Zeit 09.12.2025
14:52 Uhr

Junge Neonaziszene: Eine Generation junger Neonazis erfindet sich neu


Im sächsischen Görlitz werden junge Neonazis für einen Angriff auf politische Gegner verurteilt. Ihr Anführer nutzt den Moment für einen Strategiewechsel.

Junge Neonaziszene: Eine Generation junger Neonazis erfindet sich neu
Vor Gericht gaben sie sich reumütig: Das Amtsgericht Görlitz hat mehrere junge Neonazis zu Bewährungsstrafen verurteilt – trotz ihrer Beteiligung an mindestens einem gewaltsamen Angriff auf junge Linke. Das Gericht glaubte den Tätern offenbar, dass es sich um eine einmalige Sache gehandelt habe, die den Beteiligten leidtue. Doch die Entwicklungen in der jungen rechtsradikalen Szene zeigen: Die halbherzigen Entschuldigungen sind Teil ihrer aktuellen Taktik. Sie möchte ihr Schlägerimage loswerden – ohne jedoch ihre menschenfeindliche Ideologie aufzugeben. Nach einem Sommer voller großer Anti-CSD-Proteste , einem Angriff auf den SPD-Politiker Matthias Ecke während des Europawahlkampfs und einem sprunghaften Zulauf junger Menschen zur rechtsextremen Szene war die rechte Gewalt kurz vor Weihnachten erneut eskaliert: Am 21. Dezember 2024 griff eine Gruppe Neonazis im sächsischen Görlitz Mitglieder der Jugendorganisation der Linken an. Nachts umringten sie ihre Gegnerinnen, schlugen und traten mit Schlagschutzhandschuhen und Glasflaschen bewaffnet auf sie ein . Mehrere Opfer mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die Angreifer gingen Zeugen zufolge äußerst hart vor, nutzten ihre zahlenmäßige Überlegenheit aus, der Angriff wirkte geplant. Eine Betroffene berichtete, dass noch am Boden liegend auf sie eingetreten wurde. Wenige Tage später durchsuchte eine Sonderkommission des Landeskriminalamtes eine ganze Reihe Wohnungen von Verdächtigen. Unter ihnen ist auch Finley Pügner, der als Anführer der rechtsradikalen Gruppe Elblandrevolte Berühmtheit erlangt hatte. Die Gruppe, bei der es sich offiziell um die Dresdner Abteilung der Jungen Nationalisten (JN), der Jugendorganisation der Partei Die Heimat (früher: NPD), handelt, steckt maßgeblich hinter all diesen Aktionen. Pügner setzt sich dabei regelmäßig an die Spitze der Proteste und heizt die Menge als Vorsänger am Megafon an. Seine actionreich geschnittenen Videos der Aktionen erreichen auf TikTok ein Millionenpublikum. Er selbst wurde zum Idol der Szene: Taucht er auf Demonstrationen auf, wird er von jungen Teilnehmenden umringt, die Selfies mit ihm machen wollen. Spätestens seit dem Angriff im Dezember 2024 ist klar, dass Pügner kein harmloses Social-Media-Phänomen ist, sondern nicht davor zurückschreckt, seine menschenfeindliche neonazistische Ideologie mit Gewalt durchzusetzen. Nach dem brutalen Angriff von Görlitz wurde es zunächst ruhiger um ihn und die Generation junger Neonazis. Pügner musste in Untersuchungshaft und verlor seinen Ausbildungsplatz, nachdem eine Antifagruppe seinen Arbeitgeber öffentlich gemacht hatte. Auch die ehemals großen Anti-CSD-Proteste fielen in diesem Sommer kleiner aus . Doch seit dem Ende des Prozesses zeichnet sich am Beispiel des Anführers der Elblandrevolte ein Strategiewechsel hin zu mehr Professionalität und Struktur in der jungen Neonaziszene ab. Business Casual statt Springerstiefel Neben Finley Pügner wurden vor dem Amtsgericht Görlitz zwei weitere junge Neonazis für den Angriff im Dezember 2024 angeklagt. Einer von ihnen gehört laut dem Spiegel zur neonazistischen Gruppierung Nationale Jugend Görlitz, während der andere zum Umfeld der Neonazipartei Dritter Weg gehören soll. Alle drei gaben sich vor Gericht reumütig, gestanden ihre Beteiligung an den Angriffen ein und entschuldigten sich für ihre Taten. Die Opfer nahmen dies als wenig glaubwürdig wahr. Pügner stach erneut heraus. Schon im Frühjahr wurde er wieder aus der Untersuchungshaft entlassen und hielt sich seitdem größtenteils an die gerichtliche Auflage, an keinen öffentlichen Veranstaltungen der rechten Szene teilzunehmen. Im Gerichtssaal erschien er im Anzug, auch auf seinen Social-Media-Profilen trägt er jetzt Business Casual statt