Zeit 25.02.2026
15:48 Uhr

Louvre: Ist der Louvre noch zu retten?


Der Louvre in Paris bekommt einen neuen Chef. Der soll das marode Kunsthaus sanieren – und nebenbei auch den Ruf der Grande Nation retten.

Louvre: Ist der Louvre noch zu retten?
Am besten wohl, man stellt sich den Louvre nicht als Kunsthaus, sondern als Kunstmaschine vor. Eine Maschine, die über Jahrhunderte still und emsig vor sich hin arbeitet – und dann, wie aus dem Nichts heraus, zu stottern, zu klappern, zu qualmen beginnt. Was ist passiert? Weshalb läuft diese größte Museumsmaschine der Welt nicht mehr so, wie man es doch erwarten könnte bei diesem Haus, das nicht nur der Kunst, sondern auch der französischen Nation einen überaus stolzen Rahmen bieten soll? Gerade scheint die Maschine vollends aufzugeben, ihre oberste Ingenieurin, die Museumsdirektorin Laurence des Cars, seit 2021 im Amt, hat am Dienstagabend ihren Posten geräumt . Und niemand scheint in Sicht, der wirklich wüsste, welche Räder, Hebel, Knöpfe jetzt am besten zu betätigen wären. Auch der am heutigen Mittwoch nominierte neue Louvre-Leiter , der 62-jährige Kunsthistoriker Christophe Leribault, wird es schwer haben. Zwar bringt er als derzeitiger Chef der Museumsanlagen in Versailles einiges an Erfahrung mit, er hat sogar schon einmal im Louvre gearbeitet. Doch die aktuelle Krise dort geht ja keineswegs bloß auf seine Vorgängerin des Cars zurück und ist erst recht nicht nur mit mangelndem Gestaltungswillen zu erklären. Vielmehr kommt in der Louvre-Krise etwas Größeres zum Ausdruck, etwas, das sich kaum auflösen lässt und für Frankreich nicht gerade untypisch ist: eine krude Mischung aus Selbstüberschätzung und Selbstvernachlässigung, aus Imponierfreude und trübem Unernst. Der Louvre, so hat es des Cars einmal gesagt, sei ein "politisches, diplomatisches und kulturelles Symbol". Und symbolisch scheint ebenso der Niedergang. Erst vor ein paar Tagen hatte eine parlamentarische Untersuchung den Louvre gleichsam als unrettbaren Fall beschrieben, der Vorsitzende Alexandre Portier sprach von "systemischen Versäumnissen", "einer Verdrängung von Risiken" und davon, dass das Management "versagt" habe. Doch nicht erst durch den hollywoodreifen Diebstahl von Juwelen im Wert von 88 Millionen Euro im vorigen Herbst ist das Museum zum Gespött der Welt geworden. Schon lange zuvor zeichnete sich ab, dass der Louvre am eigenen Erfolg zu ersticken droht, überrannt und zugleich schwer unterversorgt. Ein Museum im permanenten Ausnahmezustand So war bereits im Sommer vor drei Jahren der desaströse Zustand des Gebäudes, dessen Geschichte in Teilen auf das Jahr 1190 zurückgeht, überdeutlich zutage getreten. Damals wurde des Cars, wie sie später erzählte, am Wochenende angerufen, weil im Louvre wertvolle Leihgaben aus dem Capodimonte-Museum in Neapel akut bedroht waren. Nicht durch Diebe, sondern durch einen Wasserrohrbruch. Der schlimmste Schaden konnte abgewendet werden, ein Teil der Werke wurde vorzeitig zurückgegeben. Man müsse nichts dramatisieren, sagte damals die Direktorin. Aber der Louvre lebe in permanentem Ausnahmezustand. "Bei jedem Gewitter sind wir äußerst wachsam." Eigens wurde eine Feuerbrigade im Museum stationiert. Mal beschädigte ein Hagelsturm eines der gläsernen Dächer, dann tropfte Regen in eine Sonderausstellung mittelalterlicher Kunst, knapp neben ein Gemälde des Florentiners Cimabue von unschätzbarem Wert. Und all das, obwohl die Neugier des Publikums ungebrochen ist und sich der Louvre vor Besuchern kaum retten kann. Zuletzt kamen 8,7 Millionen im Jahr, die meisten zahlten über 20 Euro Eintritt. Da sollte man denken, allein durch die selbst generierten Einnahmen hätte das Museum die schlimmsten Schäden rechtzeitig abwenden können. Doch nicht in Frankreich: Hier arbeitet man lieber an kühnen Masterplänen, hofft auf die extragroße Lösung, statt sich mit glanzlosem Klein-Klein abzugeben und irgendwelche Wasserleitungen zu erneuern und Überwachungskameras zu installieren. