Zeit 22.01.2026
14:33 Uhr

Maybachufer in Berlin: Das lässigste Ufer


Das Maybachufer in Berlin wurde gerade zu einer der coolsten Straßen der Welt gekürt. Okay, cool. Aber auch im kanalklirrenden Winter?

Maybachufer in Berlin: Das lässigste Ufer
Ich bin ganz ehrlich: Ich wäre auch gern eine der coolsten Straßen der Welt. Und vielleicht war ich sogar ein ganz klein wenig enttäuscht, nicht auf der gerade veröffentlichten Liste von TimeOut zu stehen, dem vielleicht bekanntesten Stadtmagazin der Welt. Zumal es schon mit dem Nobelpreis wieder nicht geklappt hatte und ich mich bei der Wahl zum Baum des Jahres am Ende der Zitterpappel hatte geschlagen geben müssen, auf Nachfrage hin war es nicht einmal besonders knapp. So ein Platz unter den 31 von TimeOut für cool befundenen Straßen hätte mir da persönlich wirklich gutgetan. Stattdessen hat es das Berliner Maybachufer geschafft. Sogar auf den siebten Platz. Weltweit! In Europa ist nur die Ruo do Bonjardim in Porto noch etwas cooler. Und in Deutschland hat sich das Maybachufer gegen Tausende Konkurrentinnen durchgesetzt, obwohl fraglich bleibt, ob die Richard-Müller-Straße in Obermoschel oder der Nördliche Schaugraben in Schnackenburg wirklich gründlich getestet wurden Wie sehr sich das Maybachufer über seine Auszeichnung freut, weiß man nicht. Es hat sich nicht dazu geäußert. Wenn man cool ist, bekommt man von so was wahrscheinlich gar nichts mit. Darauf angesprochen, runzelt man vielleicht nur die Stirn, lächelt kurz irritiert und macht dann weiter das, was coole Straßen halt so machen. Wobei selbst TimeOut nicht richtig offenlegt, was das genau ist. Es ist nur vage von "authentisch" und von "kreativen Menschen" die Rede, aber beidem ist ja überall schwer zu entkommen. Da muss also noch etwas anderes sein, was cool macht. Etwas, das das Maybachufer mit der Rua do Senado in Rio de Janeiro (Platz 1), der Vinh Khánh Street in Ho Chi Minh City (Platz 10) und dem Boulevard Pasteur in Tanger (Platz 30) gemein hat und von mir unterscheidet. Und ja, ich ahne selbst: Das Einzige, was noch uncooler ist als Coolness-Ranglisten, ist, diese Listen ernst zu nehmen. Aber meine Uncoolness habe ich ja nun dank TimeOut schwarz auf weiß, ich habe also nichts mehr zu verlieren, und gleich am nächsten Morgen mache ich mich auf in Richtung Neukölln, der Heimat des Maybachufers, um mir aus der Nähe anzuschauen, was mir offenbar alles fehlt. Um kurz vor neun stehe ich auf der Kottbusser Brücke, an deren südlichem Ende das Maybachufer beginnt. Die Sonne gleißt hell, aber kraftlos in die Minusgrade, unter mir friert der Landwehrkanal, ein paar Schwäne vergraben ihre Köpfe tief in ihre serienmäßig fest installierten Daunenkissen. Ist wohl gestern wieder spät geworden. Partyschwäne halt. Sonst ist noch niemand zu sehen. Ich will nicht uncool früh erscheinen, also beschließe ich, das Maybachufer erst später zu betreten, und laufe zunächst auf der gegenüberliegenden Kreuzberger Seite am Kanal entlang: Das Paul-Lincke-Ufer war vor der Entdeckung Neuköllns in den Nullerjahren durch tollkühne Makler eindeutig das belebtere der beiden Ufer und scheint seitdem immer noch auf der Suche nach seinem neuen Platz zu sein, irgendwo zwischen behäbig und gediegen.