Zeit 04.01.2026
15:01 Uhr

Julia Kerr: Als Hitler Einsteins Zeitmaschine stahl


Julia Kerr schrieb eine der verrücktesten Opern des 20. Jahrhunderts – und nahm sie 1933 mit ins Exil. Nun wird sie uraufgeführt. Die Geschichte hinter dem rosa Kaninchen

Julia Kerr: Als Hitler Einsteins Zeitmaschine stahl
Roastbeef, Zunge, kaltes Huhn, Salat, belegte Brötchen ... "Und die Fischmayonnaise!", ruft Elsa Einstein den Mädchen zu. "Haben wir genug Bier im Haus?" Für Kapellmeister Dr. Strauss muss es Spatenbräu sein, für Gerhart Hauptmann Rheinwein. Elsa Einstein ist stolz auf die Berühmtheiten, die der Einladung ihres nicht minder berühmten Mannes ins Haus bei Caputh an der Havel folgen. Keiner von ihnen rechnet damit, dass Albert Einstein, 50 Jahre alt, Nobelpreisträger der Physik, an diesem Sommerabend 1929 eine Erfindung präsentieren wird: eine Zeitmaschine, die er "Chronoplan" nennt. Das hat der reale Albert Einstein natürlich auch nie getan. Es geschieht in einer der wohl verrücktesten Opern des vorigen Jahrhunderts, geschrieben in den letzten Jahren der Weimarer Republik. Ihre Komponistin Julia Kerr ist heute einerseits so gut wie unbekannt, andererseits einer nach Millionen zählenden Leserschaft vertraut. "Sie schien alles, was sie tat, doppelt so heftig zu tun wie andere Leute; sogar ihre Augen waren von einem strahlenderen Blau, als Anna es je gesehen hatte." So beschreibt Judith Kerr ihre Mutter in dem Roman Als Hitler das rosa Kaninchen stahl – jene Mama, die tatsächlich nicht vom Klavier aufsteht, wenn ihre beiden Kinder aus der Schule kommen, und erst auftaucht, wenn der Gong zum Essen ruft. Das Buch beschreibt die Flucht einer wohlsituierten Berliner Familie ins Exil aus der Perspektive einer wachen Zehnjährigen. Viel erfährt man auch über Judiths Vater: Alfred Kerr war der berühmteste Theaterkritiker Deutschlands, und er schrieb auch das Libretto zur Oper Der Chronoplan. Dass aber diese Oper für das Jahr 1933 zur Uraufführung in Hamburg angenommen war (zu der es nicht kam), dass Julia Kerr überhaupt komponierte – dafür war im Rosa Kaninchen kein Platz. Judith Kerr gestand später, über den Chronoplan sei in der Familie so viel gesprochen worden, dass es ihre ganze Jugend überschattet habe. Die Oper ist Science-Fiction und Gegenwartssatire in einem. Albert Einstein, Heldenbariton, fliegt mit den mutigsten seiner Gäste in die Vergangenheit, landet unfreiwillig im England des Jahres 1805 und sammelt dort den jungen Dichter Lord Byron auf, der vom Berlin des Jahres 1929 ziemlich entsetzt ist ... Dazu ist es eine Who’s-who-Oper. Berühmte Zeitgenossen auf der Bühne, unverschlüsselt, das hat es bis dahin nicht gegeben: Der Komponist Richard Strauss, der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, der Maler Max Liebermann, der Dramatiker George Bernard Shaw – mit allen unterhielt Alfred Kerr beste Kontakte, auch mit seinem treuen Leser Einstein. Jetzt ist diese Oper selbst zur Zeitmaschine geworden. Nie ganz und nie szenisch aufgeführt, wird sie demnächst mit 93 Jahren Verspätung auf der Bühne des Staatstheaters Mainz landen. Und sie bringt nicht nur die Berliner Luft aus den letzten Tagen der Demokratie mit, dazu eine Musik zwischen den Zeiten, sondern auch die Geschichte einer Frau, die zwar ihr Leben retten konnte und das ihrer Familie dazu, die aber als hochbegabte Komponistin verstummte. Als solche sah sie sich von Alfred Kerr – der selbst gut Klavier spielte – schon ernst genommen, als sie, 20 Jahre jung, den 50-Jährigen kennenlernte. "Mozartle" nannte er sie, und als sie seine "Maus" geworden und das erste Kind zur Welt gekommen war, schob er die Babykarre durch Grunewalds Straßen, damit sie arbeiten konnte. Oft begleitete ihn sein Freund und Nachbar Walther Rathenau, Reichsaußenminister, der 1922 im Fond seines Cabriolets mit Schüssen aus einer Maschinenpistole ermordet wurde. Zur Ermittlung der rechtsextremen Täter trug der Staatskommissar Robert Weismann bei, Julias Vater – der ihrem Mann in herzlich erwiderter Abneigung verbunden war. Die Weismanns residierten ebenfalls im Promi-Viertel Grunewald. Hier schrieb Julia Kerr ihre erste Oper, Die schöne Lau, die erste zugleich, die ihre Uraufführung im Rundfunk erlebte. Ohne Alfred Kerrs Beziehungen hätte es das "Sendespiel" wohl nicht gegeben, und gerade darum nannte die Komponistin sich damals Julia Kerwey, ihres Mannes und ihres Vaters Namen kombinierend. Die Überschrift "Kerrs Frau als Komponistin" stellte sich dennoch so unweigerlich ein wie gönnerhaftes Kritikerlob für das "Werkchen", auf dessen Klavierauszug ein Freund der Kerrs geschrieben hatte: "Sieht gut aus! Mit schönsten Grüßen Richard Strauss".