Zeit 14.02.2026
15:06 Uhr

La Repubblica und La Stampa: Geld aus Athen, Macht aus Riad


Italiens größte Zeitungen sollen verkauft werden an ein Reederkonglomerat aus Griechenland. Das hat einen fragwürdigen Investor: den saudischen Kronprinzen bin Salman.

La Repubblica und La Stampa: Geld aus Athen, Macht aus Riad
Diese Geschichte sollte man mit zwei Jahrestagen beginnen. Vor genau fünfzig Jahren kam in Italien die Tageszeitung La Repubblica auf den Markt. Sie stieg in kurzer Zeit nach ihrer Gründung auf Platz zwei in der Rangliste der meistverkauften Zeitungen des Landes auf. Vor achtzig Jahren hingegen erwarb die Industriellenfamilie Agnelli die Tageszeitung La Stampa , die viele Jahre auf Platz drei rangierte. Platz Eins belegte seit jeher die 1876 gegründete, konservativ-bürgerliche Corriere della Sera . Beide Zeitungen sind heute Teil der Medienholding Gedi, die wiederum im Besitz der Investmentgesellschaft Exor ist. Gedi soll nun verkauft werden. Ein üblicher Vorgang, könnte man meinen, aber so einfach ist die Sache nicht. Der CEO von Exor ist John Elkann, ein Enkel Giovanni Agnellis, Patriarch der Industriellenfamilie Agnelli. Sie hat den Autokonzern Fiat gegründet und groß gemacht. Fiat war ein Symbol für den rasanten Aufstieg Italiens in der Nachkriegszeit zu einer führenden Industrienation. Agnelli-Fiat-Italien – in dieser Tradition steht John Elkann, der nun auch Aufsichtsratsvorsitzender des global aufgestellten Autokonzerns Stellantis ist. Fiat gehört seit dem Jahr 2022 zu dem Konzern, neben vielen anderen Automarken – etwa Opel, Peugeot oder Chrysler. Und selbst wenn Elkann Aufsichtsratsvorsitzender dieses weltumspannenden Unternehmens ist, bleibt Italien das Land, das seinen Vorfahren den Aufbau einer der erfolgreichsten Autofirmen der Nachkriegszeit ermöglichte. Viele Italiener leiten daraus eine besondere Verantwortung Elkanns ab. Griechische Reeder und ein saudischer Prinz Elkann aber kündigte vor einigen Monaten an, dass er sich von der verlegerischen Tätigkeit in Italien zurückziehen will. Auch das ließe sich zwar als eine nicht besonders traditionsbewusste, aber doch nachvollziehbare Entscheidung eines Unternehmers begreifen. Allerdings will Elkann an die griechische Mediengruppe Antenna verkaufen, die im Besitz der griechischen Reederfamilie Kyrakou ist. Die wiederum hat ein gutes Verhältnis zu Donald Trump, zum Emir von Qatar Tamin-al-Thani sowie zum saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Vor drei Jahren kaufte Mohammed bin Salman für 225 Millionen Euro 30 Prozent der Gruppe Antenna. Das nun lässt in der Redaktion von La Repubblica größte Sorge aufkommen. Alessandra Ziniti, vom Redaktionsrat der Zeitung, sagt: "Exor will die Zeitungen an jemanden verkaufen, der Journalisten in einem Konsulat zerstückeln lässt!" Gemeint ist das Schicksal des saudischen Journalisten Jamal Kashoggi. 2018 wurde er in Istanbul in das saudische Konsulat gelockt, wo er ermordet wurde. Das geschah vermutlich auf Befehl von Mohammed bin Salman. Der Kronprinz konnte die kritischen Artikel Kashoggis offenbar nicht mehr ertragen. Die Befürchtungen der Belegschaft der Repubblica werden von John Elkanns Verhalten genährt. Er verhandelt ausschließlich mit Antenna über den Verkauf der Gedi-Holding. Die Redaktion hat wiederholt um ein Gespräch mit Elkann gebeten. Vergebens. Falls es Neuigkeiten gebe, so die dürre Mitteilung von Exor an die Redaktion, werde man das der Redaktion mitteilen. Was hat Antenna mit La Repubblica und La Stampa vor? Gibt es einen unternehmerischen Plan? Wie sieht es mit den finanziellen Ressourcen von Antenna aus? Und welche Rolle spielt Mohammed bin Salman? Über all dies und vieles weitere ist kaum etwas bekannt. Auch ein eintägiger Streik der Redaktion brachte keine Klärung. "Wir werden völlig im Dunkeln gelassen", beklagt Ziniti. Die Redaktion selbst hat mühsame Recherchen angestellt, um ein wenig Klarheit darüber zu gewinnen, an wen sie da eigentlich verkauft werden soll. Antenna hat in den letzten Jahren in südosteuropäischen Staaten Medien gekauft, in Italien ist sie bisher aber ein völlig unbekanntes Unternehmen. Ziniti sagt, die Recherchen hätten den Eindruck verstärkt, dass Antenna selbst "über keine solide finanzielle Basis verfügt". Symbol der pluralen Öffentlichkeit Um die Unruhe zu verstehen, die dieser offenbar bevorstehende Verkauf auslöst, muss man sich noch einmal die Bedeutungen der beiden Zeitungen vor Augen führen. La Repubblica attackierte über Jahre mit brillanten, bissigen Kommentaren die in ihren Augen unzulängliche italienische politische Klasse. Piero Ottone, einer der prominentesten Journalisten Italiens, selbst Kolumnist von Repubblica , beschrieb das Wesen dieser Zeitung mit dem Satz: "Sie zielte nicht auf die Wahrheit, sie spielte auf Sieg". La Stampa ist von zurückhaltender Natur, liberal-bürgerlich, von großer journalistischer Neugier getrieben, und obwohl im Besitz der Agnellis, berichtete sie weitestgehend frei und unabhängig. So unterschiedlich die beiden Zeitungen auch sind, so sehr prägten sie Italiens Medienlandschaft, so groß war ihr Einfluss auf die italienische Öffentlichkeit. Das ist lange her. Heute sind sie nur mehr ein Schatten ihrer selbst, die Verkaufszahlen sind seit Jahren sinkend, und beide Zeitungen haben Mühe mit der digitalen Transformation. Trotzdem aber bleiben sie allein schon wegen ihrer Geschichte ein Symbol für eine lebendige, streitbare und plurale Öffentlichkeit. Damit, so die Befürchtung der Redaktionen, könnte es mit dem Verkauf an Antenna ein Ende haben. Es ist in der Tat auch kaum vorstellbar, dass eine Mediengruppe, in der der saudische Kronprinz großen Einfluss hat, La Repubblica und La Stampa so lassen wollen, wie sie immer waren: aufmüpfig, unbequem, liberal bis ins Mark. Wer die Website der Investmentgesellschaft Exor aufruft, liest Folgendes: " Exor builds great companies!" In den Ohren der insgesamt 1.200 Beschäftigten von La Repubblica und La Stampa muss dies wie Hohn klingen.