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25.02.2026
18:48 Uhr
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Heiner Wilmer ist neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Er sei zu nett, um zu führen, sagen seine Kritiker. Sie könnten sich noch wundern.

Beim letzten Mal hätte er seine Wahl beinahe abgelehnt. Obwohl sie ihn in Deutschland als Bischof wollten, und obwohl Papst Franziskus das ausdrücklich befürwortete. Heiner Wilmer aber hatte die Traute, seinem Chef einen Brief zu schreiben, in dem er erklärte, dass er lieber bliebe, was er damals gerade war, nämlich Ordensoberer der Herz-Jesu-Priester. Er hadere mit der Entscheidung, ob er das neue Amt annehmen solle. Was der Heilige Vater rate? So höflich, ja botmäßig die Frage klingt, sie war ziemlich selbstbewusst, man könnte auch sagen: ein Affront. Es hatten ja zu diesem Zeitpunkt nicht nur die Hildesheimer Domkapitulare Wilmer gewählt, nicht nur hatte Niedersachsens Ministerpräsident zugestimmt, sondern der Vatikan hatte das Ganze zweimal abgesegnet, mit finalem Ja vom Stellvertreter Christi auf Erden. Der wollte offenbar einen frischen Mann in Deutschland, weil die Lage dort verfahren war. Ein echtes Wagnis, dass Wilmer diese Beförderung anzweifelte: Ich und Bischof, ausgerechnet jetzt, muss das sein? Als ich Heiner Wilmer zum ersten Mal traf, 2018, noch im Haus seines Ordens in Rom, da hatte er die Wahl zum Bischof gerade angenommen. Was ihn sofort sympathisch machte: dass er noch ganz unglücklich schien über die neue Würde – aber nicht aus Angst vor Verantwortung oder gar vor Veränderung. Sondern weil er mit Leidenschaft etwas begonnen hatte, das er verwirklichen wollte: die Herz-Jesu-Priester, 2.200 Mitbrüder in 43 Ländern, in die Zukunft führen. Erst drei seiner geplanten sechs Jahre Amtszeit waren herum, als er Bischof werden sollte, der Ordenschef und seine Getreuen waren mitten im Aufbruch. "Ich bin nicht der Typ Rein-in-die-Kartoffeln-raus-aus-den-Kartoffeln", sagte er später in Hildesheim. Ich traf ihn dort zum zweiten Mal, da war er schon Bischof , aber wirkte noch immer nicht himmelhochjauchzend, zugleich aber sehr entschlossen. Er freue sich, sagte der Bauernsohn aus dem Emsland – der in Paris und in der Bronx gelebt, Geschichte und Philosophie studiert hatte, der fließend Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch spricht – nun doch über die Heimkehr in den deutschen Norden. Im Ernst? Ja! Er liebe die raue Landschaft, den Sturm und diese Mentalität, "die 19 Grad und Nieselregen für Hochsommer hält". Auch sei ihm "die schlichte Eleganz der Romanik" stets lieber gewesen als "der Schwulst des Barock". Werden sie ihm folgen? Bischofsein sei nichts Statisches, sondern ein Pilgerweg. Er selbst brauche nicht viel, nur Menschen, die mitgehen – und Gottvertrauen. "Manchmal denke ich, dass die ganzen Krisen und der Reformstau in der katholischen Kirche mit ihrer Kleingläubigkeit zu tun haben." Vor Amtsantritt in Hildesheim unternahm er eine Pilgerfahrt mit Jugendlichen seines Bistums. "Du bist nur ein guter Lehrer, wenn du ein guter Schüler bleibst. Deshalb ging ich in die Schule der Jungen." Nun aber führt er die Alten: die Herren über Deutschlands 27 Bistümer . Werden sie ihm folgen? Im Vergleich zu den mächtigen Kardinälen von Köln oder München ist Bischof von Hildesheim wie König von Schürsdorf. Lange war es normal, Macht anzustreben – und wenn man sie erlangte, sich kokett vor der Bürde zu fürchten. Heiner Wilmer ist anders. Wer er ist, erklärt man am besten, indem man sagt, was er nicht ist: kein Machtmensch, kein Blender, kein Opportunist. Sondern: fair, sportlich, geradlinig. Auch: klug. Mit guter Menschenkenntnis. Letzteres ist, ja, eine Kardinaltugend. In Zeiten der schnellen Urteile und des lustvollen Niedermoralisierens, da Andersdenkende und Andersglaubende gleich zu Feinden erklärt werden und Feindschaften sich schneller denn je verselbstständigen, muss man Mut haben, um ein guter Hirte zu sein. Krieg kann jeder, Frieden können nur wenige. Wilmers Kritiker sagen: Er sei zu nachdenklich, zu intellektuell, zu nett, um zu führen. Sie könnten sich noch wundern. Er ist ein Versöhner, nicht versöhnlich. Er hat bereits Mut bewiesen, wo fast alle kuschen: gegenüber dem Papst. Offiziell soll er nun die Bischöfe moderieren. Tatsächlich muss er die schwarzen Schafe in der Kirchenhierarchie, die Selbstherrlichen und Skrupellosen, die Reingrätscher und Intriganten stoppen – damit die Herde endlich vorankommt.