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09.02.2026
11:14 Uhr
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Mathehausaufgaben bedeuten für viele Familien: Streit, Tränen, Druck. Doch Eltern können ihre Kinder unterstützen – auch wenn sie selbst längst ausgestiegen sind.

Mathe ist das Schulfach, bei dem viele Eltern reflexartig die Luft anhalten. Sobald ein Kind ruft: "Kannst du mir helfen?", geht der Puls nach oben. Nicht, weil sie nicht helfen wollen, sondern weil sie die Sache mit den rationalen Zahlen selbst nicht mehr können. Und weil sie noch genau wissen, wie sich das anfühlt: die Verzweiflung, wenn die Zahlen einfach nicht das machen, was sie sollen. Kaum ein anderes Fach weckt so viele negative Erinnerungen wie Mathematik. Und kaum eins bringt Familien so zuverlässig an ihre Grenzen. Mathehausaufgaben? Für viele die Hölle am Familientisch. Wenn beide Seiten, Kinder und Eltern, sagen: "Ich verstehe es einfach nicht", prallen zwei Unsicherheiten aufeinander – und dann eskaliert es. Warum wird es gerade bei der Mathematik so emotional? Und was können Eltern tun, damit es besser klappt? Mit x und y ins Abstrakte Am Übergang in die weiterführende Schule kommt vieles ins Rutschen. Denn dort verändert sich die Mathematik grundlegend. Zu den vertrauten Rechenaufgaben kommen Brüche, Dezimalzahlen und Variablen. Begriffe wie Term, Nenner, Zähler, Quotient, Gleichung tauchen auf. Die Welt der Mathematik macht einen Sprung in die Abstraktion – und viele Kinder springen nicht mit. "Die Kinder kommen aus der Grundschule und haben bestimmte Vorstellungen über Zahlen. Auf der weiterführenden Schule geraten diese plötzlich ins Wanken", sagt Nils Buchholtz, Mathematikdidaktiker an der Universität Hamburg. "Vor allem Brüche öffnen eine völlig neue Gedankenwelt. Plötzlich wird ein Produkt nicht immer größer, sondern manchmal kleiner. Das irritiert die Kinder sehr." Gleichzeitig erwischt dieser Sprung sie zu einem Zeitpunkt, an dem viele zum ersten Mal mit stärkerem Leistungsdruck und neuen Schulstrukturen konfrontiert werden. Bei manchen beginnt auch schon die Pubertät. Und in der Beobachtungsstufe, also den Klassen 5 und 6, trifft oft eine völlig neue Lerngruppe zusammen. Die Kinder müssen sich sozial sortieren, während die Anforderungen steigen. Und wenn dann in der Sekundarstufe I, ab Klasse sieben, das Rechnen immer abstrakter wird und das lineare Aufbauprinzip der Mathematik unerbittlich zuschlägt, wächst auch die Überforderung. Denn: Wenn Grundlagen fehlen, fällt das spätestens jetzt auf. Und schon ist er da, der Stress während der Hausaufgaben. Eltern geraten dann oft in eine Falle. Sie fühlen sich verantwortlich, wollen helfen, die Überforderung abzubauen, möchten unterstützen – und greifen zur vertrautesten Lösung: Sie setzen sich daneben, rechnen vor, erklären. Kann das funktionieren? Tatsächlich eher nicht. Denn wenn Eltern in ihrem Bestreben zu helfen, vorrechnen, Lösungen ansagen oder jeden einzelnen Zwischenschritt zu kleinteilig erklären, imitieren die Kinder sie nur. "Wenn Eltern Aufgaben vormachen, verlieren Kinder die Möglichkeit, wirklich zu verstehen", sagt Buchholtz. "Das ist eigentlich verlorene Lernzeit." Und oftmals können Eltern selbst nicht mehr zuverlässig schriftlich dividieren oder haben die Quadratformel längst vergessen. Sie sind gar nicht in der Lage, vorzudenken oder eine Aufgabe sinnvoll zu erklären. Sie sitzen genauso ratlos über dem Heft wie ihr Kind. Gerade in der Mathematik kann erschwerend hinzukommen, dass viele Erwachsene schlechte Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit mitbringen. "Wenn Eltern negative Gefühle oder Angst gegenüber Mathematik entwickelt haben, überträgt sich das", sagt Buchholtz. Dass Mathehausaufgaben in vielen Familien deswegen so emotional aufgeladen sind, belegt auch eine qualitative Untersuchung aus dem Jahr 2020: Eltern mit hoher Matheangst beschreiben die Situationen am Küchentisch als "frustrierend", "stressig" oder "überfordernd". Die Forschenden betonen, dass diese negative Grundspannung häufig schon entsteht, bevor überhaupt über Zahlen gesprochen wird. So entsteht ein emotionaler Kreislauf, der wenig mit den Zahlen auf dem Blatt zu tun hat. Und genau deshalb, sagt Buchholtz, seien Eltern selten nur wegen des Stoffs überfordert – sondern wegen der Gefühle, die an diesem Fach hängen. Wenn Hausaufgaben zum täglichen Kampf werden, wenn Kinder verzweifeln oder Eltern ungeduldig werden, liegt die Ursache selten ausschließlich an der Bruchrechnung oder am Variablenverständnis. "Oft verstärken sich Leistungsdruck und geringe Selbstwirksamkeit gegenseitig", sagt Buchholtz. Kinder erleben, dass sie nicht mehr mitkommen, und die Reaktionen der Eltern – manchmal ungewollt – verschärfen dieses Gefühl. Die Folge ist häufig ein Rückzug vom Fach: erst Frustration, dann Angst, schließlich Ablehnung. "Genau so entsteht bei vielen eine echte Antipathie gegenüber Mathematik", sagt Buchholtz. Hinzu kommt: Matheangst kann das Arbeitsgedächtnis einschränken. Sie beansprucht mentale Ressourcen, die eigentlich für das Rechnen und logische Denken gebraucht werden. Das geht nicht nur Kindern so. Auch Eltern, die nervös werden, sobald Zahlen ins Spiel kommen, können dann wirklich schlechter erklären – nicht wegen des Stoffs, sondern weil die Angst zu viel geistigen Raum wegnimmt.