Zeit 25.02.2026
15:38 Uhr

Kartelle in Mexiko: "Jeder Minister ist käuflich"


Ein Drogenboss stirbt, seine Kämpfer nehmen Rache: Der gewalttätige Aufstand in Mexiko zeigt, wie mächtig die Kartelle sind. Und die Lieferungen gehen weiter.

Kartelle in Mexiko:
Nach allem, was man weiß, waren die letzten Minuten im Leben von Nemesio Rubén Oseguera, genannt El Mencho, dramatisch. Der mächtigste Drogenboss Mexikos hatte sich vergangenen Sonntag in einem Klubhaus nahe der Ortschaft Tapalpa im westlichen Bundesstaat Jalisco versteckt. Als Spezialeinheiten des Militärs das Haus belagerten und sechs Hubschrauber der Luftwaffe darüber kreisten, flüchtete Oseguera mit seinen Leibwächtern in die nahe gelegenen Hügel. Die Soldaten setzten nach, es kam zum Feuergefecht. Dabei wurde Oseguera schwer verwundet. Er starb kurz darauf in einem Helikopter auf dem Weg zu einer Kaserne , so zumindest die Darstellung des mexikanischen Verteidigungsministers. Was dann folgte, war nicht weniger dramatisch. Die Kämpfer seines Drogenhandelsrings Cartel Jalisco Nueva Generación (CJNG) nahmen Rache und probten den Aufstand . Sie blockierten Straßen, zündeten in Städten Fahrzeuge und Geschäfte an. Bewaffnete Kämpfer überfielen Stützpunkte der Nationalgarde, mindestens 25 Mitglieder der Sicherheitskräfte verloren bei den Gefechten ihr Leben. Der Terror erreichte auch die Industriestadt Guadalajara, Austragungsort von vier Spielen der Fußballweltmeisterschaft in diesem Sommer. Am Ende des Sonntags wurden in 23 Bundesstaaten insgesamt 252 Straßenblockaden gezählt. Der Terror ist eine gewaltige Demonstration der Macht der Drogenbanden. Die mexikanischen Kartelle sind ein Staat im Staat mit eigenen Gesetzen. Das wichtigste lautet "Loyalität bis in den Tod". Der gewalttätige Aufstand zeigt, wie wenig die Kartelle den Staat und seine Sicherheitskräfte fürchten. Für ihre Anführer kommt das Recht aus den Gewehrläufen. Damit ist das gesamte demokratische Gemeinwesen bedroht. Allein schon die Tatsache, dass Oseguera als meistgesuchter Mann Mexikos (von dem es nur wenige, überwiegend alte Fotos gibt) sich zehn Jahre lang seiner Festnahme entziehen konnte, sagt einiges aus über den Einfluss der Kartelle. Das gilt umso mehr, wenn man weiß, dass die USA – ein Hauptexportmarkt des CJNG – auf seinen Kopf 15 Millionen Dollar ausgesetzt hatten. Man sollte meinen, für diese Summe fände sich ein Verräter in den eigenen Reihen. Aber es war wohl nicht genug. "Es ist oft nur eine Frage der Summe" "Im Drogenhandel ist so viel Geld, dass es für die Kartelle ein Leichtes ist, jede gebotene Summe zu überbieten", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter der Vereinten Nationen (UN) in Mexiko, der jahrelang das Treiben der Drogenbanden beobachtet hat und aufgrund seiner Tätigkeit anonym bleiben möchte. Mit mehreren Hundert Milliarden Dollar jährlich beziffern die UN die weltweiten Erlöse aus dem Drogenhandel. "Dadurch ist für die Kartelle jeder Polizist, jeder Staatsanwalt, jeder Minister käuflich", sagt der Ex-UN-Mann. Der Staat könne einfach unterwandert werden. "Es ist oft nur eine Frage der Summe." Wie leicht Söldner dem CJNG zulaufen, kann man eindrücklich auf Videos sehen, die während des Aufstands vergangenen Sonntag aufgenommen wurden. In einem trägt ein CJNG-Söldner das Barett einer Eliteeinheit aus Guatemala. Wenn das Video authentisch ist, bestätigt es, was die Sicherheitskräfte längst vermuten, nämlich dass die Kartelle