Zeit 27.11.2025
18:44 Uhr

Künstliche Intelligenz: Im Anfang war der Wunsch nach Dominanz


Donald Trump hat die "Genesis-Mission" ausgerufen. Das Ziel: das KI-Rennen gewinnen. Eine Sache lässt er unerwähnt: Woher soll nur das Geld kommen? Der KI-Newsletter

Künstliche Intelligenz: Im Anfang war der Wunsch nach Dominanz
Die Zahl der Menschen, die mithilfe von KI Texte generieren, ist von 50 Prozent im Vorjahr auf nun 43 Prozent gesunken. Das ist zwar nur ein Randaspekt einer aktuellen Forsa-Umfrage , die ansonsten nicht allzu überraschende Erkenntnisse zutage förderte, doch ich finde ihn ziemlich bemerkenswert. 43 Prozent sind nicht viel weniger als 50, aber schon so viel weniger, dass ich kurz darüber nachdenken musste, wie dieser Abschwung wohl zustande kommt. Meine Vermutung: Die ChatGPTisierung unserer Sprache nervt mittlerweile mehr, als dass sie nützlich ist. Wer täglich mindestens drei E-Mails bekommt, die mit "Ich hoffe, es geht Ihnen gut" beginnen und recht geschliffen – um nicht zu sagen: uninspiriert – klingen, der entdeckt womöglich die Interessanz der Imperfektion wieder (auch der eigenen). Nun lesen Sie ja einen KI-Newsletter mit einem Autorennamen, also wissen Sie menschliche Imperfektion vielleicht zu schätzen. Vielleicht sehen Sie es aber auch ganz anders als ich. Wenn dem so sei, dann prompten Sie uns doch eine perfekt imperfekte Antwort auf diese Ausgabe an ki@zeit.de . Wir antworten Ihnen mit einer Schätzung, wie hoch der KI-Anteil Ihrer Nachricht ist. Garantiert ohne ChatGPT-Hilfe! Das müssen Sie wissen: Donald Trump will die US-Dominanz im KI-Rennen sichern Man verliert bei den ganzen Executive Orders, die Donald Trump so unterschreibt, ja schnell den Überblick, aber diese hier vom Montag ist für die KI-Branche doch recht bemerkenswert: Die US-Regierung hat eine Genesis-Mission angekündigt. Das biblische Buch Genesis beginnt, wie die Unter-Pfarrerstöchtern -Hörerinnen und -Hörer unter Ihnen natürlich wissen, mit den Worten "Im Anfang". Und im Anfang des KI-Zeitalters will Donald Trump offenbar gleich die KI-Herrschaft übernehmen. Oder es zumindest versuchen. Mit der Genesis-Mission will die US-Regierung "die Produktivität und Wirkung der amerikanischen Forschung und Innovation" innerhalb eines Jahrzehnts verdoppeln . Sie solle Durchbrüche in Bereichen wie Medizin oder Energie ermöglichen, sagt Trumps Wissenschaftsberater Michael Kratsios . Dafür will man in 60 Tagen 20 potenzielle Wissenschafts- und Technologieprojekte mit nationaler Priorität identifizieren. Das Energieministerium soll eine Bestandsaufnahme der verfügbaren IT-Ressourcen des Bundes erstellen und eine sichere Plattform bauen, die Akademikerinnen sowie KI-Firmen Zugang zu wissenschaftlichen Daten der US-Regierung gibt. Ein wichtiger Punkt wird in dem Dekret nur sehr vage erwähnt: Woher soll eigentlich das Geld kommen? In der Executive Order heißt es, das sei abhängig von den "verfügbaren Mitteln". Auch wie die verschiedenen Datenformate kompatibel gemacht werden sollen, steht nicht drin. Gegen wen sich die KI-Allmachtsfantasien von Donald Trump richten, dürfte dagegen klar sein: China. Das technologische Wettrennen mit der Volksrepublik werde das 21. Jahrhundert bestimmen, sagte Trump schon im Juli . Darüber sollten Sie nachdenken: Gibt's bald, ganz legal, KI-Lieder mit Ed-Sheeran-Stimme? Vor einem Jahr haben sich die größten Musiklabels zusammengeschlossen