Zeit 20.02.2026
15:02 Uhr

Klimawandel und Biodiversitätsverlust: Der Klimawandel ist ein unterschätztes Sicherheitsrisiko!


Wir brauchen ein umfassenderes Verständnis von Sicherheit, sagt Biodiversitätsforscherin Katrin Böhning-Gaese. Es muss auch Umweltrisiken berücksichtigen.

Klimawandel und Biodiversitätsverlust: Der Klimawandel ist ein unterschätztes Sicherheitsrisiko!
Katrin Böhning-Gaese ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Die Zeiten sind unsicher. Die Welt erlebt derzeit die höchste Zahl an Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg – und insgesamt auch die brutalsten. Dazu kommt: Das internationale System erodiert, die Vereinten Nationen sind geschwächt. In dieser komplexen Gemengelage ringt Europa um seinen Platz in der Welt und um seine Sicherheit. All das wirkt sich auf die Stimmung im Land aus. Umfragen zeigen: Die Bundesbürger sorgen sich vor allem vor Kriegsgefahren , dem Zuzug von Flüchtlingen, Inflation und wirtschaftlichen Einbußen. Die politischen Antworten darauf lauten: Zuzug begrenzen, Wirtschaft ankurbeln und die militärische Sicherheit erhöhen. Diese Bedrohungen sind ernst und ernst zu nehmen, keine Frage. Was wir darüber aber nicht vergessen dürfen: Auch der Klimawandel, der Verlust der Biodiversität und die Umweltverschmutzung stellen große Risiken dar. Im allgemeinen Bewusstsein und auch in der Politik haben sie jedoch keine Priorität mehr. Diese Risiken nicht zu beachten, kostet aber auch heute schon Menschenleben. Wegen der Hitzewellen starben in Deutschland allein im Jahr 2025 etwa 2.500 Menschen . Und Luftverschmutzung durch Feinstaub führte der Europäischen Umweltagentur zufolge in Deutschland zu 60.000 Todesfällen im Jahr 2023. ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und Professorin für Biodiversität im Anthropozän an der Universität Leipzig. Welche Gefahren mit dem fortgesetzten Verlust an Natur und Ökosystemen verbunden sind, hat die Wissenschaft hinreichend belegt und kommuniziert. Neben weiteren Akteuren aus NGOs, Initiativen oder Verbänden befassen sich aber auch Organisationen mit dem Thema, von denen man es auf den ersten Blick nicht vermutet. Der britische Geheimdienst etwa hat kürzlich in einem Bericht für Großbritannien festgehalten, dass der Niedergang der Natur "die nationale Sicherheit und den Wohlstand" des Landes "gefährdet" und geopolitische Verwerfungen nach sich ziehen könnte. Die Gefahren sieht auch der Privatsektor, wie der jüngste Global Risk Report des Weltwirtschaftsforums zeigt: Selbst wenn kurzfristig geopolitische und wirtschaftliche Risiken überwiegen, dominieren langfristig über die nächsten zehn Jahre Umweltrisiken das Bild, also Extremwetter-Ereignisse , der Verlust an Biodiversität, kritische Veränderungen der Erdsysteme und die Umweltverschmutzung. Deshalb brauchen wir ein umfassenderes Verständnis von Sicherheit, zu dem mehr gehört, als aufzurüsten und die Wirtschaft mit Krediten zu befeuern. Das bestätigt zum Beispiel der Niinistö-Report. Der Bericht wurde von der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben und vom finnischen Ex-Präsidenten Sauli Niinistö verfasst . Er fordert einen "all-hazards approach", der alle natürlichen und alle vom Menschen verursachten Risiken und Gefahren gleichermaßen in den Blick nimmt – auch den Klimawandel sowie die Zerstörung der Umwelt. Doch wie bereitet man sich vorausschauend auf diese Gefahren vor? Neben einem aktiven Klimaschutz gehören dazu die Regulierung des Einsatzes giftiger Chemikalien, die Vorbereitung auf Extremwetter-Ereignisse, die Anpassung an häufigere Hitzetage in Städten oder der Schutz von Böden. Nicht zu vergessen der Schutz der biologischen Vielfalt, denn eine hohe Biodiversität schafft resiliente Ökosysteme, die uns Menschen auch in Zukunft mit Wasser und Nahrung versorgen. Diverse Kulturlandschaften sind vielleicht weniger produktiv, dafür jedoch stabiler und resilienter. Biodiversität funktioniert dabei wie ein gemischter Aktienfonds: Für eine einzelne Aktie kann die Rendite kurzfristig höher sein; der diversifizierte Fonds ist dafür stabiler. All das zeigt: Es gibt unterschiedlichste Risiken. Nur die offensichtlichen und drängendsten zu betrachten, mag kurzfristig richtig erscheinen. Langfristig wird es die Herausforderungen jedoch vergrößern und uns vor enorme neue Probleme stellen. So wird aus einer kurzfristigen Politik schnell eine kurzsichtige.