Zeit 17.01.2026
15:57 Uhr

Lage im Iran: Es wird nie wieder vorbei sein


Die Protestbewegung im Iran kommt an ihr Ende? Nein. Aber allein wird es das iranische Volk nicht schaffen, das Regime zu stürzen.

Lage im Iran: Es wird nie wieder vorbei sein
Minu Barati, 49, ist deutsch-iranische Filmproduzentin und Autorin. Sie lebt in Berlin. Bei den seit Wochen andauernden Protesten im Iran sind sofort ikonische Szenen entstanden: eine weißhaarige Dame, die mit blutigem Gesicht schreit: "Ich habe keine Angst, ich bin seit 47 Jahren tot!", ein junger Mann im Schneidersitz vor Motorrädern einer bewaffneten Einheit, ein hübsches Mädchen, das verhaftet wurde und aus dem Milizenfahrzeug lächelnd den Protestierenden das Victory-Zeichen entgegenstreckt. Wurden sie inzwischen getötet oder nur verhaftet, gefoltert, vergewaltigt? Das wissen wir nicht. Es wird viel vom heroischen Mut der Menschen gesprochen. Aber nach bald fünf Jahrzehnten Repressionen, Gewaltherrschaft, psychischer Zermürbung und ökonomischer Verarmung ist es auch Wut und Verzweiflung, die das iranische Volk nun mit leeren Händen in den Kugelhagel laufen lässt. Als in der vergangenen Woche Internet und Telefonnetz im Land abgeschaltet wurden, griff die Angst um sich – im Iran und in der mehrere Millionen großen Diaspora weltweit. Sehr viele von uns, auch ich, haben immer noch keinen Kontakt zu unseren Familien im Iran. Und dann kam das befürchtete große Morden des Regimes. In meinem Umfeld gibt es die ersten Meldungen getöteter Verwandter. Inzwischen erreichten uns zahlreiche Bilder und Videos von Leichenbergen. Gezielte Kopf- und Herzschüsse sind erkennbar. Männer, Frauen, alt und jung, auch kleine Kinder. Teilweise werden in einen Leichensack mehrere Leichen gesteckt. Wenn die Angehörigen Glück haben, werden die Toten in Leichenschauhäuser oder zu Friedhöfen gebracht. Dort müssen sich Menschen durch Körper wühlen, um vermisste Angehörige zu finden. Es wird allerdings auch von anonymen Massengräbern berichtet. Die Todeszahlen sind kaum verifizierbar Polizei, Militär und ins Land gerufene Gruppen arabischer Terroreinheiten, sogenannte Proxys, haben in mehreren Städten Massaker angerichtet. Die Zahl der Toten aktuell zu verifizieren, ist kaum möglich . Der Exilsender Iran International verbreitete als erster die Zahl von mindestens 12.000 getöteten Zivilisten , der Sender bezieht sich dabei auf verschiedene Quellen, unter anderem auf Informationen aus dem Umfeld des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, auf zwei Quellen im Präsidialamt, auf Berichte aus der Islamischen Revolutionsgarde in den Städten Maschhad, Kermanschah und Isfahan, auf Augenzeugen und Angehörige sowie auf Daten medizinischer Zentren. Ich befürchte, dass sie noch sehr viel höher sind, so erschreckend ist jeder einzelne Augenzeugenbericht aus allen 31 Provinzen des Landes. Trotz des Blackouts sind über das Festnetz einzelne Telefonate möglich, auf sozialen Medien werden Aufzeichnungen davon geteilt und auch in meinem Freundeskreis sind solche Anrufe eingegangen. Oft beginnen die Gespräche mit dem Hinweis, dass man abgehört werde und vorsichtig sein solle. Es wird viel geweint, das Ausmaß der Traumatisierung ist spürbar. Hier in der Diaspora hatten wir tagelang keine Vorstellung davon, wie viele Tote es gibt und auf welch bestialische Weise gemordet wird. "Sie haben alle umgebracht", heißt es in diesen Telefonaten, und immer wieder: "Wir schaffen es nicht alleine." Die iranische Bevölkerung ist einer Komplettisolation sehr nah. Eine Regierungssprecherin teilte heute mit, dass der Internet-Shutdown bis zum persischen Neujahrsfest am 20. März anhalten solle. In den letzten Tagen wurden Wohnungen durchsucht, Mobiltelefone auf verbotene Inhalte kontrolliert und Satellitenschüsseln beschlagnahmt, mit denen ausländische Medien empfangen werden konnten. Ärzte sollen das offizielle Verbot erhalten haben , verletzte Demonstranten zu behandeln. Schwerverwundete werden noch in Krankenhäusern verhaftet und mitgenommen. In Apotheken werden Abfragen gemacht , wer Antibiotika oder Mittel zur Wunddesinfektion gekauft hat. Das Straßenbild aller Städte ist inzwischen von Militärfahrzeugen geprägt, Maschinengewehre im Anschlag auf Trucks, Motorradhorden mit schussbereiten Pistolen in der Hand. Auf Videos kann man sehen, dass Menschen per Lautsprecher aufgefordert werden, ihre Häuser nicht zu verlassen. Und dennoch gehen Proteste in vielen Städten weiter, Tag und Nacht. Ja, es sind nicht mehr Hunderttausende auf den Straßen. Aber es macht mich wütend, daraus einen sinkenden Protestwillen abzuleiten. Ob es wieder vorbei sei, fragen Medien. Die Antwort ist: Nein. Es wird nie wieder vorbei sein. Es ist seit Jahren nicht vorbei. Es wurde immer wieder protestiert und gestreikt.