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte Emmanuel Macron den Louvre zur Chefsache erklärt und im Beisein der Direktorin des Cars eine Art Neuerfindung des Museums angekündigt, eine "Renaissance" – und es schien, als spräche er nicht allein über das Bauwerk, sondern ebenso über sein zerrüttetes Land, das eine Wiedergeburt erleben sollte. Über eine Milliarde Euro wollte man investieren: für bessere Dächer, neue Leitungen, ein ausgefeiltes Sicherheitssystem. Außerdem für einen neuen Eingang und einen Museumstrakt, in dem das umschwärmte Hauptstück der Sammlung, die Mona Lisa von Leonardo da Vinci, endlich besser aufgehoben sein sollte als bisher. Doch die Erlösungsrhetorik des Präsidenten war rasch verweht. Vorwürfe wurden laut, die Direktorin kümmere sich nur um das Renommierprojekt und vernachlässige die Alltagsprobleme. Einige sprachen davon, dass des Cars vor allem um ihr eigenes Wohl besorgt sei und sich im Louvre ein Esszimmer für 500.000 Euro habe einrichten lassen. Hinzu kamen Proteste der Gewerkschaften, die sich über katastrophale Arbeitsbedingungen beschwerten. Die angekündigte Renaissance ist ausgeblieben Bis heute ist von den angekündigten Großplänen öffentlich kaum etwas zu hören gewesen, die Ergebnisse eines Architektenwettbewerbs blieben unter Verschluss. Die Renaissance ist ausgeblieben, der Louvre lebt weiter in einem Kuddelmuddel-Mittelalter. Der große Juwelencoup war so gesehen nur der unheilvolle Höhepunkt einer Geschichte, in der immerzu von Niedergang und ganz selten nur von Schönheit und ästhetischer Erfahrung die Rede ist. Am 19. Oktober , einem Sonntag, hatten sich zwei Männer in Bauarbeiterwesten mit einem Lastenaufzug auf den Balkon vor der Galerie d'Apollon fahren lassen, schlugen das Fenster ein und stahlen aus den Vitrinen einige auch in historischer Hinsicht wertvolle Juwelen. Acht Prunkstücke, darunter eine Smaragd-und-Diamant-Halskette, die Napoleon I. seiner zweiten Ehefrau Marie-Louise geschenkt hatte, ebenso ein Diadem mit 212 Perlen und fast 2.000 Diamanten, das einst der Ehefrau Napoleons III., Eugénie de Montijo, gehörte. Nicht nur der Louvre, ganz Frankreich fühlte sich beraubt, mit den Schmuckstücken war auch ein Teil der nationalen Geschichte abhandengekommen. Und alle Welt amüsierte sich über das Land und die stümperhafte Sicherung des Nationalschatzes. Eigentlich war des Cars gewarnt gewesen, das zeigten später die Untersuchungen. Schon 2018 hatte ein vertraulicher Bericht auf die unzureichende Technik hingewiesen, darauf, dass Einbrecher leichtes Spiel haben könnten. Mit bruchsicheren Fenstern etwa hätte man es den Dieben sehr viel komplizierter machen können. Doch offenkundig gingen die Warnungen unter, man war schließlich mit Größerem befasst. Gleich nach dem Einbruch hatte des Cars ihren Rücktritt angeboten, aber die Kulturministerin nahm sie zunächst in Schutz. Selbst als der Cour des comptes, der französische Rechnungshof, das Museum rügte, weil man dort lange gewusst hatte, dass die Sicherheitssysteme veraltet seien, schien es keinen Anlass zu geben, die Museumsleitung auszutauschen. Auch hier verlegte man sich lieber aufs Taktieren und Verzögern, niemand wollte offenbar politische Konsequenzen ziehen, am allerwenigsten die Kulturministerin Rachida Dati, die sich in vier Wochen zur Pariser Bürgermeisterin wählen lassen möchte. Große Worte, große Verschleppung – die Franzosen sind ganz bei sich. Und müssen miterleben, wie sich der Louvre in immer neuen Krisen verliert. Als gebe es insgeheim einen zweiten Masterplan, den Plan unausgesetzter Bestürzung, produzierte das Museum auch in den letzten Wochen eine Katastrophenmeldung nach der anderen. Weitere Streiks der 2.200 Mitarbeiter! Noch ein Wasserrohrbruch! In einem Saal morsche Balken! Dazu ein Ticketbetrug von horrenden Ausmaßen, rund zehn Millionen Euro sollen dem Louvre entgangen sein, neun Menschen wurden festgenommen, darunter zwei Mitarbeitende des Museums und mehrere Tourguides. Und der Raubüberfall? Vier mutmaßliche Täter konnten festgenommen werden, doch über die Hintermänner ist bis heute nichts öffentlich bekannt geworden. Die gestohlenen Schmuckstücke sind verschwunden, noch immer. Dass nun des Cars ihr Amt geräumt hat, muss also niemanden verwundern. Einst war sie als Wunschkandidatin des Élysées gestartet, eine Kunsthistorikerin, die zuvor die Orangerie und das Musée d'Orsay geleitet hatte und damit bestens für die Rettung des Louvre qualifiziert zu sein schien. Jetzt gilt die Retterin auch offiziell als gescheitert, Macron nannte ihren Rücktritt einen "Akt der Verantwortung", ohne offen auszusprechen, dass das Louvre-Desaster auch sein Desaster ist und es taktvoll gewesen wäre, nicht alle Schuld bei der Direktorin abzuladen. So aber kann man unbefangen weiterwurschteln. Und das Museum und mit ihm die Kunst müssen weiter leiden. Denn obwohl nun eine neue Leitung ernannt wurde, wird die Kunstmaschine nicht so schnell wieder summen und surren, wie man es erwarten sollte. Der Wartungsschaden ist einfach zu groß. Man hat den Louvre auf Verschleiß gefahren. Und kann nun schon froh sein, sollte es nicht zum Totalschaden kommen.