|
14.02.2026
12:26 Uhr
|
Ein vertrautes Gefühl kehrt zurück in die Popkultur: Sehnsucht ist das Erfolgsgeheimnis von Stoffen wie "Heated Rivalry" und "Wuthering Heights". Das kommt gerade recht.

In manchen Wochen ist so viel zu fühlen, dass es für ein paar Jahre reicht. Jetzt gerade würde man sich ja gern von den Übeln der Welt beurlauben lassen. Da schreibt der Modedesigner Joseph Altuzarra in der US-amerikanischen Vogue über seinen Lieblingsroman: Gerade hat er zum dritten Mal Emily Brontës Klassiker Wuthering Heights (Sturmhöhe) gelesen. Er stand dabei unter dem tiefen Eindruck der neuen Eishockey-Serie Heated Rivalry . Und es sind ihm einige Ähnlichkeiten aufgefallen: "Beide Erzählungen werden von Besessenheit angetrieben, von jenem Gefühl, dass bestimmte Verbindungen unvermeidlich, magnetisch, unmöglich zu widerstehen sind. In beiden geht es um Menschen, die nicht voneinander lassen können, egal, was es kostet." So eine Gefühlsintensität sei geradezu subversiv angesichts der leichtfertigen Datingkultur dieser Tage. "Verbindung gibt es überall, und doch fühlt sich echte Nähe oft flüchtig oder abwesend an", schreibt Altuzarra. Geschichten von überlebensgroßen Gefühlen und romantischen Schicksalen erzählt man sich seit Jahrtausenden. Zum Valentinstag werden nun die Eishockeyromanze und eine neue Kinoadaption von Sturmhöhe beworben. Beide arbeiten mit dem wirkungsvollsten Trick seit Erfindung der Filmkamera: schöne Schauspieler, die Gemeinheiten, Liebesschwüre und Körperflüssigkeiten austauschen. Das ist ungefähr so neu wie Vom Winde verweht . Aber möglicherweise reagieren diese beiden Popereignisse ja tatsächlich auf ein kollektives Bedürfnis, das zeitgemäßer ist, als es zunächst aussieht. Die Macher selbst haben Hinweise darauf hinterlassen. Jacob Tierney, der Regisseur von Heated Rivalry , wollte eine heiße schwule Romanze erzählen, die ausnahmsweise ein gutes Ende nimmt. Seine schockverliebten Sportler umkreisen die Hoffnung auf eine mögliche, rettende Liebe. Emerald Fennell hingegen, die Regisseurin der Wuthering-Heights -Filmadaption , hat ein Stück Weltliteratur zur surrealen Technicolor-Operette eingedampft. Sie sagt, so habe sie sich die Geschichte als 14-Jährige immer vorgestellt. Bunt, übertrieben, hormongesteuert und märchenhaft laubgesägt wirkt das unterhaltsame Ergebnis – und man kann die pubertäre Perspektive dahinter nachvollziehen. Wuthering Heights ist jetzt jedenfalls New Romance. Und die Bücher zu Heated Rivalry haben vor einigen Jahren das Subgenre Hockey Romance begründet. Dem großen Publikumserfolg der Literatursparte New Romance oder New Adult wird sogar die heldenhafte Rettung des Buchmarkts zugeschrieben. Aber die Resonanz wäre undenkbar ohne die technische und soziale Gegenwart, die diese Geschichten hervorgebracht hat. Und sie wäre ebenso undenkbar ohne den unsterblichen Topos der Sehnsucht. Die Frage ist, wie etwas schon immer Dagewesenes zum Trend werden konnte. Die romantische Sehnsucht, getrieben von unerfüllter, gegenseitiger, zerstörerischer, komplizierter, verbotener, tragischer und manchmal auch happy endender Liebe, füllt Tagebücher, Briefschatullen, Plattenregale, Chat-Verläufe, Bibliotheken, Film- und Tonarchive. Ihre Paarungen sind in Baumrinden und Steinen, an Bussitzen und Klotüren verewigt. Achill & Patroklos, Romeo & Julia, Tristan & Isolde, Lotte & Werther, Carmilla & Laura, Anna Karenina & Graf Wronski, Mina & Vlad, Catherine & Heathcliff, Vita & Virginia, Max & Ingeborg, Mulder & Scully, Ross & Rachel, Carrie & Big, Jack & Rose, Bella & Edward, Elio & Oliver, Carol & Therese, Sookie & Bill, Marianne & Connell, Shane & Ilya. Wer alle Paare erkannt hat, darf sich mit Stolz (und Vorurteil) romantisch empfindsam nennen. Die weltweiten, andauernden Unterhaltungen über diese Liebesgeschichten und ihre Wiedergänger werden online meist auf Englisch geführt. Da ist von longing (das Sehnen), yearning (das Sichverzehren), desire (das Verlangen), craving (das Begehren), obsession (die Besessenheit) die Rede. Aber ausgerechnet das Zentrum, auf das all diese Begriffe verweisen, ausgerechnet die Sehnsucht bleibt allein, ohne sprachliches Gegenüber. Sie ist auch wirklich schwer zu vermitteln, mit ihrem sperrigen Gepäck aus 250 Jahren deutscher Empfindsamkeit und Philosophie, mit der Anspruchshaltung, nicht bloß ein Gefühl zu sein, sondern gleich eine Lebenseinstellung. Auch wenn man sich ihr unbedarft nähern will, schreckt sie zurück. Die Sehnsucht ist überaus kapriziös und kommt doch sprachlich so simpel daher, dass schon kleine Kinder glauben, sie zu begreifen – ach, sie haben keinen Schimmer. Es geht schon ums Sehen und Suchen, also nach jemandem zu suchen und ihn dann immer wieder sehen zu wollen. Aber erst das N (wie Novalis) macht aus der Seh*sucht ein Spektakel von kosmischem Ausmaß. Die Sucht nach dem Sehnen ist ja nicht weniger als eine Sucht nach einer Sucht. Auf dieser Tautologie reitet der Prinz davon, und die Prinzessin fällt in eine hundertjährige Ohnmacht.