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07.12.2025
14:40 Uhr
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Die Stimmung: deprimierend. Ansonsten viel Sex, viel Elend, viele Zecken. Ein Roman aus dem AfD-Milieu zeigt: Auch Neurechte sind manchmal traurige Gestalten.

Der namenlose Protagonist des Romans Herrengedeck arbeitet für die AfD im Dresdener Landtag – seine Nächte verbringt er in einem Delirium aus Schlaflosigkeit, erschütternden Hustenanfällen und kastenweisem Verbrauch von Bieren der Marke Felsenkeller. Und das ist schon erstaunlich: Melancholie und Niedergeschlagenheit sind nicht die Stimmungslagen, die man gerade mit der Neuen Rechten verbindet. Die Gründungsmesse der "Generation Deutschland", der neuen Jugendorganisation der AfD , in Gießen verströmte nichts als wuchtige Siegesgewissheit – mit und wegen, nicht trotz ihrer Radikalität. Es war eine Feier der "Mosaikrechten", der Umarmung von Partei und rechtsextremer Vorfeldorganisationen wie Burschenschaftern, den Identitären oder dem Verein Ein Prozent. Umso verblüffender ist, dass dieses Milieu nun einen eigenen Romanautor hervorgebracht hat, der mehr nach Christian Kracht klingt als nach neurechter Erbauungsliteratur. Bisher ist das Phänomen weitgehend unbekannt: von Verzweiflung schreibende Ultras? Volker Zierke ist 33, er veröffentlicht seine Bücher im Jungeuropa Verlag des rechtsextremen Aktivisten Philip Stein. Gemeinsam mit diesem betreibt er den Podcast Von rechts gelesen . Zierke war Regionalleiter der Identitäre Bewegung Schleswig-Holstein. Herrengedeck ist sein dritter Roman, eine Selbsterkundung aus dem Inneren der AfD-nahen Burschenschafter-Szene in Dresden, bei dem eigentlich nur noch die Stadt gut wegkommt. Der leise, unglücklich-sarkastische Ton des Romans passt nicht zu dem, was der Autor am Telefon die "Hyper-Affirmation" seines Milieus nennt, in dem alles immer bombastisch sein müsse und jede Kritik sofort Verrat sei. Eine Dosis Depri: Das Milieu scheint sich daran nicht zu stören – die vierstellige erste Ausgabe ist fast ausverkauft, eine zweite ist in Arbeit. Die Stadt ist in Ordnung, vor allem nachts: die Elbwiesen, das blaue Wunder, die Jugendstilvillen in der Vivaldistraße, der gelbe Sand am Fluss – aber die Leute? "Könntet Ihr bitte die Fresse halten", teilt der Held einer Gruppe von Yuppies mit, die neben ihm an einem Tisch Platz genommen haben. "Nicht jeder in diesem scheiß Biergarten ist ein bourgoises Schwein". Oder: "Ihr behinderten Schwuchteln, ihr seid Schuld, dass Deutschland den Bach runtergeht." In Zierkes Dresden wimmelt es von "Zecken", "Pyjamaträgern", lächerlichen "Demokraten". Die größte, bis ins Mark gehende Enttäuschung aber sind die eigenen Leute, seine Arbeitgeber von der AfD – diejenigen, die am Ende nichts anderes wollten als Anzüge tragen und sich in der Landtagsfraktion wichtig machen. Die gar keine radikale Veränderung anstreben, sondern nur einen Regierungswechsel. Eine kleine Koalition mit der Union. "Nichts mehr von Weltveränderung" sei da noch bei der Alternative für Deutschland, flucht der Protagonist, "von Systemwechsel, Zusammenbruch der Eliten, des Kapitalismus, was weiß ich." Man wolle den Bürger – und sich selbst – vor der Erkenntnis schützen, "dass die Welt, in der er lebte, eine Lüge war". So weit, so bekannt aus den Texten von Götz Kubitschek, Benedikt Kaiser und anderen Exponenten der Neuen Rechten, bei denen Liberalismus und "Globalismus" die Hauptfeinde sind – und längst nicht mehr die Linke. Aber dann passiert in Herrengedeck eben etwas sehr Eigenes, nämlich eine Liebesgeschichte mit einer streng katholischen Französin namens Idylle (seufz), in der viel gevögelt, über Verhütungsspiralen gestritten, gezweifelt und gelacht wird ("meine Eier schmerzen"). Offenheit für diese Art von ambivalenten Gefühlen, die von Sehnsucht über Verachtung oder sogar einer Art Geschwisterlichkeit mit einer Frau reichen, findet man in Texten der Neuen Rechten nicht sehr oft. Zu diesem Faible für Ambivalenz passt, dass sich Volker Zierke von den Triumphgesängen bei der Generation Deutschland in Gießen am Telefon nur mäßig beeindruckt zeigt. Auf viele mögen die Reden und Slogans des Gründungsparteitags bedrohlich radikal gewirkt haben . Für Zierke waren da eine Menge Floskeln, die mühsam verbergen sollten, dass es hier für die Mutterpartei schlicht darum ging, einen Jugendverband besser unter Kontrolle zu bekommen. Trotzdem seien "einige gute Leute" nun gewählt worden, so dass er "verhalten optimistisch" in die Zukunft blicke. Dass AfD-Chef Tino Chrupalla in seiner Rede augenzwinkernd an seine eigenen Lagerfeuerabende und Lieder ("ich sag nicht, welche") erinnerte, um dann aber das Jungvolk zum Dienst an der Partei aufzufordern – das sei "das falsche Signal". Zu viel Anpassung, zu viel Anzugträgerei, zu viel Systemimmanenz. Zierke glaubt, am vergangenen Wochenende einen Machtwechsel beobachtet zu haben: Alice Weidel sei nun auch die unangefochtene Galionsfigur dessen, was andere das "völkische Lager" nennen. Volker Zierke war zwei Jahre bei der Bundeswehr. In der Grundausbildung habe es noch glaubhaftes Pathos gegeben, sagt er, einen Hauch vom "richtigen Leben im Falschen", aber mit dem Verbot von Liedern, die schon bei der Wehrmacht gesungen wurden, sei das eben auch verschwunden. Es gebe inzwischen keine kompakte "Weltanschauung" mehr bei der Rechten, wie 1933 – sondern eine Verflachung, auch durch die obsessive Fokussierung auf das Thema Migration. Mit seinem Welt- und Menschen-Überdruss, der Verbindung aus Sex und Elend ("es gibt kein Geheimnis mehr") findet Zierke sich in den Büchern des französischen Romanciers Michel Houellebecq genauso wieder wie in denen amerikanischer Autoren wie Hunter S. Thompson oder Charles Bukowski. Zum Triumphalismus der gerade entstehenden schneidigen Generation Deutschland mag das auf den ersten Blick nicht passen. Aber die Neue Rechte ist eben inzwischen ein sehr breites Zelt – so breit, dass auch Zweifler und Melancholiker darin eine Heimat finden. Der Roman hat nach Bekunden des Autors etliche autobiografische Bezüge. Volker Zierke verdient seinen Lebensunterhalt bei zwei Bundestagsabgeordneten der AfD aus dem Umfeld Björn Höckes in Berlin.