Szeneschick. Seine Aussagen lassen eine Veränderung im Politikstil vermuten. Statt neonazistischer Verbalradikalität kommen versöhnlichere Töne von Pügner. Vor den Kameras der lokalen Presse spricht er davon, dass er nun auf eine liberalere Weise Politik machen wollen und sich von Gewalt distanziere. Vor Gericht scheint die Strategie der Selbstverharmlosung der jungen Neonazis Wirkung gezeigt zu haben. Der Vorsitzende Richter sprach am Ende einer chaotischen Beweisaufnahme milde Urteile. Die Aussagen der Angeklagten, die ihre Beteiligung am Angriff zwar zugaben, jedoch versuchten, diesen wie eine harmlose Auseinandersetzung unter Jugendlichen aussehen zu lassen, die unter Alkoholeinfluss aus dem Ruder lief, verstrickten sich in Widersprüche. Und das genauso wie diejenigen der Zeuginnen aus der Neonaziszene, die zwar beim Angriff vor Ort waren, aufgrund zu geringer Beweislast jedoch um eine Anklage drum herumgekommen sind. So erhielten Pügner und Timmy S., der Neonazi aus dem Umfeld des Dritten Weges, Bewährungsstrafen, während der noch Minderjährige von der Nationalen Jugend Görlitz lediglich an einem Präventionsworkshop gegen Extremismus teilnehmen und eine Spende an einen gemeinnützigen Verein leisten muss. Neuer Schwung für die Szene Mit dem Prozess endete auch die Ruhe, die um Pügner kurzzeitig eingekehrt war. Er eröffnete neue Social-Media-Profile und präsentiert sich mit seinem veränderten Image der Öffentlichkeit. Von nun an ist er demnach der Landesleiter Sachsen der Jungen Nationalisten und sucht einen Cutter, der für ihn möglichst professionelle Videos schneidet. Einer der ersten Posts auf dem neuen Account zeigt Pügner bei Neonazis in der griechischen Hauptstadt Athen, wo er an einer europaweiten Demonstration in Erinnerung an getötete griechische Neonazis teilnimmt. Auch zum Bundesvorstand der neonazistischen Jugendorganisation gehört er jetzt laut Selbstaussage. Damit ist klar: Untersuchungshaft und Verurteilung haben nicht zu einem Umdenken bei dem jungen Neonazi geführt. Die öffentliche Zurückhaltung der letzten Monate war offenbar lediglich den Auflagen des Gerichts geschuldet. Vom Versuch, nachhaltig Strukturen aufzubauen Pügner steht beispielhaft für eine Veränderung innerhalb der Strategie der jungen Neonazis. Während des überraschend heftigen Zuwachses in der Szene 2024 hatte man vor allem auf Demonstrationen und radikale Zurschaustellung der eigenen menschenfeindlichen Ideologie inklusive Springerstiefel, Bomberjacke und Gewaltexzesse gesetzt. Nun versuchen einige einflussreiche Akteure der Szene, Ordnung und Organisierung in die zersplitterte Landschaft junger Neonazigruppierungen zu bringen. Denn der jugendlich dominierte Social-Media-Hype um die rechtsextreme Szene hat zwar eine ganze Reihe neuer Menschen in die Szene gespült. Diese sind bisher jedoch wenig organisiert. Sie wechseln häufig Gruppen oder gründen eigene lokale Ableger, die kaum an etablierte Akteure der Szene gebunden sind. Mit der Rückkehr Pügners in die Öffentlichkeit zeigt sich, dass gerade die Jungen Nationalisten versuchen, sich ein seriöseres Image zu geben. Sie wollen offenbar viele interessierte junge Szeneangehörige langfristig an die Mutterpartei und die rechtsextreme Szene binden. Auch die Distanzierung von zu offensichtlichen Gewaltakten gehört zu dieser Strategie. Diese ist zwar eindeutig taktischer Natur. Sie erfüllt jedoch den Zweck, die eigene Organisation vor Verbotsverfahren oder großen Strafprozessen zu schützen. Gerade Letzteres ist für die Neonaziszene gefährlich, da staatliche Repression abschreckende Wirkung hat, viel Geld kostet und Ressourcen bindet. Für die Demokratie ist diese Entwicklung gefährlich. Denn der Hype um die jungen Neonazis gewinnt eine weitere Dimension hinzu. Nachdem die rechtsextreme Szene zuletzt stark mit Überalterung zu kämpfen hatte, könnte nun aus diesen gewaltorientierten Jugendlichen die nächste Generation gut organisierter Parteikader werden. Und diese könnten über Jahre hinweg die rechtsextreme Szene handlungsfähig halten und als radikale Ergänzung rechts der neuen AfD-Jugend wirken.