Zeit 04.03.2026
18:06 Uhr

Klimawandel: Risiko steigender Meeresspiegel an Küsten wurde jahrelang unterschätzt


Weltweit könnten deutlich mehr Menschen von untergehenden Küstenregionen bedroht sein als bisher angenommen. Forscher trafen in bisherigen Studien teils falsche Annahmen.

Klimawandel: Risiko steigender Meeresspiegel an Küsten wurde jahrelang unterschätzt
Mit wenig Klimaschutz könnte der Meeresspiegel zum Ende des Jahrhunderts weltweit um bis zu einen Meter höher liegen als noch im Jahr 1900. Und er wird noch lange weiter steigen. So lautet die Prognose des Weltklimarates IPCC. Für Küstenbewohner auf der ganzen Welt heißt das: Der Ozean wird zunehmend Häuser, Ernten und saubere Wasserquellen zerstören, Deiche müssen höher gebaut, manche Städte wahrscheinlich sogar aufgegeben werden. Forschende versuchen deshalb immer wieder, in Studien einzuschätzen: Wo ist das Risiko durch den steigenden Meeresspiegel besonders hoch? Und wie viele Menschen werden von den Folgen betroffen sein? Die bisherigen Antworten darauf könnten deutlich untertrieben sein, wie ein Forschungsteam im Fachjournal Nature nun zeigt . Meeresspiegel liegt höher als in Modellen angenommen Grund ist eine systematische Unterschätzung der Realität, die sich in viele Risikoeinschätzungen geschlichen hat: Es war jahrelang gängige Praxis, sich für Studien zu den Risiken des Meeresspiegelanstiegs auf Erdmodelle zu stützen, die dessen Höhe systematisch unterschätzen. Den Daten der Gruppe um Katharina Seeger und Philip Minderhoud von Wageningen University & Research (WUR) zufolge liegt der aktuelle Meeresspiegel im Durchschnitt um 20 bis 30 Zentimeter höher als in zwei häufig verwendeten Erdmodellen. In manchen Gebieten seien es sogar mehrere Meter. Rund 90 Prozent der 385 untersuchten Studien aus dem Zeitraum 2009 bis 2025 nutzten Erdmodelle, bei denen der Meeresspiegel an Küsten allein auf der Grundlage von Schwerkraft und Erdrotation berechnet wird. "Tatsächlich wird der Meeresspiegel von weiteren Faktoren beeinflusst, wie Wind, Meeresströmungen sowie Wassertemperatur und Salzgehalt", sagt Studienautor Minderhoud. Um korrekt vorzugehen, hätten die Forschenden die Modelldaten zur Höhe des Landes an Küsten mit echten Messungen des Meeresspiegels kombinieren müssen. Dass das nötig wäre, wurde allerdings von vielen Forschungsgruppen und Fachgutachtern übersehen. Tatsächlich fanden Seeger und Minderhoud nur eine einzige Studie, in der sämtliche Berechnungen korrekt ausgeführt worden waren. Minderhoud habe vor zehn Jahren in Vietnam gesehen, dass im Mündungsdelta des Flusses Mekong Gebiete bereits unter Wasser standen, die nach Schätzungen auf Basis solcher Erdmodelle erst bei einem Meeresspiegelanstieg von 1,5 bis 2 Metern hätten überflutet werden sollen. Was er und andere Forscher schon geahnt hatten, hat die Studie nun bestätigt: Viele Regionen sind bereits durch einen geringeren Meeresspiegelanstieg bedroht als bisher angenommen. Oft handelt es sich dabei um Städte mit Millionen von Einwohnern. Von einem mittleren Meeresspiegelanstieg um einen Meter könnten der neuen Analyse zufolge allein in Südostasien etwa 24 bis 47 Millionen und weltweit rund 77 bis 132 Millionen Menschen betroffen sein. Bisher seien Studien zum Ergebnis gekommen, dass der Anstieg um einen Meter global 34 bis 49 Millionen Menschen betreffen könnte. Meereshöhe für Südostasiens Inseln und im Pazifik stark unterschätzt In Europa und Nordamerika sind die Modelle der neuen Studie zufolge deutlich präziser als im Globalen Süden. Am stärksten unterschätzt werden die Meereshöhen demnach in Südostasien und im Indopazifik, wo es viele flache Atolle gibt. "Für Deutschland, wo es amtliche, qualitätsgesicherte Vermessungen gibt, ist das Problem weniger relevant", sagt Gabriel David von der Technischen Universität Braunschweig, selbst nicht an der Studie beteiligt. Im Globalen Süden hingegen seien Satellitendaten oft die einzige verfügbare Berechnungsgrundlage. "Kleine Inselstaaten wie die Malediven – mit nur wenigen Hunderttausend Einwohnern – verfügen schlicht nicht über die Ausbildung, das Personal und die Infrastruktur, um eigene hochpräzise Höhenvermessungen bereitzustellen, wie sie in Europa selbstverständlich sind." Direkte Folgen für Anpassung an den Klimawandel Die Studienautoren betonen, dass die meisten der ausgewerteten Studien keine Fehler enthalten, sondern eine gemeinsame Annahme zu Meeresspiegeln verwendeten. Diese Annahme habe sich als deutlich ungenauer für die Bestimmung weltweiter Küsten-Meeresspiegel erwiesen als bisher angenommen. Inwiefern sich die systematische Unterschätzung auch auf die globalen Projektionen des Weltklimarats IPCC auswirkt, lässt sich durch die Studie noch nicht sagen. Fest steht nur, dass einige der nun als ungenau eingestuften Studien in dem letzten Sachstandsbericht zitiert wurden. Viele nationale Richtlinien würden sich jedenfalls stark auf häufig zitierte Quellen wie den IPCC stützen, sagt Gabriel Mara. Er ist Analyst für Anpassung, Verluste und Schäden im Pazifikraum bei der NGO Climate Analytics und war ebenfalls nicht an der Studie beteiligt. "Wenn der Meeresspiegelanstieg schneller steigt als derzeit angenommen, dann treten auch Verluste schneller ein, als unsere Planungs- und Vorhersagemodelle annehmen", sagt Mara. Die Folgen des Klimawandels könnten für viele Länder des Globalen Südens also heftiger ausfallen, als sie es bisher erwartet haben – und als sie sich darauf vorbereiten konnten. Dieser Artikel enthält Material der dpa und des deutschen Science Media Center.