Zeit 08.12.2025
09:19 Uhr

Luftverkehrssteuer: Na, dann eben doch Kurzstrecke


Die Ticketsteuer soll sinken, die Bundesregierung will so die Airlines entlasten. Diese reagieren und behalten Flüge im Programm, die sie eigentlich streichen wollten.

Luftverkehrssteuer: Na, dann eben doch Kurzstrecke
Die Zahlen sind eindeutig: Weniger als die Hälfte der Passagiere war in diesem Sommer im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 auf Inlandsflügen unterwegs. Und das Gesamtpassagieraufkommen im Jahr 2024 lag nur bei 87 Prozent des Jahres 2019. Glaubt man den Airlines und Flughäfen, sind daran zu einem großen Teil die hohen Kosten in Deutschland schuld. Vor allem die sogenannte Ticketsteuer: Die wird von der Bundesregierung seit Dezember 2010 erhoben und von den Fluggesellschaften an den deutschen Zoll gezahlt. Pro Passagier liegt sie, abhängig von der Flugdistanz, zwischen knapp 16 Euro für Kurzstrecken und bis zu 71 Euro für Langstrecken. Im europäischen Vergleich ist das der Höchstwert. Das will die Bundesregierung ändern. Deshalb hat sie Mitte November eine niedrigere Luftverkehrssteuer beschlossen , die die Ticketsteuer auf das Niveau von 2024 sowie die Kosten für die Flugsicherung senken wird. Die Beträge reduzieren sich je nach Distanz um knapp drei Euro für Kurzstrecken bis hin zu 13 Euro für die Langstrecken. "Dies ist ein klares Signal, dass Fliegen in Deutschland wettbewerbsfähig ist", sagte der CSU-Vorsitzende und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Andererseits werden dem Staat jährlich rund 350 Millionen Euro an Einnahmen fehlen. Und auch einen anderen Effekt könnte es geben, wie Recherchen der ZEIT zeigen: Inlandsflüge könnten wieder zunehmen. Wie sinnvoll also ist der Vorstoß? Manche Inlandsroute wird gerettet "Wir halten eine Steigerung der Gesamtpassagierzahlen um ein bis zwei Prozent für plausibel", sagt Florian Linke, kommissarischer Direktor des Instituts für Luftverkehr am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Entscheidend sei, wie die Airlines mit der niedrigeren Steuer umgehen: Geben sie die Ersparnis zu 100 Prozent an die Passagiere weiter, könnten die billigeren Tickets Fluggäste anlocken. Auf einer Kurzstrecke wie Berlin nach Madrid würden Passagiere drei Euro einsparen. Es bestehe jedoch auch die Möglichkeit, dass die Airlines die niedrigeren Kosten nicht weitergeben und stattdessen in neue Routen investieren, sagt Linke. Sie hätten so mehr Spielraum, ihr Angebot auszubauen – und dadurch attraktiver für Geschäftsleute und Touristen zu werden. Airlines beklagen hohe Standortkosten Die Airlines begrüßen die Senkung. "Es ist ein guter erster Schritt", sagt ein Sprecher der Lufthansa. Die Steuern und Gebühren hätten sich seit 2019 verdoppelt und führten zu hohen Standortkosten. Laut den offiziellen Zahlen des deutschen Zolls lag die Luftverkehrssteuer im Jahr 2019 etwa bei der Hälfte der jetzigen Kosten. Das sei der Hauptgrund dafür, dass in den vergangenen Jahren immer weniger Inlandsstrecken angeboten werden. Laut dem Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft hat sich die Zahl der angebotenen Sitzplätze auf innerdeutschen Flügen seit 2019 mehr als halbiert. "Die angekündigten Entlastungen sind notwendig, um das rückläufige Angebot an deutschen Flughäfen zu stabilisieren", sagt der Lufthansa-Sprecher. Einer Beispielrechnung der Airline zufolge kostet jeder Abflug eines Kurzstreckenflugzeugs vom Typ Airbus A320 in Frankfurt rund 4.600 Euro. Im Vergleich dazu seien die Kosten in anderen europäischen Drehkreuzen zum Teil um ein Vielfaches geringer: In Madrid und Istanbul koste der Start des A320 nur 600- beziehungsweise 550 Euro, so die Lufthansa. Eine Studie des DLR bestätigt diese Zahlen in Teilen. Allerdings werden die Standortkosten auch durch flughafeneigene Gebühren nach oben getrieben. Am Beispiel Frankfurt kostet der Abflug somit knapp 10.000 Euro. Madrid ist mit knapp 4.000 Euro zwar noch immer deutlich günstiger – aber nicht im selben Ausmaß wie von der Lufthansa behauptet. Manche Kurzstreckenverbindung bleibt nun doch Ausgleichen kann die niedrigere Steuer diese Unterschiede nicht. Aber sie ermögliche der Lufthansa Group nach eigener Aussage, zumindest keine weiteren innerdeutschen Routen im Sommerflugplan zu streichen: So sollten eigentlich die Strecken zwischen dem Regionalflughafen Münster-Osnabrück und München entfallen, ebenso die Verbindung zwischen Dresden und München. Zudem habe die Airline in Erwägung gezogen, Verbindungen mit den Flughäfen Bremen und Hannover zu reduzieren. Jetzt wolle man doch an den Strecken festhalten, das Angebot in Stuttgart und Hamburg würde nicht reduziert, sagt der Lufthansa-Sprecher. Eurowings soll künftig außerdem weitere Verbindungen in europäische Metropolen bedienen. Und am Flughafen Berlin-Brandenburg sollen gar neue Strecken etabliert werden.