|
17.12.2025
15:51 Uhr
|
Rosa von Praunheim war Regisseur und Wegbereiter der deutschen Schwulenbewegung – und häufig umstritten. Nun starb der Filmemacher im Alter von 83 Jahren.

Der Regisseur und Autor Rosa von Praunheim ist gestorben. Er wurde 83 Jahre alt. Dies berichten mehrere Medien übereinstimmend. Erst in der vergangenen Woche hatte von Praunheim seinen langjährigen Lebensgefährten Oliver Sechting geheiratet. Der 1942 als Holger Radtke geborene Filmemacher schrieb mit mehr als 150 Kurz- und Langfilmen Filmgeschichte. Mit Werken wie Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (1971) wurde der Filmemacher zu einem Wegbereiter der modernen Schwulenbewegung. Die Dokumentation rückte das tabuisierte Thema Homosexualität ins öffentliche Bewusstsein. Ein Schlüsselsatz: "Das Wichtigste für alle Schwulen ist, dass wir uns zu unserem Schwulsein bekennen." Im bundesweiten Fernsehen wurde der Film erst zwei Jahre nach Erscheinen gezeigt. Der Bayerische Rundfunk schaltete sich aus der Ausstrahlung durch die ARD aus. Der produktivste Filmemacher der Schwulenszene Der Filmemacher kam nach eigenen Angaben im Zentralgefängnis des damals deutsch besetzten Riga zur Welt und verbrachte das erste Jahr im Waisenhaus. Mit seinen Adoptiveltern siedelte er 1953 von Ost-Berlin nach Frankfurt am Main über, wo die Familie im Stadtteil Praunheim lebte. Sein Künstler-Vorname ist ein Verweis auf das rosa Winkel genannte Abzeichen, das Homosexuelle im KZ tragen mussten. Von Praunheim bezeichnete sich selbst einmal als den weltweit produktivsten Filmemacher der Schwulenszene. Ab den 1970er-Jahren reiste er immer wieder in die USA. Dort drehte er die Dokumentation Armee der Liebenden oder Aufstand der Perversen (1979) über die Arbeit und die Zielsetzung der Homosexuellen-Emanzipationsbewegung in den Vereinigten Staaten. Mit dem queeren Musical S tadt der verlorenen Seelen (1983) und Transsexual Menace von 1996 realisierte er die ersten deutschen Filme über transidente Menschen. Ab Mitte der Achtzigerjahre setzte sich von Praunheim vor dem Hintergrund der weltweiten Aids-Epidemie für Safer Sex ein. Er initiierte etwa die Gala Eine Nacht für die Aids-Hilfe mit vielen Prominenten. Auch künstlerisch setzte er sich mit der Krankheit auseinander: In dem Film Ein Virus kennt keine Moral (1986) beschäftigte er sich beispielsweise mit der sozialen Ächtung Homosexueller infolge der Epidemie. Debatte um Zwangsouting Sein Engagement für die heute als queer oder LGBTQIA* bezeichnete Bewegung sorgte für Kontroversen. Um gegen die Diskriminierung von Homosexualität vorzugehen, zwang der Regisseur in der RTL-Talkshow Explosiv 1991 Prominente wie Hape Kerkeling und Alfred Biolek indirekt, sich zu outen. Vor laufender Kamera rief er sie namentlich dazu auf, ihre Homosexualität öffentlich zu machen. In späteren Jahren nahm sein künstlerisches Engagement eine etwas subtilere Form an, griff aber auch weiterhin immer wieder Tabuthemen auf. Im Dokudrama Härte etwa wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der von seiner Mutter sexuell missbraucht und später zu einem der brutalsten Zuhälter Berlins wurde. Von der Kritik hochgelobt wurde auch Rex Gildo – Der letzte Tanz (2022) über das schwule Doppelleben des populären Schlagersängers. Als Lehrer und Mentor von Axel Ranisch und Tom Tykwer prägte von Praunheim den deutschen Film. Erst Ende November war der auf der Berlinale mit dem Teddy Award ausgezeichnete Doku-Filmessay Satanische Sau ins Kino gekommen, in dem Armin Dallapiccola als Alter Ego des Regisseurs auftritt. Derzeit wird am Deutschen Theater in Berlin von Praunheims Theaterstück Die Insel der Perversen aufgeführt.