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27.01.2026
12:40 Uhr
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Deutschland ist ohne die USA nicht verteidigungsbereit, sagt der Militärhistoriker und Oberst Matthias Rogg. Was geschehen muss, damit das Land resilienter wird.

Matthias Rogg ist Professor an der Bundeswehruniversität in Hamburg und Oberst. Er hat das Militärhistorische Museum in Dresden geleitet, an der Führungsakademie der Bundeswehr gelehrt und bildet nun am United States Army War College das militärische Spitzenpersonal der US-Landstreitkräfte aus. Rogg hat zahlreiche Werke zur Militärgeschichte verfasst und herausgegeben. Zuletzt erschien von ihm 2025 das Buch "Armee der Einheit?" über die deutschen Streitkräfte zum Ende des Kalten Krieges und nach der Wiedervereinigung. ZEIT: Herr Rogg, das Verhältnis vieler europäischer Länder zu den USA wirkt zerrüttet . Donald Trump fordert weiterhin Grönland . Sie bilden derzeit das zukünftige Spitzenpersonal der US Army aus, schauen aus den Vereinigten Staaten nach Europa. Welche Auswirkungen erwarten Sie auf das Bündnis? Matthias Rogg: Die Nato steht unter Druck wie noch nie in ihrer 76-jährigen Geschichte. Wenn ich als Historiker auf Bündnisse schaue, dann werden Allianzen meistens aus einem Kitt aus gemeinsamen Interessen, aber auch aus Werten zusammengehalten. Und es braucht Vertrauen und Verlässlichkeit, damit Bündnisse erfolgreich sind. Dieser Kitt ist brüchig geworden, und nach meiner Wahrnehmung sehen das viele in den USA genauso, auch innerhalb der Streitkräfte. ZEIT: Wie blicken Ihre Bekannten in den Vereinigten Staaten auf das amerikanisch-europäische Verhältnis? Rogg: Viele Amerikaner schauen sehr kritisch auf die aktuelle Politik, manche sind sogar entsetzt und beschämt. Aber die öffentliche Meinung und persönliche Befindlichkeiten helfen hier kaum weiter. Europa wird noch mehr und vor allem noch schneller in seine eigenen Verteidigungsfähigkeiten investieren müssen, vor allem bei Rüstungskapazitäten und im strategischen Bereich. Und gleichzeitig muss den USA immer wieder klargemacht werden, wie sehr sie selbst von der Nato profitieren: als Verstärkung der eigenen Fähigkeiten, durch die Nutzung gemeinsamer Ressourcen, zum Beispiel im Bereich Aufklärung, als wichtiger Rüstungsmarkt und nicht zuletzt durch Stationierungsabkommen innerhalb der Allianz. Kurzum: Ohne die Nato wären die USA als globaler Akteur entscheidend geschwächt. ZEIT: Sind die USA für die Nato und Europa noch ein Partner ? Rogg: Ja, das sind sie noch. Aber diese Partnerschaft wird komplizierter und weniger berechenbar. ZEIT: Der politische Konflikt um Grönland lenkt derzeit vom eigentlichen Aggressor ab: Russland sei ab 2029 in der Lage, die Nato in Europa militärisch zu bedrohen, warnen Militärs und Geheimdienste in Deutschland. Wie wirkt das Bedrohungsszenario auf Sie? Rogg: Leider wirkt das auf mich sehr realistisch. Russland stärkt seine militärischen Fähigkeiten. Die Rüstungsbetriebe produzieren dort bereits mehr Waffensysteme und Munition, als die Streitkräfte für den Angriffskrieg gegen die Ukraine brauchen. So bauen sie ein Potenzial auf, mit dem sie uns gefährlich werden können. Informationen zahlreicher Geheimdienste bestätigen die russische Aufrüstung und den Willen der Führung, die Waffen auch einzusetzen. Und wie Wladimir Putin denkt, das zeigen seine Reden und seine Drohungen gegen den Westen. Ihm geht es darum, die Nato zu schwächen und zu spalten. Aus Sicht der russischen Regierung ist die Ukraine nur ein erster Schritt in einem globalen Machtkampf. Es muss bis 2029 allerdings kein militärischer Schlag gegen die Nato erfolgen. Eine russische Aggression kann als Nächstes auch Moldau treffen oder erneut Georgien. ZEIT: Russlands Krieg gegen die Ukraine dauert bereits länger als der Krieg gegen Nazideutschland. Die Führung in Moskau hat ihr Ziel erreicht, dass die Ukraine nicht zeitnah in die Nato und in die EU aufgenommen werden dürfte. Warum hört Putin nicht auf? Rogg: Russland muss fast zwangsläufig Krieg führen, um nicht wirtschaftlich und politisch ins Hintertreffen zu geraten. Autokratische Regime brauchen einen Feind, ganz gleich, ob innen oder außen. Seine politischen Gegner im Inland hat Putin bereits ausgeschaltet. Seit Jahren wendet er sich deswegen gegen angebliche äußere Kontrahenten. Fast 40 Prozent des russischen Staatshaushaltes und acht Prozent der Wirtschaftskraft werden mittlerweile für den Krieg aufgewendet. Wir wissen aus der Geschichte, dass es sehr schwierig ist, eine Kriegsökonomie wieder in eine Friedenswirtschaft zu überführen. Der Krieg nährt die russische Wirtschaft, und Frieden würde Putins Macht gefährden. ZEIT: In Deutschland gibt es nicht wenige Menschen, die der Nato unterstellen, Russland zur Aufrüstung zu zwingen, weil sie sich immer weiter nach Osten ausgedehnt habe … Rogg: Solche Stimmen gibt es. Aber sie verkennen, dass Russland eine revisionistische Politik betreibt. Putin hat mehrfach gesagt, dass jeder Boden, auf dem einmal ein russischer Soldatenstiefel stand, zu Russland gehöre. Wie bei allen Autokraten gilt auch hier: Die sagen, was sie vorhaben, und diese Drohungen muss man ernst nehmen. ZEIT: Dabei steht ihm die Nato, die frühere Staaten der Sowjetunion und des Ostblocks aufgenommen hat, im Weg. Rogg: Die Staaten des Baltikums und Polen etwa fühlen sich nicht ohne Grund bedroht von Putin. Und Deutschland sollte ebenfalls mit einem realistischeren Blick auf die russischen Ambitionen blicken. Wenn wir uns nicht intensiver auf eine Verschärfung der Sicherheitslage vorbereiten, dann werden wir einen hohen gesellschaftspolitischen Preis dafür bezahlen.