Zeit 11.12.2025
18:50 Uhr

Ikkimel: "Wenn man mit dem Tod konfrontiert wird, ändert das alles"


Als ihr Vater starb, begann Ikkimel eine Musikkarriere. Sie rappt über Sex und Drogen und textet über Männer: Ich fick sie alle. Hier erklärt sie, wie sie das meint.

Ikkimel:
ZEIT Campus: Ausverkaufte Tour, Millionen Streams, ein Album in den Charts mit dem Titel FOTZE : Du bist gerade eine der lautesten Stimmen im Deutschrap. Hast du dir als Teenie dein Leben in den Zwanzigern so vorgestellt? Ikkimel: Mit 13 habe ich nicht darüber nachgedacht, was ich arbeiten werde, habe mir auch nie ein Familienleben vorgestellt. Ich habe mich vor allem mit einem heißen Typen an meiner Seite gesehen, wollte einfach selbstbestimmt sein. Also so, wie ich jetzt lebe. Ich habe schon als Kind nicht in diese männerdominierte Welt reingepasst. Ich hatte immer das Gefühl, zu frech zu sein, zu drüber. Meine Meinung wurde nicht ernst genommen. ZEIT Campus: Manche wollen Haus und Kinder, bis sie 30 sind, andere bis dahin Chefin werden oder die erste Million verdienen. Hast du solche konkreten Ziele? Ikkimel: Ich will nur immer besser werden in dem, was ich tue. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sowieso immer alles anders kommt, als man denkt. ZEIT Campus: Was meinst du damit? Ikkimel: Vor fünf Jahren lag mein Vater im Sterben, er hatte Blutkrebs. Ich habe damals noch studiert und im Labor für Gehirn- und Sprachforschung gearbeitet und wollte durchziehen. Aber die Leute um mich herum haben gesagt: Nimm dir jetzt Zeit für dich. Du kriegst sie nicht wieder. Und sie hatten recht. ZEIT Campus: Wie war diese Zeit? Ikkimel: Ich bin nicht mehr ins Labor gegangen und habe nur noch meine Bachelorarbeit geschrieben. Ich war fast jeden Tag bei meinem Vater und habe ihn gepflegt. In den freien Momenten habe ich Musik gemacht, er war stolz darauf. Wie ich Ikkimel geworden bin, hat er nicht mehr mitbekommen. ZEIT Campus: Wie bist du von Melina zu Ikkimel geworden? Ikkimel: Ich hatte meine Bachelorarbeit abgegeben, dann ist mein Vater gestorben und Corona fing an. Eigentlich wollte ich nach Norwegen, ich hatte schon ein Stipendium für einen Auslandsmaster in Neurowissenschaften. Ich habe echt gerne studiert, ich hab's geliebt, zu Hause ganz in Ruhe mit einem Kaffee an meinen Essays zu schreiben. Ich hätte den Weg in der Forschung weitergehen können. Aber ich habe mich entschieden, in Berlin zu bleiben, meine Mutter und mein Bruder waren ja auch noch da. Es hätte sich falsch angefühlt, zu gehen. Wenn man mit dem Tod konfrontiert wird, ändert das alles. Ich habe mich gefragt: Was auf der Welt bedeutet mir wirklich etwas? Ich musste es einmal laut aussprechen, dass ich Musik machen will. ZEIT Campus: Wem hast du das gesagt? Ikkimel: Mir selbst. Das war 2021. Ich war tagsüber mit einem Kumpel auf dem Tempelhofer Feld spazieren. Er ist selbst nach Berlin gezogen, um Musiker zu werden, und hat mir ins Gewissen geredet: Du kannst das professionell machen. Ich hatte davor schon auf Beats von ihm gerappt. Mir war klar, ich musste mich entscheiden – ganz oder gar nicht. Ich fuhr nach Hause, stand allein in meiner Wohnung und habe mir laut gesagt: Ich ziehe das durch. ZEIT Campus: Wie hat sich das