auf die Landtagswahl? Die AfD steht in Umfragen bei knapp 40 Prozent. Mohamad: Einerseits denke ich: Sollte die Partei wirklich regieren, packe ich meine Koffer und bin weg. Wenn ihr alles zerstören wollt, dann bitte, zerstört es. Aber dann denke ich wieder, das kannst du nicht machen. Ich bin vor 30 Jahren aus Syrien nach Sachsen-Anhalt gekommen, mit 16 Jahren. Halle, wo ich seitdem lebe, ist meine Heimat. Meine drei Kinder, alle fast erwachsen, sind hier geboren. Dann sage ich mir: Du musst doch kämpfen. Es ist so ein Jetzt-erst-recht-Gefühl. ZEIT: Mittlerweile liegt der Migrationsanteil in Sachsen-Anhalt bei elf Prozent, mehr als zwei Prozent der Wahlberechtigten haben eine Einwanderungsgeschichte. Machen Sie als Verein bei dieser Wahl etwas anders als sonst? Mohamad: Wir wollen noch stärker die Migranten ansprechen. Denn sie könnten die Kräfteverhältnisse im Parlament durchaus so ändern, dass die AfD nicht allein regieren kann – wir können eine Demokratie retten! Wir als Lamsa wollen Wahlforen veranstalten, Infoabende, weil viele das erste Mal demokratisch wählen und das System mit Erst- und Zweitstimme noch nicht verstehen. ZEIT: Das ist also so etwas wie die Kommunikation nach innen. Was ist die nach außen? Mohamad: Wir wollen in die persönliche Begegnung gehen. Deswegen planen wir einen Haustürwahlkampf für Demokratie, das machen wir das erste Mal, an vier Wochenenden. Aber wir machen das nicht für eine bestimmte politische Partei, sondern um die Menschen zu überzeugen, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Dazu wollen wir Menschen aus anderen Bundesländern einladen, uns zu begleiten. ZEIT: Wer soll da kommen? Mohamad: Wir sprechen migrantische Vereine aus dem ganzen Bundesgebiet an, aber auch andere zivilgesellschaftliche Organisationen. Daneben werden wir die Botschaft über soziale Netzwerke streuen. Kollegen aus Hessen haben schon zugesagt, auch eine Initiative aus Köln, Leute aus Berlin. Das ist ein Ausprobieren, wir fangen klein an. Alles, was mit dem Wahlkampf zu tun hat, finanzieren wir mit 50.000 Euro, die wir von Campact bekommen. Das sind zwei halbe Stellen, das ist nicht viel. ZEIT: Vor der sächsischen Landtagswahl gab es Kritik, dass sich die Kampagnenplattform Campact, ein westdeutscher Verein, in den ostdeutschen Wahlkampf einmische. Wie sehen Sie das? Mohamad: Es gibt keine inhaltliche Mitsprache, das war uns wichtig. Aber in Ostdeutschland haben weder Menschen noch Unternehmen die Mittel für hohe Spenden. Hier sitzen auch viel weniger Stiftungen – nur 1.900, während es in Westdeutschland 23.000 sind. Der entscheidende Punkt ist, dass Menschen mit Migrationsgeschichte die Umsetzer sind. ZEIT: Was möchten Sie den Menschen an der Haustür denn erzählen? Mohamad: Zur Idee gehört, unsere Perspektive als Migranten sichtbar zu machen. Zu zeigen: Wir sind hier, wir sind Teil dieser Gesellschaft – und auch zu verdeutlichen, was es bedeuten könnte, wenn die AfD regieren würde. Ich merke immer wieder, auch wenn ich mit AfD-Sympathisanten spreche, dass viele einfach nur reden wollen. Solange sie nicht laut werden, nicht aggressiv, muss man das auf der persönlichen Ebene auch tun. Denn sie denken, es hätte keine negativen Auswirkungen auf sie, wenn die AfD regiert. Aber das stimmt nicht. ZEIT: Welche möglichen Folgen meinen Sie? Mohamad: Der volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Schaden wäre erheblich. Überall arbeiten Migranten. Und überall wären sie meinem Eindruck nach bereit zu gehen, wenn die AfD regiert – Ärzte, Pflegerinnen, Paketboten. Ihren Job können sie auch woanders machen. Von vielen höre ich, das müssen wir uns nicht antun. Auch von Leuten, die hier geboren sind, die hier seit 30 Jahren oder länger leben. Selbst sie haben das Gefühl: Die Gesellschaft will uns nicht haben. ZEIT: Woran machen Sie das fest? Mohamad: Im Jahr 2024 hatten wir 280 dokumentierte Angriffe gegen Menschen mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt – so etwas verbreitet sich jedes Mal schnell in der gesamten Community. Seit dem Anschlag von Magdeburg ist es noch mal schlimmer geworden. Die Übergriffe haben zugenommen, auch der Alltagsrassismus. Schon jetzt hören wir jede Woche von mehreren Familien, die umgezogen sind oder es vorhaben. Wenn so viele gehen, ist das gerade für Sachsen-Anhalt katastrophal, wo die Bevölkerung schrumpft. Wir brauchen also dringend Menschen – aber wir vergraulen sie zugleich. Meine Schwester arbeitet in der Apotheke, mein Bruder hat die einzige Änderungsschneiderei in seinem Stadtteil. Auch sie sagen: Mamad, wenn du sagst, es ist Zeit zu gehen, gehen wir mit. ZEIT: Was lässt Sie bisher bleiben? Mohamad: Allein der Gedanke, Halle zu verlassen, tut mir weh. Ich habe hier Wurzeln geschlagen. Mein soziales Netz hält mich, auch Lamsa. Außerdem können viele Menschen nicht gehen, weil sie es sich nicht leisten können. Deswegen müssen wir, die können, doppelt kämpfen. Gerade ich. Ich höre von AfD-Sympathisanten immer wieder, ich sei gar nicht mitgemeint. Dann sage ich: Doch, das bin ich.