und zwei aufstrebende Unternehmen verklagt, mit deren Tools man KI-Musik generieren kann. Nun hat eines dieser Musiklabels, die Warner Music Group , mit einem dieser KI-Unternehmen, Suno , eine Kooperation bekannt gegeben. Nutzerinnen und Nutzer sollen KI-generierte Musik mit ihren Lieblingskünstlerinnen und Kompositionen auf Suno erstellen können – sofern die Künstler zustimmen. Das dürfte für viele User nicht uninteressant sein, vor allem wenn einige der größten Stars von Warner Music Group mitmachen. Zu denen zählen Musiker wie Ed Sheeran und Dua Lipa. Warner Music verkauft das Ganze als Sieg der Kreativbranche, von dem alle profitieren. Denn Suno baut dafür lizenzierte Modelle, und das bringt den Künstlerinnen Geld. Vor allem profitieren aber wohl Suno und Warner Music: Mit dem Deal meiden beide einen teuren Rechtsstreit, denn Warner Music lässt die Klage fallen. Die Kooperation zwischen den Firmen fällt in eine Periode des noch recht jungen KI-Zeitalters, in der sich Urheberinnen langsam ihre Rechte zurückerstreiten. In Deutschland gewann kürzlich die Gema vor Gericht gegen OpenAI . Nur stellt sich die Frage, wie sich Musiker, die eigens Lieder komponieren, weiter finanzieren sollen. Schon jetzt verdienen erfolgreiche Künstlerinnen erschreckend wenig über Streamingdienste wie Spotify. Man kann sich nicht vorstellen, dass es mit KI-generierter Musik besser wird. Vor allem nicht für diejenigen, die nicht Ed Sheeran oder Dua Lipa heißen. Das können Sie ausprobieren: Den Shopping-Berater von ChatGPT Viele Techunternehmen bieten mittlerweile Shoppingfunktionen an. Die KI-Suchmaschine Perplexity war früh dran, Google hat in den USA gerade Einkaufsfunktionen im KI-Modus in der Suchmaschine eingebaut. Schon seit September kann man bestimmte Produkte direkt innerhalb von ChatGPT kaufen. Seit dieser Woche gibt es dort auch einen Produktrecherche-Modus . (Ausgerechnet in der Black-Friday-Woche.) Mein Kollege Henrik Oerding, der seit vielen Jahren Elektrogeräte für die ZEIT testet, hat die neue Shoppingfunktion für einen Artikel ausprobiert. Der ist noch nicht veröffentlicht, aber hier bekommen Sie einen exklusiven ersten Einblick. Henrik fragte die KI nach Empfehlungen für Fernseher. Nach ein paar Rückfragen, schreibt er, "soll ich Tinder-artig entscheiden, ob ich 21 gezeigte Modelle hot or not finde. Darunter sind Topmodelle – aber auch seltsame Marken, von denen ich noch nie gehört habe." Am Ende empfiehlt ChatGPT dann tatsächlich den Fernseher, den auch Henrik kürzlich empfohlen hat . Das heißt aber nicht, dass Sie seinen Text nicht mehr lesen sollten. Denn: "Die Vergleichstabelle, die mir die KI mit mehreren Fernsehern anzeigt, enthält viel Quatsch", schreibt er. Zum Beispiel erwähnt sie ein "sehr tiefes Schwarz" bei einem der Fernseher, aber nicht bei einem anderen, obwohl das für den genauso gilt. Das liegt wohl daran, dass die KI Texte zusammenfasst, die sie im Internet findet. Und wenn in einem nichts steht zum "sehr tiefen Schwarz", dann taucht das auch nicht in der Kategorie auf. Aus eigener Anschauung kann ich nur ergänzen: Es lohnt sich, einmal auf den Link zu klicken, der hinter der Beschreibung eines Produkts folgt. Denn manchmal steckt hinter dem Link für die angeblich seriöse Bewertung einfach ein Onlineshoppingportal. Und was sollen die schon anderes tun, als ein Produkt, das sie selbst verkaufen, in allerhöchsten Tönen anzupreisen?