angefühlt? Ikkimel: Absolut richtig. Ich hatte ja nichts zu verlieren. Ob in den Zwanzigern, Dreißigern oder auch danach: Eigentlich kannst du dich immer ausprobieren. In unserer Generation gibt es sowieso keinen strikten Weg mehr. Auch wenn du deine Ausbildung oder dein Studium durchziehst, garantiert dir keiner einen Job. Deswegen hatte ich keine Angst vor meiner Entscheidung und davor, alles auf die Musik auszurichten. ZEIT Campus: Wie hast du dein Leben umsortiert? Ikkimel: Ich habe einen Nebenjob bei der Partei DIE PARTEI angenommen, um meine Miete zu zahlen. An freien Tagen habe ich an meinen Songs gearbeitet und erste kleine Auftritte gespielt. Ich habe meinen Arbeitskolleg:innen direkt am Anfang gesagt: Ich werde in den nächsten zwei Jahren Musik rausbringen, und wenn das funktioniert, bin ich wieder weg. Die dachten wahrscheinlich: Ja klar, mach du mal. Heute kommen sie immer noch zu meinen Konzerten und supporten mich. ZEIT Campus: In deinen Texten geht's um Sex und Drogen, auf der Bühne nimmst du auch mal einen Zuschauer an die Leine. Bist du als Ikkimel eine andere? Ikkimel: Ikkimel ist keine Kunstfigur. Sie ist kein ausgedachter Charakter, der nichts mit der realen Welt zu tun hat. Natürlich ist meine Musik Überspitzung, voller Kunstmomente. Wenn ich "fick alle Männer" rappe, dann denke ich das als Melina natürlich nicht. Aber meine Kritik am Patriarchat ist echt, am Verhalten von Männern, die Frauen nicht respektieren und Machtpositionen ausnutzen. Wenn Ikkimel eine komplette Kunstfigur wäre, würde das meine Kreativität ersticken. Ich will Dinge ausprobieren können und nicht nur die Auf-die-Fresse-Gute-Laune-Musik machen. In Zukunft will ich auch meine emotionale Seite zeigen. Auf meinem Album Fotze habe ich mit Herz zurück schon einen ruhigeren Song gemacht. ZEIT Campus: Viele Frauen sagen, wegen deiner Musik weniger Angst zu haben, etwa wenn sie allein joggen gehen. Wie erklärst du das? Ikkimel: Statt sich auszumalen, was einem Schlimmes angetan werden könnte, hilft meine Musik zu denken: Ich fick sie alle ! Das ist ein anderes Mindset. Männer werden direkt damit aufgezogen. Vielen wird schon als Kind gesagt: Du bist der Größte, du kannst alles schaffen. Mädchen wird eingetrichtert, sich in Acht zu nehmen und bloß nicht aufzufallen. Meine Musik holt Hörerinnen aus einer gebenden Position in eine machende. Und dann lässt sich eine Frau beim Joggen vielleicht nicht mehr dumm anmachen und konfrontiert den Typen, statt zu überlegen, wer sie beschützen kann. ZEIT Campus: Kennst du solche Situationen? Ikkimel: Safe. Es ist krass, wie tief Sexismus in unserm Alltag verankert ist, wie normal das ist: Fast jede Frau wurde schon mal beleidigt, belästigt, begrabscht, in der Bahn, im Büro, im Klassenzimmer. ZEIT Campus: Du willst Männern den Beleidigungsspielraum nehmen und sagst: Niemand könne dich als "Fotze" beleidigen, wenn du dich selbst stolz so nennst. Online führt das zu Hass. Ikkimel: Als ich vor zwei Jahren für den Song Sweet Baby Jesus meine erste Hate-Welle bekommen habe, war ich geschockt. Leute haben geschrieben, dass sie mich ermorden wollen. Nach der Schockstarre habe ich reflektiert, was meine Werte sind. Ich habe mich ehrlich gefragt, ob