Zeit 24.01.2026
06:46 Uhr

Internet im Iran: Was, wenn Offline der neue Normalzustand ist?


Nach wochenlanger Internetblockade melden sich vereinzelt Iraner online wieder zu Wort. Doch der Shutdown ist damit nicht vorbei. Er ist wohl erst der Anfang.

Internet im Iran: Was, wenn Offline der neue Normalzustand ist?
Am Mittwochmorgen dringen wieder vereinzelte Stimmen aus dem Iran nach außen. "Wir können melden, dass wir noch leben", schreibt die renommierte Journalistin Elaheh Mohammadi, die nach den Protesten 2022 17 Monate in Haft war, auf der Plattform X . Unabhängige Journalistinnen und Journalisten aus den wenigen verbliebenen kritischen Redaktionen melden auf Instagram, ihre Leitungen seien wieder da – und richten sich an Iranerinnen und Iraner in der Diaspora: "Wenn ihr seit Tagen nichts von euren Angehörigen hört, können wir versuchen nachzufragen." Andere, die es online schaffen, berichten von Menschen, die tot sind: Bruder, Schwester, Cousin. Es sind Notsignale aus einem Land, das digital von der Außenwelt abgeschnitten wurde. Seit mehr als zwei Wochen ist das Internet im Iran nicht verfügbar . Zwischenzeitlich wurden nicht nur internationale Datenverbindungen gekappt, sondern auch das nationale Netz. Selbst über Umwege wie verschlüsselte Verbindungen (VPN) oder Satelliteninternet drangen kaum noch Informationen aus dem Land in die Welt. Trotz der dünnen Risse, die sich nun durch die digitale Schweigemauer des iranischen Regimes ziehen, führen Netzbeobachter den Iran weiterhin als vollständig offline. Und Beobachterinnen und Experten fürchten: Die Abschottung könnte bleiben. Alles verboten, außer dem Erlaubten Die Abschaltung vom Abend des 8. Januar war nämlich offenbar kein kurzfristiges Mittel zur Niederschlagung der im Land aufkeimenden Proteste – sondern Teil eines tiefergreifenden Umbaus. In Recherchen der Gruppe Filter.Watch, die die Internetzensur im Iran beobachtet, ist von einem neuen Zeitalter der "absoluten digitalen Isolation" die Rede. Demnach verabschiedet sich die Islamische Republik vom bisherigen Modell der massenhaften Zensur einzelner Plattformen und Inhalte und ersetzt es durch eine noch radikalere Logik: Der Zugang zum globalen Internet soll grundsätzlich gekappt werden. Nur noch ausgewählte Dienste sollen unter strengen Bedingungen online bleiben. Konnektivität wäre damit kein allgemeines Gut mehr, sondern ein staatlich vergebenes Privileg – abhängig von Sicherheitsfreigaben und Loyalität. Diese Einschätzung deckt sich mit einer Recherche des Fernsehsenders Iran International in London, der auf Informationen aus dem Umfeld der Telekommunikations- und Sicherheitsapparate im Iran verweist. Demnach befindet sich der Iran in der Endphase eines Projekts, das es ermöglichen soll, das Land für längere Zeiträume vollständig vom globalen Netz zu trennen, ohne dass im Inneren zentrale digitale Funktionen zusammenbrechen. Herzstück sei ein neues Rechenzentrums- und Cloudsystem auf Basis des chinesischen Herstellers Huawei. Nach dieser Recherche soll Huawei die gesamte Plattform für das Nationale Informationsnetz bereitstellen. Die dafür nötige Ausrüstung sowie Software soll die Firma bereits verdeckt geliefert haben. In den dazugehörigen Unterlagen taucht der Name des Unternehmens demnach bewusst nicht auf – offenbar, um es vor US-Sanktionen zu schützen. Das neue System soll staatliche Plattformen, Banken, Zahlungsdienste und andere kritische Infrastrukturen bündeln. Das Projekt, so die Recherche, werde unter dem Management von Unternehmen und Personen, die bereits auf der Sanktionsliste der USA stehen, vorangetrieben und koste schätzungsweise bis zu einer Milliarde US-Dollar. Irans Präsident Massud Peseschkian und auch der chinesische Botschafter sollen den Standort der Rechenzentren bereits besucht haben. Der politische Zweck liegt auf der Hand: Wenn das Binneninternet stabil genug ist, lässt sich der Stecker nach außen ziehen, ohne dass der Staat sich selbst lahmlegt. Die sporadischen Öffnungen einzelner internationaler Dienste erscheinen vor diesem Hintergrund in einem neuen Licht. Dass Googles Suchmaschine, der E-Mail-Dienst Gmail oder zeitweise sogar der KI-Chatbot ChatGPT erreichbar waren, bedeutet nicht, dass das alte Internet zurückkehrt. Vielmehr deutet alles darauf hin, dass der Iran von einem Blacklist-Modell zu einem Whitelist-Modell übergeht. Statt einiges zu verbieten, wäre dann alles verboten außer dem, was ausdrücklich erlaubt wird. Evan Firoozi, Executive Director der Organisation NetFreedom Pioneers, die sich für Internetfreiheit einsetzt, beschreibt im Gespräch mit der ZEIT die Umkehr dieser Logik als Bruch. Der Staat entscheide nicht mehr primär, welche Inhalte blockiert werden, sondern wer überhaupt noch Zugang bekommt – und wozu. Dass ausgerechnet Dienste wie Google kurzzeitig geöffnet werden, erklärt Firoozi mit funktionaler Abhängigkeit: Auch staatliche Institutionen und regimenahe Akteure seien auf bestimmte globale Dienste angewiesen. Zumindest, solange es keine vollwertigen Ersatzlösungen gebe.