Zeit 17.02.2026
18:40 Uhr

Lola Randl: Soll die Kirche doch im Dorf bleiben, ich muss da raus


Irrsinnig lustig: Lola Randl erzählt in ihrem neuen Roman "Der lebende Beweis" von der vergeblichen Suche nach dem Glück in der ostdeutschen Provinz.

Lola Randl: Soll die Kirche doch im Dorf bleiben, ich muss da raus
Herzlich willkommen auf dem Dorf! Hier warten die große Freiheit und ein noch größerer Garten. Raus aus der Stadt, rein in die echte Welt, so lautet es doch, das Versprechen des Landlebens. Nur wartet dort auch, zwischen Löwenzahn und dem jährlichen Osterfeuer mit Bratwurst: der Wahnsinn. Zumindest wenn man Lola Randl und ihrem Roman Der lebende Beweis glaubt. In einem brandenburgischen Dorf hat die Erzählerin mit ihrem Mann ein Haus und einen alten Schlossgarten gekauft und renoviert. Im Gartencafé gibt es Edamame und Sushi-Torte, aus der Großstadt strömen die Gäste, und das Dorf ist wenig begeistert. Nun ist das Lola Randl selbst ziemlich exakt so passiert, in Gerswalde in der Uckermark, sie hat darüber bereits eine Doku gedreht, ihr Debütroman Der Große Garten erzählt davon, und über die Abneigung der Einheimischen gegenüber der Schriftstellerin und Filmemacherin gab es ganze Zeitungsartikel. Die Konfliktlinien solcher Stadtfluchtgeschichten sind offensichtlich: West und Ost, Geld und kein Geld, Zugezogene und Einheimische. Seit das Berliner Biobürgertum die Uckermark bevölkert, sind die Mietpreise dort gestiegen, und in den Cafés gibt es nicht selten Cappuccino aus dicken Siebträgermaschinen, das findet man wahlweise wunderbar oder richtig daneben. Selbstironisch nimmt Randl all diese Spannungen in Der lebende Beweis auf, ohne sich zu sehr in autofiktionalen Spielereien zu verlieren. Vor vielen Jahren schenkte ein rätselhafter Schulfreund der Erzählerin eine Tasche voll Geld, das sie in das "Projekt Landleben" steckte. Seitdem ist ihr, als sei sie einen Pakt mit dem Teufel eingegangen. Wie Eva von der Schlange wurde sie vom Geld verführt, nur dass es sie nicht aus dem Garten Eden hinaus, sondern in einen Garten hinein katapultierte. Doch auch nach 15 Jahren im Dorf gilt sie noch als Zugezogene, und die utopistischen Träumereien über neue Lebensmodelle sind inzwischen verloren gegangen. Die Erzählerin ist müde geworden, "nicht schlafensmüde, einfach müde. Lebensmüde, aushaltensmüde." Einmal schließt sie auf der Landstraße für einige Sekunden die Augen, während ihre Söhne hinten im Auto sitzen. Sie kann das alte Haus, ihre Familie, ja sogar ihren Liebhaber nicht mehr ertragen und rettet sich in das nächste Projekt: eine wirre Forschung, für die sie Dorfbewohner typologisiert, Mindmaps erstellt, ein Archiv durchforstet und sogar in die Kirche geht, eigentlich aber bloß um sich selbst kreist. So ist das mit den Städtern, könnte man nun meinen, aber wahrscheinlich ist es schlicht mit den Menschen so. Diese Geschichte dümpelt eine Weile so vor sich hin wie eine dieser NDR- Nordstory- Sendungen, bei denen an regionales Leben herangezoomt wird, als sei es ein seltenes Tier, und sie wäre einigermaßen banal und deprimierend, gäbe es da nicht diese detailreiche, suchende Sprache, die sich immer wieder selbst kommentiert ("So ein Quatsch"), und den wunderbar trockenen Humor (die Kinder lassen ständig die Autotüren offen stehen und wollen keine Trigonometrie lernen, sondern lieber, wie man sich vom Schulgebäude abseilt, und weil das reformpädagogische Konzept ihrer freien Schule auf intrinsisches Lernen setzt, tun sie das dann auch). So ehrlich resigniert hat selten jemand über Kinder, Sex und Ehe geschrieben. Und vielleicht ist es gar nicht das Dorf selbst, das die Erzählerin verrückt macht, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass das Leben selbst dann einrostet, wenn man alles anders machen wollte. Die kurzen Kapitel werden immer fiebriger und traumartiger, der Roman verliert seine Form, und die Erzählerin will nur noch weg aus dem grünen Paradies. Ohne zu viel zu verraten: Lola Randl selbst ist inzwischen weitergezogen und hat am Rande von Rom eine alte Autowerkstatt gekauft. Lola Randl: Der lebende Beweis. Roman; Matthes & Seitz, Berlin 2026; 188 S., 22,– €