ich den Text nur geschrieben habe, um zu provozieren. Bislang bin ich nach jedem Shitstorm zum Ergebnis gekommen: Meine Texte basieren auf Werten wie Selbstbestimmung und sind in Ordnung so. Mich hat der Hass nur gefestigt. Die extremen Kommentare zeigen, welche Abgründe unsere Gesellschaft hat und wie relevant meine Musik ist. ZEIT Campus: Wie gehst du mit Sexismus im Alltag um? Ikkimel: Ich arbeite strikt nicht mehr mit Leuten, die mich nicht respektieren. Ich bin nicht auf der Welt, um Männern Empathie und Feminismus zu erklären, nicht in meinen Beziehungen und nicht im Job. Die können das gerne für sich selbst reflektieren, so wie ich das auch schon mein Leben lang machen musste. Ich stecke das niemandem in den Arsch. Das ist nicht meine Arbeit, ich will Kunst machen. Wenn da jemand nicht von selbst wachsen und lernen will, dann tschüss! ZEIT Campus: Wie patriarchalisch ist die Musikbranche? Ikkimel: Es bewegt sich langsam in eine andere Richtung. Weibliche Stimmen werden relevanter, und immer mehr queere Musiker:innen wie Baran Kok trauen sich, mit ihrer Kunst rauszugehen. Das brauchen wir auch, weil Gleichberechtigung einfach noch nicht in unserer Gesellschaft angekommen ist. ZEIT Campus: Deine Texte werden heiß diskutiert. Oft geht es um die Frage, ob Zeilen wie "Schnauze halten, Leine an, Schatz jetzt sind die Weiber dran" feministisch sind oder nur Männer herabwürdigen. Ikkimel: Mich nervt der Doppelstandard. Wenn zeitgleich zehn Männer frauenfeindliche Texte ins Mikro sprechen, juckt das keinen. Bei mir wird strenger hingeguckt, was einfach sexistisch ist. Dann kommt noch dazu, dass geschaut wird, welche anderen Künstlerinnen ähnliche Sounds machen. Das macht mich wütend. ZEIT Campus: Warum? Ikkimel: Das Pick-Me-Getue im Deutschrap, das "es kann nur eine geben" ist einfach ein hohles Argument. Natürlich gibt es nur einen Chart Platz 1, aber es gibt so viele Wochen da draußen, wir nehmen uns gegenseitig nichts weg. Ganz im Gegenteil, wir profitieren davon, wenn Frauen sich supporten. Mit den ewigen Vergleichen und Sticheleien tun wir uns selbst keinen Gefallen. Aber die Sisterhood kommt zum Glück auch im Deutschrap endlich mehr an. Ich vergleiche mich grundsätzlich mit niemandem mehr, auch nicht mit männlichen Künstlern. Das gibt mir einen inneren Frieden. Ich weiß, was ich kann und was ich möchte, dafür muss ich nicht auf andere schauen. ZEIT Campus: Im Song Amena rappst du: "Hätt's mit Mucke nicht geklappt, dann wäre ich heute dein Dozent." Worüber würdest du sprechen, wenn du jetzt einen vollen Hörsaal vor dir hättest? Ikkimel: Ich würde eine Deutschrap-Vorlesung machen: Wie Frauen über sich selbst sprechen versus wie Männer über Frauen sprechen. Dafür würde ich dann Rap-Texte gegenüberstellen, klassische Gedichtanalyse, aber mit kultureller Einordnung. Ich kann bei männlichen Rappern zum Beispiel klar raushören, ob sie Frauen mögen oder nicht. ZEIT Campus: Kann man das bei dir raushören? Ikkimel: Nicht so klar, nee. Aber das muss man auch nicht, ich will ja keine Musik über Männer machen. In meinen Texten geht's um mich und alle Frauen. Aber weil viele rätseln, ob ich eine Männerhasserin bin: Grundsätzlich gibt es schon ein paar Männer, die ich mag.