Zeit 28.11.2025
15:37 Uhr

Latein im Vatikan: Dann sind wir mit dem Latein am Ende


Im Vatikan soll die traditionelle Amtssprache nicht mehr verpflichtend sein. Da fällt man doch vom Glauben ab.

Latein im Vatikan: Dann sind wir mit dem Latein am Ende
In der Reihe " Die Pflichtverteidigung " ergreifen wir das Wort für Personen, Tiere, Dinge oder Gewohnheiten, die mehrheitlich kritisiert und abgelehnt werden. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 48/2025. Muss das Lateinische inzwischen sogar gegen den Vatikan verteidigt werden? Papst Leo XIV. hat ein neues Regelwerk verabschiedet, das die traditionelle Amtssprache der römischen Kurie als nicht mehr verpflichtend ansieht: "Die Behörden der Kurie schreiben ihre Akten in der Regel in Latein oder in einer anderen Sprache." Die "anderen" Sprachen waren bisher zwar auch erlaubt, aber doch nur ersatzweise, wenn eine Korrespondenz es etwa erforderte. Der amerikanische Papst ist, wie es scheint, ein moderner Mann, der mit der Zeit geht, die das Lateinische längst als etwas verschnarcht Vorgestriges betrachtet und aus den meisten Gymnasien schon erfolgreich vertrieben hat. Nur der Vatikan hielt bis eben jetzt eisern an der Sprache der Kirchenväter fest. Man hat dafür allerlei Gründe gefunden; unter anderen die präzise Begrifflichkeit, die das theologische Gemeinte vor der Unschärfe und dem Wortbedeutungswandel in lebenden Sprachen schützt. Aber der eigentliche Vorzug, das politisch weithin leuchtende Zeichen des Lateinischen war etwas anderes: Gerade weil die Sprache keiner Nation mehr gehört, bezeugte sie den Universalismus der katholischen Kirche . Sie privilegiert kein Land, kein Volk, keinen Staat, sie steht allen gleichermaßen nah und fern, sie spricht nur die Sprache der Religion. Die lateinische Kirche (wie man sie deshalb auch genannt hat) ist ganz und gar Weltkirche. Aber der universale Geist des Christentums? Die protestantischen Kirchen, die in den Reformationskriegen entstanden, mussten nolens volens den Schutz ihrer Fürsten suchen. Sie haben sich, um zu überleben, mehr oder weniger in Landeskirchen verwandelt, in Skandinavien oder Großbritannien sogar mit der weltlichen Krone als Oberhaupt. Der Preis war jedoch hoch, er bestand nicht nur in der Staatsnähe, sondern in einer zunehmend national-kulturellen Prägung. Auch die Theologie sprach nicht mehr in einer Sprache, sondern in Nationalsprachen. Der universale Geist des Christentums erlosch darin nicht, aber ist nicht mehr so leicht zu erkennen. Natürlich wäre es eine romantische Illusion, von der katholischen Kirche, die ihre Zentrale nun einmal in Rom hat, zu behaupten, sie wäre niemals vor den Gefahren einer Italianisierung gefeit gewesen. Es gab viel zu viele italienische Päpste, zu dominant ist das Italienische auch als Umgangssprache der Kurie, das neue Regelwerk trägt schon wie selbstverständlich den italienischen Titel Regolamento generale . Aber kann es klug sein, wenn ausgerechnet ein amerikanischer Papst durch seine Sprachpolitik der Kirche auch nach außen ein italienisches Design gibt? Nicht nur im deutschen und französischen Katholizismus, der oft mit der römischen Dominanz gehadert und sogar schon vor Jahrhunderten gelegentlich ein "Los von Rom" gefordert hat, könnte das Ende des Lateinischen ein altes Misstrauen wecken. Auch die Katholiken im Globalen Süden könnten einen neuen Kulturkolonialismus wittern. Aber ist es überhaupt denkbar, dass Leo XIV., immerhin ein gewiefter Verwaltungsmann und Hirte, den kostbaren Schatz der sprachlichen Neutralität gegenüber seiner bunt gemischten Herde aufgibt? Ein Rat an den Papst So richtig vorstellbar ist es nicht, dass er ohne Not ein Alleinstellungsmerkmal der katholischen Kirche opfert. Im Übrigen sendet er widersprüchliche Signale und hat beispielsweise die lateinische Messe wieder erlaubt, die sein Vorgänger aus Furcht vor reaktionären Umtrieben so unnachsichtig verfolgt hat. Wenn es erlaubt ist, aus protestantischer Erfahrung einen Rat an den Papst zu formulieren (wahrscheinlich ist es nicht erlaubt), dann wäre es dieser: Lassen Sie getrost die Messe in jeder Sprache lesen, die die Gläubigen erreicht – und sei es die lateinische –, aber vermeiden Sie jede Nationalsprachenkonkurrenz in der Kurie. Durchsetzen wird sich, schon des Ortes halber, das Italienische. Das wahre Christentum aber privilegiert keinen Ort, keine Sprache, keine Nation, keine Kultur – und dafür, als Zeichen seiner Universalität, hat es seine eigene Sprache gefunden. Es ist Latein, und über die Jahrhunderte ist Latein auch für die Zwecke der Theologie geformt worden. Übrigens hat auch Martin Luther zwar die Bibel ins Deutsche übersetzt, um die Gläubigen zu erreichen, aber seine theologischen Schriften meist auf Latein verfasst. Warum? Weil auch er keine Nationalkirche gründen wollte, sondern zur gesamten, nämlich der im ursprünglichen Wortsinne "katholischen" Kirche sprechen wollte.