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24.01.2026
13:46 Uhr
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Der deutsche Torhüter muss vom großen FC Barcelona zu einem Abstiegskandidaten wechseln. Ein Rückschritt? Keinesfalls. Denn nicht alles, was glänzt, ist Champions League.

In unserer Kolumne "Grünfläche" schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 04/2026. Girona ist, wie die Auskenner von urlaubsguru.de wissen, die geheime Schönheit Kataloniens. Gleich vier Flüsse fließen in der Stadt zusammen, eine der Brücken der Stadt sieht mit etwas Fantasie aus wie ein liegender Eiffelturm, weil sie von Gustave Eiffel erbaut wurde, und Teile von Game of Thrones wurden in der Stadt auch gedreht. Womit wir bei Marc-André ter Stegen wären, der jüngst ebenfalls Opfer von List, Verrat und Ränke wurde. Der FC Barcelona wollte den deutschen Nationaltorwart, der nicht mehr weiß, ob er einer ist, nicht mehr haben. Ter Stegen wurde das jüngste Opfer des hoch verschuldeten Klubs, der immer wieder versucht, sich einiger Großverdiener zu entledigen. Seine Verletzungen halfen sicher auch nicht. Weshalb ter Stegen nach zwölf Jahren bei Barca nun zum FC Girona ausgeliehen wurde, einem Abstiegskandidaten. Der Deutsche weinte beim Abschied in der Kabine, wurde in Spanien berichtet . Auf den ersten Blick ist das alles für ihn ein Rückschritt, eine Niederlage gar. Bei genauerer Betrachtung aber eine Entscheidung, die ter Stegen seinem großen Traum ein wenig näherbringen könnte. Und eine, von der wir alle noch lernen können. Weniger kann nämlich mehr sein, kleiner größer und blasser schöner. Ter Stegen jedenfalls braucht Spielpraxis, um nicht als eine der tragischsten Figuren des deutschen Torwartspiels in die Fußballgeschichte einzugehen. Der 33-Jährige nämlich hatte das Pech, zeitgleich mit Manuel Neuer spielen zu müssen, einer Ausnahmeerscheinung, an der einfach kein Vorbeikommen war. Mit dem FC Barcelona, einem der größten Klubs der Welt, gewann ter Stegen zwar fünf spanische Meisterschaften und die Champions League, die Fans liebten ihn. Aber zu einem erfüllten Torwartleben gehört es auch, einmal mit der Nationalelf bei einem großen Turnier im Tor zu stehen. Genau das blieb ihm jahrelang verwehrt, weil eben ein anderer der Beste im ganzen Land war. Im vergangenen Sommer dann trat Manuel Neuer endgültig zurück. Es hätte ter Stegens Moment sein können, doch er verletzte sich und Barcelona signalisierte ihm, er würde keine Spiele mehr bekommen. Schlecht für einen Torwart, der zur WM möchte – und zwar aufs Feld, nicht auf die Bank. Und da kommt ins Spiel, was Coaches einen Career Pivot oder Step back to level up nennen. Ein Schritt zurück nach vorn, wenn man so will. Ter Stegen geht nach Girona, weil er dort, so er denn gesund bleibt, spielen wird. Dort kann er zeigen, dass er gut genug ist, um im Sommer zur WM zu fahren. Gerade für Torhüter ist konsequente Spielzeit wichtiger als der Name des Vereins. Sie haben in kleineren Vereinen sogar mehr Chancen, sich auszuzeichnen, weil sie mehr Bälle aufs Tor bekommen. Deswegen wäre es auch gar keine so gute Idee, den sich derzeit im Bayerntor zu Tode langweilenden Manuel Neuer doch noch einmal zur WM von einer Rückkehr überzeugen zu wollen. Die Aphorismenschreiber dieser Welt haben Moves wie den von ter Stegen natürlich schon längst verstanden: Nur wer bereit ist, einen Schritt zurück zu gehen, findet auch wieder den richtigen Weg nach vorn. Nicht jeder Schritt zurück ist Flucht. Manche sind Anlauf. Einen Schritt vorwärts und zwei Schritte zurück zu machen bedeutet nicht immer Rückwärtsentwicklung – manchmal ist es einfach nur ein Cha-Cha-Cha. Aber nur weil so etwas auf Abreißkalendern steht, muss es ja nicht falsch sein. Jeder Ausdauersportler weiß, dass man erst langsamer unterwegs sein muss, um schneller zu werden. Wer einmal aus einer 120-Quadratmeter-Wohnung in etwas Kleineres gezogen ist, weiß plötzlich wieder, wo seine Lieblingssocken liegen. Und wie viele Angestellte sehen ihre Selbstwirksamkeit schrumpfen, je größer ihr Unternehmen wird? Hausmannskost ist nicht selten leckerer als ein Sternerestaurant. Auch der Flixtrain kommt ans Ziel, nicht selten sogar pünktlicher. Und in kleinen Stadien ist es oft sogar lauter als in den Kommerzarenen der Megaklubs. Es ist doch so: Nicht alles, was glänzt, ist Champions League. Und manchmal ist weniger Bühne genau der Platz, den man braucht. Übrigens hat der FC Barcelona angeblich eine sogenannte Angstklausel in den Leihvertrag eingebaut. Gegen Barcelona darf ter Stegen dann für Girona nicht im Tor stehen. Da fürchtet sich wohl jemand vor den Kleinen.