|
04.12.2025
10:34 Uhr
|
Rente, Wehrpflicht, Klimawandel: Die junge Generation muss immer öfter für Fehler aus der Vergangenheit zahlen, findet unser Gastautor. Diskutieren Sie jetzt mit ihm.

Felix Ekardt forscht als Leiter der Leipziger Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik sowie Professor an der Uni Rostock zu Politik, Recht und Ethik der Nachhaltigkeit. Er sucht anlässlich seiner oft sehr kontroversen Positionen die Diskussion mit den Leserinnen und Lesern der ZEIT. Auch diesmal antwortet er direkt unter dem Artikel auf Leserkommentare. Diskutieren Sie mit! Die westliche Fortschrittserzählung droht seit Längerem an ihr Ende zu gelangen, besonders in der Frage der Generationengerechtigkeit. Seit Aufklärung und Industrialisierung schien in Europa klar: Den Kindern wird es einmal besser gehen. Auch bei den klassischen Umweltproblemen bei Luft und Gewässern schien es lange so: Mit zunehmendem Wohlstand werden auch die Öko-Fragen schrittweise gelöst. Allerdings weckten bereits die globalen Mega-Herausforderungen Klimawandel, Artensterben und schwindende Ressourcen Zweifel an dieser Fortschrittssaga. Man konnte zwar meinen: Politik und Gesellschaft reagieren zu langsam. Doch die Richtung stimmte halbwegs. Diese Situation dreht sich gerade in geradezu beängstigender Geschwindigkeit. Rente, Wehrpflicht, Sondervermögen, Klimawandel, Artensterben: Die junge Generation wird gerade in der Summe besonders belastet – während diejenigen, die sowohl die Klima- und Biodiversitätskatastrophe als auch die Sicherheitslage, zum Beispiel durch lange währende Naivität gegenüber Russland, verursacht haben, die meisten Lasten von sich fernhalten. Ein aktuelles Beispiel: die Rentendiskussion, bei der sich die ältere Generation – vertreten durch die von ihr vor allem gewählten Parteien – mit Mütterrente, Aktivrente und Rentenhaltelinie noch mal kräftig einen einzuschenken versucht. Und zwar auf Kosten der jüngeren Beitragszahler, die selbst keine entsprechende Rente mehr erwarten können. ist Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig sowie Professor an der Uni Rostock. Ekardt initiierte die 2021 erfolgreiche Klimaklage vor dem Bundesverfassungsgericht und Folgeklagen, auch zum Biodiversitätsverlust. Sein im Juni erschienenes neues Buch heißt Postfossile Freiheit: Warum Demokratie, Umweltschutz, Wohlstand und Frieden nur gemeinsam gelingen . Die neuen Verschuldungsmöglichkeiten für Infrastruktur und Aufrüstung verschlimmern die intergenerationelle Schieflage weiter. Zurückzahlen müssen die Schulden später die Jüngeren, und das frische Geld hier und heute nützt oft eher den Älteren: Der neue Bundeshaushalt gleicht einem Verschiebebahnhof, und das für Investitionen gedachte Sondervermögen deckt teils eher konsumtive Bedürfnisse. Bei der geopolitischen Lage geht es um noch mehr. Nämlich nicht allein darum, dass die Älteren ein Problem erst verschlafen haben und es nun mit hohen Krediten, die die Jüngeren später tilgen müssen, noch rasch zu lösen versuchen. Die verschlafene russische Bedrohung macht vielmehr auch die Rückkehr der Wehrpflicht vielleicht unvermeidlich. Da geht es dann nicht mehr nur um Geld. Sondern, selbst wenn die Aufrüstung primär der Abschreckung dient, schlimmstenfalls um Leben und Tod. Beim Klima das Schlimmste verhindern Beim Klima sieht es ebenso düster aus, ist es doch selbst eines der größten Risiken für gewaltsame Konflikte und massive Katastrophen im 21. Jahrhundert. Gerade erst im Juli hat der Internationale Gerichtshof (IGH) das Pariser Klimaabkommen und die Menschenrechte so ausgelegt , dass die