|
05.01.2026
19:32 Uhr
|
Sommer war lausig, Winter ist zu warm, Hose passt nicht mehr, Donald Trump ist doof: Es gibt viele Gründe zum Klagen. Das Jammern aber hat keinen guten Ruf. Zu Unrecht.

Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 01/2026. Es ist nur sinnvoll, mit einer Klage zu beginnen, mit einem pompösen "Leider", einem lauten Weh, einem zittrigen Herrjemine, mit Geseufz und Ge-hmpf, damit hier gleich die Verhältnisse klar sind, über die man sich beschweren kann, und das passiert ja unentwegt, in jeder Bar, jeder Straßenbahn, jedem Betrieb und an jeder Ecke, wo schon wieder etwas grauenvoll ist, furchtbar oder auf traurige Weise öde oder ungerecht, und irgendjemand möchte nun den Geschäftsführer sprechen, ständig möchte irgendwo jemand den Geschäftsführer sprechen, obwohl niemand Leute mag, die den Geschäftsführer sprechen wollen, nicht einmal, wenn diese Leute pelzige Koalas oder entzückende Mini-Bullterrier wären, weil leider kaum jemand Leute mag, die jammern. Man tritt der Menschheit sicher nicht zu nahe, wenn man bemerkt, dass sich Jammern bei ihr über die Jahrhunderte keinen guten Ruf erworben hat. Das hält die Menschheit aber nicht ab, es trotzdem zu tun, bis es überall so klingt, als sei Hans Zimmer auf seinem Hollywoodklavier eingeschlafen, zumal am Jahreswechsel, wenn Mitmenschen mit mäßiger Euphorie in ihrem Leben und der Welt herumbilanzieren, weil man ja immer schon etwas Beklagenswertes und Betrübliches findet, wenn man nur lang genug in sich hineinstarrt. Man hat ja endlich dafür ein wenig Zeit. Dann heißt es: Sommer war lausig, Winter ist zu warm, Polkappen schmelzen, Hose passt nicht mehr, Sachsen-Anhalt geht's nicht gut, der Chef ignoriert mich, Donald Trump ist doof, die Nationalmannschaft spielt schlecht, überall ist Krieg und Laktoseintoleranz, und ja, sogar die Champagnerpreise sind gestiegen. Gäbe es einen Kammerton für diese Zeit, er wäre ein Ach-Moll. Und gäbe es eine Standarte des Jammernden, wäre es Manuel Neuers Reklamier-Arm. Nun ist es ein Naturgesetz, dass selbst kleinstes Jammern stets eilige Ordnungsrufe provoziert, Beschwichtigungen und Gefährderansprachen, weil die Jammernden dem Rest ja nicht die schöne Laune vermiesen sollen, sofern der noch welche hat. Dann steht Friedrich Merz vor Unternehmern und Bürgern und fordert bessere Stimmung. Dann sagt der Freund, dass man sich doch bitte mal zusammenreißen solle, und die Kollegin, die selbst auch nicht pausenlos mit einem Megahallöchen in die Welt hineinjubelt, verweist protestantisch auf den Spruch, der angeblich beim Schriftsteller Rainald Goetz überm Schreibtisch hängt. "Don’t Cry. Work" soll dort stehen, als ginge beides nicht zusammen. Die Welt mag ein stählernes Gehäuse sein, aber wenn man sich daran den Fuß stößt, soll man es offenbar bitte nicht zu laut sagen. Beziehungsweise: Heul leise, Chantal. In der Psychologie, die sich ja für Seelenregungen allgemein zuständig fühlt, ist das Jammern im Übrigen kaum erforscht. Bekannt hingegen ist: Jammern gilt als unstatthaft, es ist, wie Theodor Fontane mal schrieb, etwas für "die Betagten und die Kranken", ansonsten läuft es unter schlechtem Betragen oder groschenromanhafter Hinfälligkeit, mindestens ist es Anmaßung, dass man die Welt nicht anständig durcherträgt, weshalb dem Jammern in Deutschland meistens zuverlässig drei Wörter vorwurfsvoll hinterhergaloppieren, nämlich "auf hohem Niveau", was leider nicht heißt, dass sich man besonders eloquent und elegant beklagt, sondern deutlich machen soll, dass ein Jammernder das maßstabsgetreue Verhältnis zum eigenen empfundenen Leiden verloren habe. Schließlich ist der Großvater noch auf einem dreibeinigen, erblindeten, obendrein pollenallergischen Esel aus Irkutsk nach Hause an den Rhein geritten, durch siebzehn Meter hohen Schnee. Und von Sisyphos, dem antiken Erduldungsweltmeister, kam auch nie ein Wort der Klage. Wer jammert, heißt es, ändert nichts und richtet es sich kleinmütig in den Verhältnissen ein. Jammern ist offenbar der natürliche Erzfeind sogenannter Anpacker und Macher, die nicht meckern, sich nicht beschweren, sondern eben anpacken und machen und damit zufrieden sein sollen, bestenfalls glücklich, womit sie anderen Leuten ja genauso auf die Nerven gehen können wie das Jammern. Wenn jedenfalls die Antwort auf ein "Wie geht's?" immer ein selbstbetrügendes "Alles gut!" lautet, ist dies meist weit uninteressanter als ein ahnungsvoll poröses "Ach …" – man muss eben nur wissen, wann man sich am besten aus dem Sendebereich der Anschlusskommunikation entfernt. Es ist ja bisweilen schwer zu unterscheiden, was schlimmer ist: vom Schleier der Larmoyanz umzingelt zu sein oder beschossen zu werden vom Mittelstrahl seniler Lebensfreude und gelungenem Leben. Vielleicht ist beides ein wenig langweilig, und beides leider nicht auf die schöne leise Art, da haben die Jammernden und die pausenlos Glücklichen mehr gemeinsam, als sie denken. Wer als Jammerlappen bezeichnet wird, kann sich mit der Vorstellung von einem Küchenschwamm trösten, der hin und wieder vorwurfsvoll stöhnt. Und wer immer nur "Ich kann nicht klagen" sagt, dem sollte man bitte künftig entgegnen: "Dann musst du es lernen."