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06.12.2025
19:38 Uhr
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Houssam Ammar wurde vom Lehrling zum Chef eines Logistikunternehmens, das kurz vor dem Aus stand. Heute organisiert er Transporte nach Syrien.

Es ist kurz nach acht Uhr an diesem Dienstagmorgen Ende September, als Houssam Ammar die Tür von Roland Logistik aufschließt. Der Arbeitstag des Geschäftsführers hat da längst begonnen. Ammar schaut auf das Display seines Handys. "Vor einer Stunde kamen die ersten WhatsApp-Nachrichten", sagt er. In seiner Stimme schwingt eine Mischung aus Routine und Aufbruch: Die ersten von insgesamt 200 Lkw-Ladungen mit Komponenten für eine Zementfabrik sollen an diesem Tag auf den Weg gebracht werden – von Österreich über die Alpen bis nach Italien und von dort verpackt in Containern weiter über das Mittelmeer bis nach Libyen. Im Laufe des Tages wird das Handy des 42-Jährigen deswegen immer wieder klingeln. Sprachnachrichten, Rückrufe, neue Fotos von der Fracht. Wenn Ammar antwortet, ist er gedanklich immer dort, wo gerade etwas passiert. Als würde er die Lastwagen direkt vor sich sehen. Rund 2.200 Kilometer trennen das nordafrikanische Empfängerland vom Firmensitz im niedersächsischen Delmenhorst. Von hier aus behält Ammar den Überblick – und vermittelt, wenn etwas hakt. "Die Fahrer waren zunächst an der falschen Halle in Peggau", sagt er. Er hat ihnen noch einmal den richtigen Standort geschickt. Nun sind sie auf dem Weg dorthin. "Jetzt sollte nicht noch mehr Zeit verloren gehen." Für Roland Logistik ist es ein großer Auftrag – aber kein ungewöhnlicher. Ob Libyen, Iran oder Syrien: Ammars Firma ist auf Nordafrika und den Nahen Osten spezialisiert. Und auf all die Herausforderungen, die Transporte in eine von Krisen geprägte Weltregion mit sich bringen. 42, übernahm den Betrieb, in dem er seine Karriere einst mit einer Lehre begonnen hatte. Viertel nach acht: Ammar läuft den Flur entlang, der zu seinem Büro führt. Auf dem Weg nickt er den Angestellten zu, die schon an ihren Schreibtischen sitzen und auf ihren Tastaturen tippen. Einer erzählt dem Chef aufgeregt von Panzern entlang der Grenzregion. Gemeint ist allerdings kein Konfliktgebiet im Nahen Osten. Sondern das Baltikum, gleich an der russischen und belarussischen Grenze, wo der Mitarbeiter jüngst seinen Urlaub verbracht hat. Acht von zehn Roland-Angestellten haben wie Ammar eine Migrationsgeschichte. Sie sprechen Englisch, Farsi, Kurdisch, Französisch, Spanisch. Auch ein Bruder von Ammar und seine aus dem Iran stammende Ehefrau gehören zur Belegschaft. Ammar und sein Team kennen den Nahen Osten mit seinen Problemen. Als er drei Jahre alt war, floh seine Familie vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Deutschland. Angekommen in Niedersachsen, belud sein Vater Lastwagen, Ammar besuchte ihn ab und zu bei der Arbeit. "Ich fand das spannend – das Verfrachten der Ware, die Anmeldung im Hafen", erinnert er sich. Also bewarb er sich 2001 für einen Ausbildungsplatz zum Speditionskaufmann bei Roland – dem Unternehmen, das er später übernehmen sollte und das in den 1970er-Jahren in Bremen gegründet worden und später nach Delmenhorst umgezogen war. Ins Bewerbungsgespräch sei er "total unvorbereitet" gegangen, erzählt er. Er hatte sich noch nicht einmal die mehrsprachige Website der Firma angeschaut. Deswegen hätten ihn die Fragen des damaligen Firmenchefs Günter Schulz über Ammars Arabischkenntnisse und den Islam überrascht. Bis heute spricht Ammar mit spürbarer Dankbarkeit über seinen ersten Chef, der ihm trotz alledem eine Chance gab. Um 9.30 Uhr haben die Lastwagen in Peggau endlich die richtige Halle erreicht – die Beladung beginnt. Ammar nimmt eine Sprachnachricht auf, gibt Anweisungen zum Ausfüllen des Frachtbriefs. "Von A nach B transportieren, das kann jede Spedition. Aber was ist mit dem Danach?", sagt Ammar. 22 Länder gehören zur Arabischen Liga, jedes hat eigene Vorschriften, von der Hafenabwicklung bis zur Verzollung. Hinzu kommen unterschiedliche Mentalitäten, für die andere Firmen, die dort Geschäfte machen wollen, oft wenig Gespür haben. Zu Ammars Job gehöre deswegen immer auch die kulturelle Übersetzung, sagt er. In nicht wenigen Ländern im Nahen Osten ist die politische Lage angespannt. Deshalb bietet Roland die Begleitung der Ware nicht nur bis zum Hafen, sondern bis zum Zielort an, wenn nötig, mit Sicherheitspersonal vor Ort. Etwa in Libyen, wo das Unternehmen weiterhin aktiv ist. Das Land ist derzeit gespalten – zwischen der international anerkannten Regierung im Westen und der Verwaltung des De-facto-Machthabers Chalifa Haftar im Osten. Wer Ammar einen Tag lang bei der Arbeit zusieht, der merkt: Er ist jemand, der Probleme direkt angeht. Jemand, der gut Beziehungen aufbauen und vertiefen kann. Und jemand, dem andere etwas zutrauen. Als sein alter Chef Ammar Anfang der 2000er-Jahre fragte, ob er lieber am Schreibtisch sitzen oder Karriere machen wolle, überlegte Ammar nicht lange – und fand sich mit 21 Jahren in Libyen wieder, wo er das Nordafrika-Geschäft weiter aufbauen sollte. Libyen näherte sich damals unter dem Langzeitdiktator Muammar al-Gaddafi dem Westen an, die USA und die EU hoben viele Sanktionen auf. Zahlreiche internationale Firmen – auch deutsche – versuchten nun, im rohstoffreichen Land Fuß zu fassen.