|
19.02.2026
13:44 Uhr
|
Er verändert die Welt mit seiner Musik: kleiner Geburtstagsgruß an den ungarischen Komponisten György Kurtág

Die erste 100-jährige Komponistin meines Lebens war Grete von Zieritz. Die Schülerin von Franz Schreker lebte zuletzt in West-Berlin am Tauentzien. Altbau, Vorderhaus, vierter Stock ohne Fahrstuhl. Dort besuchte ich sie 1999, und das Erste, was die zarte weißhaarige Dame mir aufgeregt erzählte, war, dass sie gerade eines ihrer Lebensrätsels gelöst habe: Sie habe entdeckt, woher die Musik in ihrem Kopf rühre und welchen Weg sie nehme, "nämlich erst so und so und so und schließlich so". Dabei zeichnete sie mit ihrem Zeigefinger eine Linie von der Stirnmitte über die Schädeldecke und die rechte Schläfe direkt hinein ins rechte Ohr. Mir hat das damals sofort eingeleuchtet. Sind in der rechten Gehirnhälfte nicht Emotionen, Kreativität, Erinnerungen und räumliches Denken zuhause? Mein zweiter 100-jähriger Komponist heißt György Kurtág, und mit Gehirnhälften darf man ihm nicht kommen. Bei Kurtág geht es immer ums Ganze. Er ist der Stillste und der Radikalste unter den Avantgardisten seiner Generation. Kurtágs Musik klingt wie eine Consommé, so reduziert, dass nur mehr die Essenz des Schmeck- und Sagbaren bleibt. Das erklärt auch die Kürze der meisten seiner Werke. Wie schwarze Löcher bohren sie sich in die Musikgeschichte, vollgestopft, vollgesogen mit Energie, Wissen, Rezeption, Poesie. Es heißt, bei Kurtág gebe es kaum Noten, die sich nicht auf die musikalische Tradition bezögen. Auf Bach, in seinen vielen Transkriptionen etwa, aber auch auf Strawinsky, Debussy, Mozart, Schubert, Schütz oder Monteverdi. Und dann sind da natürlich noch die Ungarn: Liszt, Bartók, Leó Weiner und Sándor Veress. Er vertont sein eigenes Leben Kurtág selbst formuliert es so: "Meine Muttersprache ist Bartók – und Bartóks Muttersprache war Beethoven." Das ist seine Antwort auf die Grete-von-Zieritz-Frage, woher die Musik im Kopf rühre. Kurtág, eine Generation jünger und männlich, konnte das so sagen, von Zieritz (noch) nicht. Der Ungar sagt auch: Er habe nie etwas anderes als seine Autobiografie vertont. Alles, was ihm wichtig gewesen sei – "selbst das, worüber ich mich schämen müsste, es zu gestehen" –, habe er in Klänge "hineingeschmuggelt". Das erzählte er mir vor zehn Jahren in Budapest, als ich ihn zu seinem 90. Geburtstag besuchte. Das lange Leben also des György "Gyuri" Kurtág: Geburt 1926 in eine jüdisch assimilierte Familie im rumänischen Banat; illegaler Weg über die rumänisch-ungarische Grenze, um in Budapest Musik zu studieren und die ungarische Staatsangehörigkeit anzunehmen; zwei Jahre Exil in Paris nach dem Ungarnaufstand 1956, danach Rückkehr nach Budapest bis zum Ende der kommunistischen Ära; Jahre in Bordeaux, seit 2015 wieder Budapest, wo er bis heute lebt. Ein Eremit und Satellit hinter wie vor dem Eisernen Vorhang, seit den 1970er-Jahren preisgekrönt. Ein gefürchteter Lehrer. Und Interpret nicht nur der eigenen Werke. Über 70 Jahre lang bereiste er mit seiner Frau Márta die musikalische Welt, ebenso lang war sie – selbst Pianistin und Hochschullehrerin – seine erste Kritikerin, sein "Zensor", seine Muse. Einträchtig sah man beide am Flügel sitzen, vierhändig