Zeit 22.11.2025
12:35 Uhr

Länderspiele: Ein Hoch auf die Nationalhelden!


Unser Kolumnist hält nicht viel vom Nationalismus à la Putin, im Fußball aber liebt er Länderspiele, als archaischen Kontrast zum durchkapitalisierten Vereinsfußball.

Länderspiele: Ein Hoch auf die Nationalhelden!
In unserer Kolumne " Grünfläche " schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 47/2025. Fangen wir mit Irland und Troy Parrott an. Zuerst schoss der Stürmer sein Land mit zwei Toren gegen Portugal zum 2:0-Sieg, der den Iren durch eine Rote Karte gegen den Trump-Verbündeten Ronaldo zusätzlich versüßt wurde. Parrott sprach von der größten Nacht seines Lebens. Das gilt schon nicht mehr. Denn als wäre der Sieg gegen den Nations-League-Gewinner Portugal nicht Sensation genug, traf Parrott im nächsten Spiel gleich dreimal. Diesmal waren die Ungarn dran, das Team des Liverpool-Stars Dominik Szoboszlai. Zweimal glich Parrott einen Rückstand aus, den Siegtreffer erzielte er in der 96. Minute. Auf den Rängen in Budapest purzelten die irischen Fans übereinander. Im Post-Match-Interview heulte und schluchzte Parrott. "I love, where I'm from. This means the world to me." Er liebt seine Heimat. Sie mit Toren glücklich zu machen, bedeutet ihm alles. Auch der Reporter schaffte es nicht, seine Tränen zu unterdrücken. Dabei haben sich die Iren erst für die Play-offs qualifiziert. Die WM wird wahrscheinlich ohne sie stattfinden. Egal, Parrott ist kurz davor, den Heiligen Patrick als Nationalheiligen abzulösen, dem man nachsagt, dass er das Christentum nach Irland brachte und darüber hinaus mit seinem Bischofsstab alle giftigen Schlangen von der Insel vertrieb. Was ist das schon gegen fünf Tore in drei Tagen? Dass Geld nicht die große Rolle spielt. Dass Spieler nicht ständig die Mannschaft wechseln und auf den nächsten Vertrag schielen. Dass sie für eine größere Idee spielen. Dass Berater wenig Macht haben. Dass auf dem Platz das Herz noch zählt. So klingen Wünsche von Fußballromantikern. Und bei Länderspielen gehen sie in Erfüllung. Vom Nationalismus à la Trump, Putin und Orbán halte ich nichts, aber wenn das Konzept Nation friedlich und spielerisch gelebt wird, wie das im Sport (weitgehend) der Fall ist, dann habe ich damit kein Problem. Denn in der sogenannten Länderspielpause bekommen die Fans ein Kontrastprogramm. Der Wettbewerb der Nationen ist der archaische wie anarchische Bruder des durchkapitalisierten und -optimierten Vereinsfußballs. In der Nationalmannschaft – und nur dort – kann man zum Volkshelden werden. Dabei zuzuschauen, kann riesigen Spaß machen, wie in den zurückliegenden Tagen, als Entscheidungen in der WM-Quali anstanden. Zwei Tage nach dem Jubel der Iren war in Schottland Party. Der Hampden Park ist eigentlich ein Ort der Verzweiflung und des Fatalismus. "Herbstblätter liegen dicht und still / Über dem Land, das jetzt verloren ist", heißt es in der inoffiziellen Hymne Flower of Scotland , die in Glasgow vor dem entscheidenden Spiel gegen Dänemark angestimmt wurde. Im vorigen Jahr, bei der EM in Deutschland, traten sie noch wie Baumstammwerfer auf. Diesmal glänzten die Schotten mit einem traumhaften Fernschuss, einem Treffer aus der eigenen Hälfte und sogar einem Fallrückzieher ins Netz. Durch den 4:2-Sieg qualifizierten sie sich erstmals in diesem Jahrhundert für eine Weltmeisterschaft. "They drink Glasgow dry tonight" , rief der TV-Reporter nach dem Abpfiff. Meinte er die Mannschaft, die sich an der Eckfahne stapelte, oder die Fans, die sich ihre Gaumenzäpfchen heiß sangen? Sicher beide. "Es war einer der schönsten Abende meines Lebens", sagte Andy Robertson nachher. Er ist nicht nur Schottlands Kapitän, sondern eine Legende in Liverpool, unter Jürgen Klopp wurde er zweimal englischer Meister und Champions-League-Sieger. Mit Schottland hingegen wird er Probleme haben, die WM-Vorrunde zu überstehen. Und dennoch sagte Robertson: "Diese Gruppe von Jungs und Mitarbeitern ist die beste, mit der ich je zu tun hatte." Das hört man von Fußballern immer wieder. In der Nationalmannschaft entstehen, viel eher als im Verein, Freundschaften. Das fette Geld verdienen die Profis ja woanders. Vielleicht liegt es daran. Es geht eben um etwas Höheres. Warum ich Länderspiele noch so mag? Wegen der fröhlichen Klischeeparade im begleitenden Beiwerk. In Glasgow kamen einige trotz Wind und Wetter im Kilt ins Stadion. Die norwegischen Fans schlugen beim 4:1-Sieg in Mailand gegen den viermaligen Weltmeister ihre Wikingerhelme aneinander. Nigerias Trainer erklärte die Niederlage seiner Mannschaft gegen Kongo damit, dass der Gegner Voodoo-Methoden angewandt habe. Im Freudentaumel machte der Österreicher Michael Gregoritsch über sein Bäuchlein und sein schneckerlhaftes Tempo Witze. Er hatte gerade bewiesen: Man muss nicht schnell und schlank sein, um sein Land fesch nach Amerika zu schießen. "Das Beste, was ich als Fußballer erlebt habe", schwärmte er. Dem Ruf seines Stammes wurde auch sein Trainer Ralf Rangnick gerecht, der nach dem Spiel sagte: "Es zeigt, wie wichtig es ist, so einem Spieler trotzdem Vertrauen zu schenken." Gregoritsch sitzt in seinem Verein nämlich meist auf der Bank. Selbstironie auf der südlichen Seite der Zugspitze, Selbstlob auf der nördlichen. Apropos Deutschland: Die DFB-Elf entdeckte in dieser Woche gegen die Slowakei alte Tugenden. Mit dem Rücken zur Wand klappt's am besten. Das 6:0 war ein Sieg der Tat, und so triumphierte Nico Schlotterbeck: "Wenn wir spielen wie heute, egal ob der 46. oder der Weltranglistenerste kommt, können wir jeden Gegner schlagen. Wir sind immer noch Deutschland! Ich will zur WM gehen und das Ding gewinnen." Ein gutes Spiel (nach sieben schlechten), und schon ist man praktisch Weltmeister. So kennt uns die Welt. Und sobald einer das Nationaltrikot überstreift, färbt sich die Seele ein bisschen schwarz-rot-gold. Auch das ist Länderspielpause.