globale Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werden muss, um wenigstens das Schlimmste zu verhindern. Wie kürzlich mit den neuen Klimadaten vorgerechnet , bedeutet eine maximale Toleranz von 1,5 Grad faktisch, dass Deutschland sein Klimagas-Budget inzwischen aufgebraucht hat. Doch Bundesregierung und EU-Kommission reden nicht etwa über rasche Postfossilität, sondern über neue Gaskraftwerke und eine Verschiebung des Verbrenner-Aus für Autos. Beim Artensterben sind die planetaren Grenzen, also die Grenzen für eine sichere Fortexistenz der Menschheit, noch deutlicher überschritten als beim Klima. Und ohne halbwegs intakte Natur mit Bestäubungsinsekten , fruchtbaren Böden und Grundwasserreinigung können wir auf Dauer nicht leben. Doch Bundesregierung und EU wollen im Zuge vermeintlicher Entbürokratisierung sogar das bereits zu schwache Naturschutzrecht zurückbauen. So sollen die Standards für einen Naturschutz-Ausgleich bei Großprojekten abgesenkt werden. Gleichzeitig befreit die EU verstärkt Bauern von Öko-Auflagen, obwohl die bisherige Landwirtschaft zentralen Anteil am Biodiversitätsverlust hat. Dass ein wirksamer Klima- und Naturschutz nicht nur lebenswichtig ist, sondern für die Volkswirtschaft massiv Kosten spart, ist wissenschaftlich unstrittig. Trotzdem einfach alles zulasten der Jungen entscheiden, und die Älteren sind fein raus? Die liberale Demokratie lebt seit ihrer Entstehungsgeschichte davon, dass sie möglichst vielen Menschen glaubhaft vermitteln konnte, dass sich Kompromisse zum Beispiel in der Steuer- und Sozialpolitik für sie wenigstens halbwegs lohnen. Fallen diese aber immer drastischer zulasten der Zukunft aus, ist das wie eine Steilvorlage für Populisten von rechts und links. Die gesamte Entwicklung widerspricht aber auch dem Klima-Beschluss des Bundesverfassungsgerichts von 2021. Es entschied in einem weltweit beachteten Urteil, dass die Politik generationenübergreifend Freiheit sichern muss. Es dürfen, so das Gericht, nicht Lasten einseitig in die Zukunft verschoben werden. Und es müssen schon heute Vorkehrungen dagegen getroffen werden, dass die Politik Entwicklungen einfach laufen lässt und es dann später für die heute Jungen knüppeldick kommt. Das gilt jedenfalls bei Entwicklungen, die irreversibel zu sein drohen. Heute niemandem wehtun zu wollen, dafür aber die heute jungen Menschen künftig umso härter zu treffen, ist also nicht nur ein politischer Taschenspielertrick. Es verletzt die Grundrechte. Außerdem werden auch handfeste Verfassungsregeln verletzt: Die erweiterten Verschuldungsmöglichkeiten seit diesem Frühjahr zielen zum Beispiel explizit auf zusätzliche (!) Investitionen ab. Der neue Bundeshaushalt hält das aber teilweise nicht ein. In Zeiten, in denen Argumente immer seltener durchdringen und in denen die Demografie eine Politik zugunsten der Älteren zementiert, bleibt da womöglich nur der Weg zum Bundesverfassungsgericht. Klar, monetäre Verteilungsfragen sind zunächst einmal eine Aufgabe für Parlamente und Regierungen. Gefällt einem die Politik nicht, kann man andere Parteien wählen oder sich selbst politisch stärker engagieren. Verfassungsgerichte kontrollieren nur einen äußeren Rahmen. Doch wie Beispiele wie Klimawandel, Artensterben und reaktivierte Wehrpflicht zeigen: Es geht hier um weit mehr als nur um Geld. Außerdem können die Jüngeren heute oft noch nicht wählen und sind politisch noch nicht angemessen repräsentiert. Deshalb sind gerade bei der Generationengerechtigkeit Verfassungsgerichte sehr wichtig. Es braucht aber auch eine Jugendbewegung, die dies politisch und rechtlich einfordert.