erfahrene Soldaten aus anderen Ländern rekrutieren. Man darf sich die Drogen-Söldner nicht als hemdsärmelige Pistoleros vorstellen. Es sind in der Regel gut ausgebildete Kämpfer, die keine Skrupel kennen. Nicht selten sind sie in Mexiko besser ausgerüstet als die auf sie angesetzten Soldaten. Bei der Operation gegen Oseguera beschlagnahmte das Militär Munition, gepanzerte Fahrzeuge und Granatwerfer, mit denen Hubschrauber abgeschossen werden können. "Meine Anerkennung gilt dem mexikanischen Heer, der Nationalgarde, den Streitkräften und dem Sicherheitskabinett", verkündete die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum nach der Militäroperation. "Tagtäglich arbeiten wir für den Frieden, die Sicherheit, die Gerechtigkeit und den Wohlstand von Mexiko." Seit ihrer Amtsübernahme hat Sheinbaum klargemacht, dass sie die Strategie ihres Vorgängers im Umgang mit Drogenbanden ablehnt. Der wollte die Kartelle einbinden. "Umarmungen statt Kugeln" lautete seine Devise. Sheinbaum hatte gleich nach ihrer Amtsübernahme im Oktober 2024 dem ebenfalls gefürchteten Sinaloa-Kartell den Kampf angesagt. Dessen Anführer Joaquín Guzman, genannt El Chapo, wurde im Jahr 2017 von Mexiko an die USA ausgeliefert und ist seither in Haft. Während die US-Regierung behauptete, bei der Festnahme von Oseguera wichtige Informationen geliefert zu haben, betonte Sheinbaum, die Aktion zu seiner Ergreifung sei von mexikanischen Sicherheitskräften geplant und ausgeführt worden. Offenbar war es eine der Geliebten von Oseguera, die vergangenen Freitag die Fahnder wohl unabsichtlich zu dessen Versteck in Tapalpa führte. Als die Frau das Haus verließ, schlugen die Sicherheitskräfte zu, so die Schilderung des mexikanischen Verteidigungsministers. Ein Zweifrontenkrieg Man muss sich das CJNG vorstellen wie einen Untergrundkonzern. In 40 Ländern der Welt ist es aktiv, glaubt die US-Antidrogenbehörde DEA, mehrere Milliarden Dollar würde es verdienen. Die Organisation ist Ermittlern zufolge einer der größten Kokain-Handelsringe der Welt, sie liefert zudem Methamphetamin und Fentanyl, und das sogar bis nach Australien. Das CJNG soll zudem Migranten von China in die USA schmuggeln. Es baut Fahndern zufolge in Mexiko Avocados an und ist im Baugewerbe aktiv. Für all das braucht das Kartell Spezialisten, Buchhalter und Anwälte, Chemiker und Logistiker. Die Grenze zwischen legaler Wirtschaft und Untergrund verläuft fließend, für alles ist gesorgt. In Michoacán, dem mexikanischen Bundesstaat, in dem Oseguera geboren wurde, stößt man sogar in der abgelegensten Ecke auf Hotels mit Erste-Welt-Komfort, obwohl sich dorthin praktisch nie Touristen verirren. Sheinbaum hat nun einen Zweifrontenkrieg gegen starke Gegner zu führen, gegen das Sinaloa-Kartell und das CJNG. Es wurde schon heftig darüber spekuliert, wer bei Letzterem Oseguera ersetzen wird. Für gewöhnlich sind Kartelle wie Dynastien organisiert. Aber die Brüder von Oseguera sind ebenso in Haft wie sein Sohn. Es gilt als unwahrscheinlich, dass seine Witwe nach der Macht im Männergeschäft Drogenhandel greift. Sicher ist nur, dass die Lieferungen in alle Welt weitergehen werden. "Solange es Menschen gibt, die Drogen nehmen, so lange gibt es illegale Banden, die diese Nachfrage bedienen", sagt der ehemalige UN-Mitarbeiter. Vor zehn Jahren, so ein UN-Bericht, konsumierten etwa 17 Millionen Menschen Kokain. Im Jahr 2023 waren es 25 Millionen. Die meisten davon in den USA und in Europa.