Zeit 02.02.2026
18:12 Uhr

Kennedy Center: Dann macht Trump den Laden eben zu


Das Kennedy Center in Washington soll schließen. Bröckelt da wirklich ein Gebäude – oder will der US-Präsident die Kulturszene abreißen?

Kennedy Center: Dann macht Trump den Laden eben zu
Donald Trump ist ein großer Ablenkungskünstler, die Kunde ist nicht neu. Möchte er, dass die Welt über etwas anderes redet als das, was ihm gerade nicht mehr in den Kram passt, verkündet er etwas oft Erstaunliches, manchmal Schockierendes. Sein aktuelles Manöver, so es wirklich eines darstellt, ist nun besonders spektakulär. Diesmal geht es nicht um Weltpolitik (Grönland, Venezuela, Iran etc.), es betrifft lediglich eine, wenn auch bedeutende Kulturinstitution in der US-Hauptstadt Washington. Der Trick ist: Alles an Trumps Verkündung scheint zugleich durchschaubar und an den Haaren herbeigezogen – dadurch besitzt sie in ihrer geschlossenen Argumentation fast schon so etwas wie eine absurde Schönheit. Es besteht allerdings auch die Möglichkeit, dass der US-Präsident und ehemalige Immobilienentwickler Trump in diesem Fall über mehr Erkenntnisse verfügt, als er bislang mit der Öffentlichkeit geteilt hat. Die bestünden darin, dass der Bau des 1971 eröffneten Kennedy Centers in Washington, D. C., des nationalen Kulturzentrums für darstellende Künste, tatsächlich derart marode wäre, dass das Gebäude besser bald saniert würde. Am gestrigen Sonntagabend hat Trump auf seinem eigenen Social-Media-Kanal Truth Social verkündet , das Kennedy Center ab dem 4. Juli, dem Nationalfeiertag, darum für zwei Jahre schließen und renovieren zu wollen. Das ist eine echte Nachricht. Zumal Trump diese Kulturinstitution seit Beginn seiner zweiten Amtszeit als Präsident so stark und direkt wie keine andere in den USA beeinflusst hat: Erst hat er sich im Februar 2025 zu ihrem Chairman wählen lassen, im Dezember 2025 hat er dann sogar seinen Namen an die weiße Marmorfassade anbringen lassen. Weit sichtbar steht da nun: The Donald J. Trump and John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts . Mit der Verkündung der Schließungsentscheidung lenkte Trump am Sonntag aber eben kurzfristig die öffentliche Aufmerksamkeit weg von der Grammy-Verleihung am gleichen Abend, in deren Verlauf prominente Musikerinnen und Musiker wie Bad Bunny und Billie Eilish die Politik der US-Regierung auf offener Bühne anprangerten . Und vor allem beendet Trumps Mitteilung mit einem Schlag eine seit Monaten laufende PR-Krise für ihn höchstselbst, die auch mit Kulturschaffenden zu tun hat: die schier endlose Kaskade an Absagen von Künstlern, die nicht mehr im Kennedy Center auftreten, nicht mehr ihre Werke dort aufgeführt sehen, einfach nicht mehr mit der Institution in Verbindung gebracht werden wollten, seit Donald Trump dort hineinregiert. Ist der Laden zu, kann auch niemand mehr absagen, dort nicht mehr erscheinen zu wollen. Schon im Laufe des vergangenen Jahres ergaben zudem Recherchen der New York Times und der Washington Post , dass die Zuschauerzahlen im Kennedy Center seither drastisch zurückgegangen sind. Donald Trump hat nun die einfachste, brutalste, überraschendste Lösung für all diese unangenehmen Nachrichten gefunden: ein Ende mit Schrecken – Schließung und Sanierung. Das mutmaßliche Ablenkungsmanöver wird dadurch perfekt, dass Trump keines der bekannten Probleme am Kennedy Center erwähnte. Sondern bloß eines behauptete: der Zustand des Gebäudes. Ein ganzes Jahr lang, schrieb Trump nun auf Truth Social, habe es eine Untersuchung dazu gegeben. Man habe Bauunternehmen, Musikexperten, Kunstinstitutionen und andere Berater zu der Frage konsultiert, ob eine Renovierung bei laufendem "Unterhaltungsbetrieb" oder eine bei temporärer völliger Schließung besser sei. Er habe sich jetzt zu letzterer Lösung entschlossen. Völlig offen ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ob Trump als US-Präsident überhaupt das Recht dazu hat oder ob ein derartiger Schritt nicht mindestens der Zustimmung des US-Kongresses bedürfte. Ebenso unbekannt war bis Sonntagabend auch die Existenz einer angeblichen Untersuchung der Bausubstanz des Kennedy Center. Einen Sanierungsplan kennt jedenfalls die Öffentlichkeit bisher nicht (was einen angesichts eines Präsidenten, der vor Kurzem ohne jede Genehmigung durch die sonst befassten Gremien und fast ohne Vorwarnung den East Wing des Weißen Hauses abreißen ließ, nicht wundern kann). Was mit den Hunderten Angestellten des Kennedy Center nach dem 4. Juli 2026 passieren soll; was mit den geplanten Auftritten von Künstlerinnen und Künstlern; was mit dem National Symphony Orchestra, das im Kennedy Center seine Spielstätte hat; und wo während einer Schließung die alljährlichen Verleihungen der Kennedy Center Honors und des Mark Twain Prize stattfinden sollen: Auch das alles weiß im Moment noch niemand.