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17.01.2026
09:10 Uhr
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Die Hochsee war lange Niemandsland. Ein historisches Meeresschutzabkommen ändert das ab sofort. Zeit, wieder von sauberen Ozeanen und üppigen Riffen zu träumen?

Fährt man weit genug raus aufs Meer, kommt die Hochsee. Nach zwölf Seemeilen enden die Hoheitsgewässer, nach 200 Seemeilen, also 370 Kilometer vor den Küsten, die Wirtschaftszonen der Staaten. Doch wer glaubt, hier beginne die unberührte Natur, irrt. Tiefseebergbau , Überfischung, Ölbohrungen – vieles gefährdet das Leben in den kaum kontrollierten Weiten der Ozeane. Seit Jahrzehnten verdunkeln Müllteppiche aus Plastik den Meeresgrund . Jeden Tag ersticken Meeresschildkröten und Seevögel im Abfall. Delfine und Robben verenden als Beifang in Reusen und Fischernetzen. Mikroplastik vergiftet das Meer bis in die Tiefsee . Haien werden bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten, die als Delikatessen in Asien Höchstpreise erzielen. Und der wachsende Schiffsverkehr aus Tankern und Fähren tötet sogar Wale, die größten Meeressäuger der Erde. Damit die hohe See endlich Schutz bekommt, haben die Vereinten Nationen 20 Jahre lang über ein Abkommen verhandelt. Jetzt, am 17. Januar, tritt es in Kraft. Wendepunkt für den Meeresschutz Mit dem High Seas Treaty , das bereits 2023 beschlossen und von 145 der 198 UN-Mitgliedsstaaten unterzeichnet wurde, werden Schutzmaßnahmen endlich auch auf hoher See möglich. Meeresbiologinnen und Umweltschützer feiern es als Wendepunkt für die Meere. "Das ist ein historischer Durchbruch", sagte der Biologe und Aktivist Sascha Müller-Kraenner von der Deutschen Umwelthilfe wenige Tage vor Inkrafttreten des Abkommens. "Endlich erhalten wir ein Werkzeug, um das größte Ökosystem der Welt nachhaltig zu schützen." Die Welt will ein Drittel der Ozeane besser schützen Das Hochseeabkommen bildet die Basis dafür, das 30-30-Ziel zum Schutz der biologischen Vielfalt anzugehen, wonach ein Drittel der Ozeane bis zum Jahr 2030 nur noch nachhaltig genutzt werden sollen. Dieses Ziel haben sich die Vereinten Nationen mit ihrem Biodiversitätsabkommen gesetzt, das 2022 in Montreal geschlossen wurde. Bis zum Inkrafttreten des Hochseeabkommens haben es 83 der 145 Unterzeichnerstaaten ratifiziert und sich damit bereits verpflichtet, die Vereinbarungen für die Hochsee national umzusetzen. Deutschland hat zumindest die Gesetzesentwürfe dafür schon auf den Weg gebracht, hinkt aber mit der Ratifizierung hinterher. Die USA steigen praktisch ganz wieder aus Neben der EU, fast ganz Südamerika, China, Indien, Australien und weiten Teilen Südostasiens sowie den meisten Küstenstaaten Afrikas hatten auch die USA unter Joe Biden das Abkommen unterzeichnet. Sein Nachfolger Donald Trump wird es aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ratifizieren. Im Gegenteil: Der US-Präsident verfolgt eigene Pläne, in der Hochsee Rohstoffe abzubauen – ungeachtet der in dem Abkommen vereinbarten Prinzipien. Auch sein Griff nach Grönland betrifft arktische Meeresgebiete, die teilweise unter das High Seas Treaty fallen. Für ein Schutzgebiet reicht künftig die Dreiviertelmehrheit Ein echter Durchbruch versteckt sich im Kleingedruckten: Anders als in der Kommission zum Schutz der Antarktis, in der das Veto eines einzigen Mitgliedsstaates reicht, um eine Schutzzone zu verhindern, reicht innerhalb des High Seas Treaty eine Dreiviertelmehrheit, um Meeresschutzgebiete einzurichten. Ein einzelnes "Nein" kann Schutzmaßnahmen für wertvolle Lebensräume – etwa für stark bedrohten Haie – also nicht mehr aufhalten. Den Streit um die Antarktis wird allerdings auch das Hochseeabkommen nicht beilegen. Russland, das mit China dort bisher mehr Schutz für das marine Leben verhindert, hat es gar nicht erst unterzeichnet. Ein Hebel gegen illegale Fangflotten und Raubbau 90 Prozent der globalen Fischbestände sind nach Daten der Vereinten Nationen bereits erloschen oder überfischt. Satellitendaten zeigen, dass weltweit dreimal so viele Schiffe die Ozeane leerfischen, wie offiziell erfasst sind. Mit dem UN-Hochseeabkommen hat die Weltgemeinschaft nun auch gewisse Möglichkeiten, illegale Fischerei jenseits staatlicher Hoheitsgewässer zu verfolgen. Was sie aus dieser Chance macht, wird sich zeigen. Länder, die künftig auf hoher See nach Bodenschätzen wie Seltenen Erden bohren, Öl fördern oder dort Kohlenstoff versenken wollen, sollen ihre Vorhaben nach den Regeln des High Seas Treaty künftig einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterziehen. Das gibt der Weltgemeinschaft zumindest eine gewisse Mitsprache, wenn es um die Ausbeutung der Ressourcen am Meeresgrund geht. Ein weiteres Prinzip des Abkommens ist, den Wert biologischer Ressourcen – darunter die Gensequenzen von Pflanzen und Tieren, die für die Medizin und Wirtschaft von Bedeutung sein könnten – gerechter zu verteilen. Die Rechte indigener Völker sollen dabei gewahrt, traditionelles Wissen respektiert und der Globale Süden von den reicheren UN-Staaten besonders im Meeresschutz gestärkt und vor Ausbeutung seiner Ressourcen geschützt werden. Hoffnung für Wale, Haie und Meeresschildkröten Auch die bedrohte Tierwelt soll von dem Abkommen profitieren. Denn viele große Meeresbewohner wandern zwischen Brutstätten, Nahrungsgründen und zur Paarung über Tausende Kilometer durch die Weltmeere. Meeressäuger wie Wale oder Fische wie Haie effektiv zu schützen, scheiterte bisher oft daran, dass ein Hai, der vor den Küsten vieler Länder nicht gefischt werden darf, auf der Hochsee gefangen wird – wo nationale Gesetze nicht greifen und niemand etwas mitbekommt.