Zeit 28.11.2025
10:26 Uhr

Humanitäres Völkerrecht: Den Krieg zivilisieren


Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hat das Fundament für das humanitäre Völkerrecht gelegt. Was passiert, wenn sich immer weniger Staaten daran halten? 

Humanitäres Völkerrecht: Den Krieg zivilisieren
Einen normalen Arbeitstag? "Gibt es nicht in Wau", sagt Mustafa Abulhimal. Wau – der Name klingt verheißungsvoll, ist aber der einer bitterarmen Stadt im Südsudan mit einer Einwohnerzahl, die je nach Sicherheitslage schwankt, und einer Ausgangssperre ab 19 Uhr. Einsätze im Hinterland müssen also gut geplant sein. So wie vergangene Woche, als Abulhimal, der dort das Team des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) leitet, im Konvoi stundenlang über Staubpisten ruckelte, bis Plastikplanen auftauchten und das Summen von Stimmen anschwoll. 14.000 Flüchtlinge haben sich am Rande eines Dorfes niedergelassen. Die meisten von ihnen Frauen und Kinder, erschöpft nach zwei Wochen Fußmarsch. "Die sind um ihr Leben gerannt, als die Kämpfe in ihrer Region wieder losgingen", erzählt Abulhimal am Telefon. Er machte sich mit seinem Team an die Arbeit: Familien registrieren, Notrationen für Kinder, Moskitonetze und Geld verteilen. Rund 150 Dollar pro Familie, damit sie sich auf dem Dorfmarkt das Nötigste kaufen können. Und zuhören, was die Leute zu erzählen haben. Von Schüssen und Granaten, von Angehörigen, die auf der Flucht gestorben sind, von den Frauen, die während des Fußmarsches Kinder zur Welt brachten. Das Leben und die Würde von Menschen schützen, die von bewaffneten Konflikten betroffen sind – so lautet die Mission des IKRK. Der Ägypter Mustafa Abulhimal, 41, fand sie vor neun Jahren erfüllender als seine Doktorarbeit in Theologie und Geschichte. Für das IKRK war er unter anderem im Irak und in Jordanien. Jetzt also der Südsudan, dessen Bevölkerung ähnlich viel Gewalt erlebt hat wie der nördliche Nachbar Sudan, aber noch weniger Aufmerksamkeit erfährt. Das gilt für die meisten der über 90 Länder, in denen das Internationale Komitee Hospitäler betreibt, nach Vermissten forscht, Minenopfer betreut, Inhaftierte besucht, den Austausch von Kriegsgefangenen organisiert. Das IKRK gilt als "Mutter aller humanitären Organisationen". Entstanden ist es 1863 in Genf auf Initiative eines Schweizer Geschäftsmanns namens Henry Dunant. Der hatte wenige Jahre zuvor im italienischen Solferino Tausende Tote und Zehntausende Verwundete nach einer Schlacht zwischen Österreich und Frankreich gesehen – und gerochen. Von da an verfolgte Dunant nur noch eine Mission: den Krieg, der Ende des 19. Jahrhunderts immer industrieller und mörderischer wurde, zu "zivilisieren". Wenig später verpflichteten sich auf Drängen Dunants und einer Handvoll Mitstreiter erstmals Staaten zum Schutz von Hospitälern und medizinischem Personal im Kriegsfall. Und zur Versorgung der Verwundeten. Auch solchen in der Uniform des Feindes. Auf dieses erste "Genfer Abkommen" sind die vier Genfer Konventionen gefolgt, die heute die Grundlage des humanitären Völkerrechts bilden. Und die das IKRK im Unterschied zu anderen NGOs mit dem Mandat ausgestattet haben, dieses Völkerrecht zu fördern und Kriegsopfern beizustehen. Dunants kleine Gruppe ist mittlerweile zum größten humanitären Netzwerk der Welt herangewachsen. Eine Bewegung mit 80 Millionen Helferinnen und Helfern, verteilt auf 191 selbstständige Landesverbände des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds. Dazu weitere 20.000 Mitarbeiter, die weltweit für das Internationale Komitee im Kriseneinsatz sind. Eine phänomenale Erfolgsgeschichte. Eine, die auch immer wieder bedroht ist. Gerade jetzt. Im Jahr 2025 bombardiert Russland Wohnviertel in der Ukraine und foltert Kriegsgefangene. Im Sudan verüben Paramilitärs Massaker an Zivilisten. Seit