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26.01.2026
19:27 Uhr
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Nach dem Grönland-Drama bemüht sich der deutsche Außenminister, die Aufmerksamkeit wieder auf die russische Bedrohung zu lenken. Im Zentrum: der Ostseeraum

Im Gegensatz zu Berlin kann Riga Winter. Vom Außenministerium in der lettischen Hauptstadt zum Freiheitsdenkmal sind es nur ein paar Gehminuten. Johann Wadephul nimmt sie durch Schneegraupel, entlang von zur Seite geschobenen Schneebergen, unfallfrei. Allerdings Stunden später als geplant. Die Abreise des deutschen Außenministers hatte sich am frühen Morgen verzögert. "We had Blitzeis", sagt er entschuldigend zu seiner lettischen Amtskollegin Baiba Braže. Aber Hauptsache, der deutsche Minister ist da. Denn das, was sich in der vergangenen Woche geopolitisch rund um das Weltwirtschaftsforum in Davos abgespielt hatte, versetzte Europa in eine angebrachte Aufregung, die Prioritäten und Bedrohungslagen verschob. Das von US-Präsident Donald Trump heraufbeschworene Grönland-Drama forderte alle Aufmerksamkeit von Europa. Und auch wenn militärische und wirtschaftliche Eskalationen für den Moment abgewendet werden konnten, ist das transatlantische Verhältnis alles andere als unfallfrei aus diesen Tagen hervorgegangen. Europa aber, immerhin, mit einem gewissen neuen, stärkeren Selbstverständnis und Auftritt. "Wir müssen die europäischen Interessen vertreten und verteidigen, auch gegenüber den Vereinigten Staaten", sagt Wadephul in Riga. Die vergangene Woche habe gezeigt, dass Europa zusammenstehen und Stärke zeigen könne. Das ist eine andere Tonlage, als Wadephul sie noch vor zwei Wochen bei seinem Besuch in den USA angeschlagen hatte . Als sich die deutsche Regierung fast zwanghaft bemühte, die Gemeinsamkeiten im deutsch-amerikanischen Verhältnis herauszustellen. Die einseitige Umarmungsstrategie im Umgang mit Trump ging nicht wirklich auf. Nun also mehr Stärke. Seerecht und Schattenflotte Wadephuls Kurzbesuche in Lettland und Schweden sind so vor allem eine symbolische Selbstversicherung, verknüpft mit der Botschaft, den eigentlichen Fokus in Europa nicht verloren zu haben. Die Sicherheit der Ostflanke der Nato wird längst nicht mehr nur an den Landesgrenzen verteidigt. Der Ostseeraum ist zum zentralen Schauplatz geworden, wie Wadephul es während seiner eintägigen Reise formuliert. Der CDU-Politiker fordert in Riga ein schärferes Vorgehen gegen die sogenannte Schattenflotte, mit der die russische Regierung versucht, Sanktionen gegen ihre Ölverkäufe zu umgehen. Dafür, so Wadephul, müsse das internationale Seerecht dringend angepasst werden. Das aktuelle Recht verhindere, gegen Schiffe und deren Hinterleute vorzugehen. "Es kann nicht sein, dass uns hier einseitig dauerhaft die Hände gebunden sind", sagt Wadephul. Mehr Effektivität und auch Zusammenarbeit zwischen den Ostseepartnern seien dafür nötig. Auch, wenn gegen die Schiffe bereits über Sanktionspakte auf EU-Ebene vorgegangen wird. Überdies bestehe, so sagt es Wadephul, durch die technisch und personell oft schlecht ausgestatteten Schiffe die Gefahr von Havarien in der Ostsee. Umweltkatastrophen könnten Deutschland, Lettland und alle anderen Anrainerstaaten direkt treffen. Ökologisch und ökonomisch, auch den Tourismus der Küstenländer. Wie konkret diese intensivere Zusammenarbeit aussehen kann oder welche Maßnahmen die Lücken, die Russland immer noch findet, um ihre Fracht umzuschlagen, schließen könnten, konkretisieren die beiden Außenminister nicht. Außer mit dem Verweis auf das 20. Sanktionspaket der EU, das in Arbeit ist, um russische Energieexporte, Finanzströme und die Schattenflotte noch stärker begrenzen zu können.