spielend. Wobei ihm alles Einträchtige wenig behagte: "Die Spannung besteht darin, immer das Unbequemste zu finden, nur dann hat man eine Resistenz." In der Kunst, im Leben? Der Musikszene blieb sein Werk lange Zeit eine Zumutung. Den Serialisten des 20. Jahrhunderts war er suspekt, weil er mit seinen Klangkonstellationen nicht das Strukturelle sucht, sondern den Ausdruck. An den Elfenbeintürmen der Festivals von Darmstadt oder Donaueschingen zerschellte er, weil seine Musik ein spezifisches Kolorit braucht, die Luft seiner südosteuropäischen Herkunft. Und der Rest der Branche wusste nicht recht, ob sie die "Schillerkragen-Ordentlichkeit" (Wolf Lepenies) seiner Kompositionen bewundern sollt oder bloß aushalten. Einen Meister der Miniaturen hat man ihn deshalb ein wenig verlegen genannt. Aphoristisch sei sein Werk, bruchstückhaft, ins Splittrige verliebt. Zehn Jahre arbeitete er an einer Oper Schöne, sehr typische Geschichte, wie Kurtág nach Paris geht, um bei Pierre Boulez zu studieren – und nach einem Jahr wieder abreist, ohne den Gleichaltrigen ein einziges Mal gesprochen zu haben. Was hätte er dem Franzosen zeigen sollen, fragte sich der junge, zweifelnde Komponist, für den erst 1959 mit seinem Streichquartett op. 1 die schöpferische Zeitrechnung anbrach? Stattdessen begegnet er in Paris der Psychologin Marianne Stein, die ihm rät, sich auf den einzelnen Ton zu besinnen und von dort aus Schritt für Schritt weiterzugehen. Ein Neuanfang war gemacht, der Perfektionismus geschärft. Den Psychologinnen-Rat jedenfalls nahm Kurtág wörtlich. "Für mich ist eine Komposition nie beendet", erzählte er mir 2016 leise, "ich brauche immer ein nächstes Mal. Nichts bei mir ist ganz fertig." Folgerichtig rang er fast ein Jahrzehnt mit einem seiner wenigen großen Werke, seiner Oper Fin de partie nach Samuel Beckett. Mehrfach musste die Uraufführung verschoben werden – und was stand am 15. November 2018 an der Mailänder Scala über der Partitur? "Versione non definitiva", vorläufige Fassung. Das stimmte und stimmte nicht, denn wie Kurtág hier zwei pausenlose Stunden lang mit leichter Hand Gefühlswegweiser aufstellt, Textblitze zucken lässt, Farb- und Gedächtnisvaleurs verteilt, das zog durchaus eine Schaffenssumme. Schöne Erinnerung: Wie die Kurtágs mir in Budapest die drei Fassungen des ersten Stücks aus seinem Klavierzyklus Játékok vorspielten, in der kleinen Bibliothek des Budapest Music Center. Zwei rechte Hände griffen weit nach links auf der Klaviatur, zwei linke weit nach rechts, kreuzten sich, schlangen sich ineinander. " Und jetzt spielen wir es stumm, in der Luft!", rief Gyuri schließlich mit rauer Stimme, "komm, Márta!" Ein Händeballett hoch über den Tasten, innig, zärtlich, sehr entschieden. Sieben schlichte, schwingende Töne, die niemand hörte. Wie groß kann die Musik sein, und wie klein die Welt. 2019 starb Márta Kurtág, seither lebt Gyuri allein. 100 Jahre alt wolle er gar nicht werden, gestand er mir vor drei Jahren, als wir am Telefon über seinen Freund und Komponistenkollegen György Ligeti (1923–2006) sprachen, zu dessen 100. Geburtstag. "Lieber wäre es mir, neben Márta zu liegen." Das hat offenbar noch Zeit. Heute wird erst einmal gefeiert. Glückwünsche von Herzen!