Beginn des Krieges in Gaza sind laut UN über 1.000 Ärzte und medizinische Helfer getötet worden. Die Zahl der bewaffneten Konflikte weltweit steigt ebenso wie die der Kriegsverbrechen. Das Logo des Roten Kreuzes, eigentlich eine Schutzgarantie, gerät immer öfter ins Visier von Drohnen und Scharfschützen. Und von Kritikern. Im Fall Gaza beschuldigt Israel das IKRK der Sympathie für die Hamas, Palästinenser werfen ihm vor, aufseiten Israels zu stehen. In der Ukraine erzeugte die Nachricht von hochrangigen Treffen zwischen IKRK und russischer Regierung einen Shitstorm – obwohl die Vertreter des Komitees vorher mit der ukrainischen Regierung geredet hatten. Im Krieg Unparteilichkeit zu wahren und mit allen Seiten im Gespräch zu bleiben, auch mit jenen, die Verbrechen begehen, ist für das IKRK die Voraussetzung, um Zugang zu Opfern und Betroffenen zu bekommen. Aber das ist immer schwerer zu vermitteln in Zeiten, da auch von NGOs verlangt wird, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Dass zu den Arbeitsregeln des IKRK die "diskrete Beharrlichkeit" gehört, macht es nicht einfacher. Das Internationale Komitee klagt Verstöße gegen das Völkerrecht nicht öffentlich an. Stattdessen dokumentiert es sie und bringt sie gegenüber Kriegsparteien zur Sprache. Hinter verschlossenen Türen. Dieses Verschwiegenheitsgebot gilt bis heute. Trotz der katastrophalen Entscheidung des Komitees im Zweiten Weltkrieg, die Verfolgung der europäischen Juden lieber in vertraulichen Appellen an die NS-Führung zu thematisieren, statt sie öffentlich anzuprangern. Und trotz des wachsenden Unmuts von Nothelfern über die verordnete Diskretion bei IKRK-Kriseneinsätzen in den 1960er- und 1970er-Jahren. Einige bauten ihre eigene NGO auf: Ärzte ohne Grenzen, in Frankreich als Médecins Sans Frontières (MSF) gegründet. Aber auch MSF muss abwägen zwischen öffentlicher Kritik an Kriegsparteien und dem humanitären Zugang zu deren Opfern. Wie das IKRK sehen sich MSF und alle internationalen NGOs damit konfrontiert, dass immer mehr Staaten das Streichholz ans humanitäre Völkerrecht halten. Diese Dynamik des Nachahmens beschreibt auch Mirjana Spoljaric, Präsidentin des IKRK. Verstöße gegen die Genfer Konventionen an einem Kriegsschauplatz haben Folgen für andere Konflikte, sagte sie vor einigen Monaten im Gespräch mit der ZEIT. Vor allem wenn "regionale Mächte und Großmächte, die Einfluss haben", solche Verbrechen zuließen. Wen sie meint, muss sie nicht explizit sagen. Die Kritik richtet sich an arabische Staaten, die mit Waffenlieferungen das Morden im Sudan befeuern . Sie richtet sich auch an westliche Regierungen, die angesichts der israelischen Kriegsführung in Gaza allenfalls "Besorgnis" ausdrücken. Spoljaric, Schweizer Diplomatin kroatischer Herkunft und seit 2022 im Amt, hat einen eigenen, eindringlicheren Ton gefunden, den sie auch in Videobotschaften direkt aus Konfliktregionen anschlägt – einen, der bei aller "diskreten Beharrlichkeit" deutlich macht, auf welch abschüssige Bahn sich eine Welt begibt, die entfesselte Kriege hinnimmt. Sie ist übrigens die erste Frau an der Spitze des IKRK. Spoljaric hat den Posten in einer Zeit übernommen, in der die Organisation nicht nur politisch, sondern auch finanziell kämpfen muss. Beitragszahlungen von Staaten schrumpfen, Stellen müssen gestrichen, Büros in Krisengebieten geschlossen werden. Das im südsudanesischen Wau bleibt bis auf Weiteres geöffnet. "Bis März 2026", sagt Mustafa Abulhimal, bleibe auch er. Dann geht es weiter in den nächsten Einsatz. Vielleicht Syrien, vielleicht Afghanistan, vielleicht Ukraine. Er ist inzwischen Vater einer zweieinhalbjährigen Tochter, die er alle paar Monate auf Heimaturlaub sieht. Und er fragt sich jetzt öfter, ob seine Arbeit dieses Opfer wert ist. Bislang lautet die Antwort jedes Mal: ja.