Zeit 19.01.2026
07:57 Uhr

Kindermode: Sollen Kinder entscheiden, was sie anziehen?


Viele Eltern schmücken sich gern mit adrett gekleidetem Nachwuchs, oft gibt es Streit. Dabei wäre es besser, Kindern modische Experimente zu erlauben.

Kindermode: Sollen Kinder entscheiden, was sie anziehen?
Selig war die Zeit, als man einfach anzog, was Mutter oder Vater am Vorabend herausgelegt hatten – bis sie unerträglich wurde. An jenem Morgen, an dem ich zum ersten Mal selbst entschied, frühstückte ich ein Nutellabrot, und die Sonne schien, gerade stark genug, um mit nackten Beinen in den Kindergarten radeln zu können. Hellblau und weiß war das Kleid, nicht unähnlich dem von Alice im Wunderland. Ich wählte es aber weniger wegen seiner Farben als wegen der von Rüschen verdeckten Rocktasche, in die ich später, in der Bauecke, einen irisierenden Glas-Nugget einzustecken gedachte. Der Tag meiner modischen Emanzipation fiel also zusammen mit einem Sündenfall. Man kann das für Zufall halten. Aber auch Adam und Eva banden sich direkt nach der Sache mit dem Apfel, der Geburtsstunde des freien Willens, erstmals Feigenblätter um die Lenden. Früher wurden Kinder "fein gemacht" mit kratzigen Hosen und Matrosenanzügen; Individualität war dem Anstand untergeordnet. Blickt man heute auf die Mini-Mes in den Cafés, scheint Kinderkleidung noch immer zu einem großen Teil Statussymbol der Eltern zu sein. Dabei ist die Garderobe ein dankbarer und vergleichsweise harmloser Ort für Rebellion und Selbstausdruck, für die Nerven jedenfalls schonender als ein Machtkampf am Esstisch. Bevor ein Kind entscheiden sollte, wann es schläft oder ob es aus dem Futternapf der Katze isst, darf man es getrost darauf bestehen lassen, ein Tiger im Tutu zu sein. Die Zumutung liegt dabei allein auf der Seite der Eltern. Halten sie es aus, wenn ihr Kind nach ihren Maßstäben "hässlich" kombiniert? Wenn ihnen die optische Entgleisung im Supermarkt peinlich ist, spiegelt das meist nur die Angst wider, als nachlässig zu gelten. Dabei ist elterliches Eingreifen nur dort zwingend, wo es um Witterung oder Anlass geht: keine Sandalen im Schnee und zur Beerdigung lieber nicht im Elsa-Kostüm. Ansonsten gilt: Genau wie man das Gehen nicht ohne Stolpern lernt, braucht es für die Entwicklung eines eigenen Stils auch die Freiheit zum modischen Fehltritt. Welche Stilfrage haben Sie? Schreiben Sie an stilberatung@zeit.de .