Zeit 28.11.2025
20:54 Uhr

Maurice Glasman: "Redet doch mal mit Arbeitern!"


Überall stürzen die Sozialdemokraten ab. Der britische Labour-Lord Maurice Glasman hat einen Rat an die SPD: Sie müsse sozial-konservativer werden – und sozialistischer.

Maurice Glasman:
"Durchsucht ihn gründlich, er ist Deutscher!", ruft Maurice Glasman den Frauen und Männern an der Sicherheitsschleuse zum Londoner Oberhaus zu. Die lachen zurück. Sie kennen den Humor des Lords mit der markanten Hornbrille. Glasman, 64, sitzt seit 2011 im Oberhaus. Zu verdanken hatte der Professor für Politische Theorie die Ernennung dem damaligen Labour-Vorsitzenden Ed Miliband – was ihn überraschte. Immerhin hatte Glasman erst kurz zuvor Blue Labour gegründet, eine Bewegung innerhalb der Partei, die einen neuen Kurs für die Linke will. Oder besser gesagt: eine Rückkehr zu den Werten, die aus Glasmans Sicht eine mehrheitsfähige Linke ausmachen würden. Nicht nur Teile von Labour, sondern auch die deutsche SPD sieht er auf einem selbstmörderischen Kurs, sagt Glasman, während er durch das Labyrinth des Oberhaus-Gebäudes führt, in einen abgelegenen Raum mit der Aufschrift "House of Lords Television Interview Room". DIE ZEIT: Lord Glasman, Sie sind der Gründer der Blue-Labour-Bewegung, einer Strömung innerhalb der britischen Labourpartei. Sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland schmieren die (mit-)regierenden Sozialdemokraten gerade auf historische Tiefstwerte ab. Woran liegt das – und worin besteht der Rettungsversuch Blue Labour? Maurice Glasman: Ich fange mal damit an, dass ich aus einer jüdischen Flüchtlingsfamilie stamme, die immer Labour-treu war. Aber damals war es eine Labourpartei, die insofern konservativ war, als sie an den König und die Institutionen der britischen Nation glaubte. Als Tony Blair und Gerhard Schröder dann diesen New-Labour-Kurs einschlugen, habe ich das als katastrophal empfunden. Sie glaubten hingebungsvoll an die Globalisierung. Migration wurde zum Wert an sich, ebenso wie Diversität. Damit schleiften sie die staatliche Souveränität, die für eine linke Politik unverzichtbar ist. Blue Labour heißt unsere Bewegung deswegen, weil Blau nicht nur für Konservatismus steht, sondern auch für Traurigkeit, für Tragik. ZEIT: Sie würden also sagen, dass Labour und die Sozialdemokratie schon Ende der 1990er-Jahre falsch abgebogen sind? Glasman: Ja. Wir haben drei schreckliche Jahrzehnte hinter uns, die Ära der progressiven Globalisierung, wie ich sie nenne. In Europa war es die EU, die demokratische Souveränität zugunsten von Freihandel einhegte. Das alles führte dazu, dass die Arbeiterklasse der Verrottung überlassen wurde, während das Kapital und die Industrieproduktion immer mehr nach China abwanderten. ZEIT: Was Sie sagen, klingt alles sehr nach der Art von Elitenkritik, die Donald Trump in der Arbeiterschicht populär gemacht hat. Glasman: Richtig. Ich war auch der einzige britische Politiker, der zur Amtseinführung von Trump nach Washington, D. C. eingeladen war. Die Einladung kam von Vizepräsident JD Vance. Zugleich bin ich ein Gegner Trumps. Er ist ein kapitalistischer Stalinist, dem ich nicht zutraue, tatsächlich Industriepolitik für die Arbeiterschicht zu machen. Was allerdings die Analyse angeht, dass wir jahrzehntelang von einer progressiven Elite regiert wurden, die nationalen Interessen regelrecht feindlich gegenüberstand – das ist auch meine Position. ZEIT: Das ist ziemlich genau die Kritik, die JD Vance 2016 in Hillbilly Elegy ausdrückte, dem Buch über seine Arbeiter-Familiengeschichte. Glasman: So entstand der Kontakt zu ihm. Er mailte mir damals das Manuskript des Buchs und fragte, ob ich es für möglich hielt, innerhalb der US-Demokraten eine Koalition für einen neuen New Deal aufzubauen … ZEIT: Vance unterstützte damals noch die Demokraten. Glasman: … und ich hatte keine Ahnung, wer er war. Ich dachte, ach, noch so eine E-Mail, noch so ein Buch. Meine Antwort an ihn war, dass die US-Demokraten so tief vom progressiven Virus infiziert seien, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie zu rooseveltschen Reformen in der Lage sein würden. Später kam ich nicht umhin, zu bemerken, dass Vance Vizepräsident der Vereinigten Staaten geworden war. Was die neue Ära, für die er steht, mit Blue Labour verbindet: Wir verteidigen Arbeiterinteressen, indem wir die nationale Freiheit und Demokratie als Basis staatlicher Souveränität hochhalten. ZEIT: Wir führen dieses Gespräch im House of Lords in London. Nebenan im Unterhaus hat die Labourpartei von Premierminister Keir Starmer eine komfortable Mehrheit. Binnen eines Jahres nach der Wahl ist sie aber in der Gunst der Britinnen und Briten enorm abgestürzt. Wenn morgen Wahlen wären, würde wahrscheinlich Nigel Farage mit seiner Reformpartei an die Macht kommen. Auch in Deutschland überflügelt die AfD die SPD mittlerweile mit großem Abstand. Glasman: (seufzt) Die SPD ist immer unsere wichtigste Schwesterpartei im Nachkriegseuropa gewesen. Mit anzusehen, wie sie sich selbst zerstört, ist furchtbar. Die deutschen Sozialdemokraten haben völlig vergessen, wer sie sind. Sie stecken in dieser Identitätskrise, weil sie sich von einer Arbeiterpartei zu einer extrem linksliberalen Partei entwickelt haben. Gleichzeitig scheinen sie nicht zu verstehen, dass die Umstände eigentlich perfekt für sie sind: Es braucht gerade mehr Souveränität, mehr staatliche Industriepolitik und mehr Arbeiterrepräsentation denn je.