Zeit 03.01.2026
12:49 Uhr

"Goodbye June": Im Januar braucht man anderen Trost


Alles soll so schön sein, wie es nie war: In Kate Winslets Netflix-Regiedebüt "Goodbye June" spielen großartige Schauspieler Familienfilm.


Weihnachten ist nun endgültig vorbei, und das neue Jahr zwingt uns, wieder Haltung anzunehmen vor all den Aufgaben und Problemen, die auf uns warten. Innerlich sind wir also ein bisschen robuster gestimmt, weniger märchenselig und sicher etwas weniger sentimental als im Dezember mit seinen Weihnachtsschlagern und Weihnachtsfilmen. Seltsamerweise hat Netflix den Film Goodbye June , das Regiedebüt von Kate Winslet, erst am Heiligabend ins Programm genommen, also einen Post-Weihnachtsfilm aus ihm gemacht, der in der frisch-frostigen Stimmungslage des Januars kaum noch genießbar ist, so als müsste man jetzt den ganzen Rest des Stollens auf einmal aufessen. Goodbye June , nach einem Drehbuch von Winslets Sohn Joe Anders, wiederholt ziemlich ungeniert ein geläufiges literarisch-cineastisches Schema: Vorm Fest, wenn die Gefühle ohnehin bloß liegen, gerät die Familie, oft ausgelöst durch einen Schicksalsschlag, in die Krise. Dann sieht sie schwierigen Wochen entgegen. Sie muss sich zusammenraufen, dabei alte Zwiste lösen oder austragen, ein jeder muss das Dasein der übers Jahr ignorierten anderen zur Kenntnis nehmen und unschöne Wahrheiten schlucken, kurz: Sie muss sich eine neue Ordnung suchen. Manchmal gelingt das nicht und alles fällt auseinander, aber im Weihnachtsfilm haut es eigentlich immer hin. Der Post-Weihnachtsfilm dagegen muss an dieser Stelle achtgeben, dass er nicht zu dick aufträgt. Goodbye June , eine britische Produktion, zieht trotzdem die dicke Spritze mit dem Zuckerguss hervor. Sie möchte die künstliche Herzenswärme Hollywoods mit dem spröden Realismus des englischen Films versöhnen, sie spielt in der unteren Mittelschicht und präsentiert kauzige Charaktere, um dann in einen sehr erwartbaren amerikanisch-versöhnten Schluss einzumünden. Da stimmt etwas nicht. Das können auch große Stars nicht ausgleichen, im Gegenteil, sie machen die Unwucht nur deutlicher. Helen Mirren spielt die alte Mutter June, die, lange schon krebskrank, plötzlich wieder ins Krankenhaus muss. Die Diagnose ist diesmal niederschmetternd. Es bleibt nur noch wenig Zeit. Die Familie hat sich auseinandergelebt. Die drei Töchter sind zerstritten, Julia (Kate Winslet) ist eine überbeschäftigte Geschäftsfrau geworden, Molly (Andrea Riseborough) eine überforderte Übermutter, Helen (Toni Collette) hat sich ausgeklinkt und arbeitet als esoterische Therapeutin. Sohn Connor (Johnny Flynn), ein schwieriger Nachkomme, vermag als Einziger zu trauern, während der Vater Bernie (Timothy Spall), ein alter humpelnder Skipper mit angenähtem Fuß, bereits erste kognitive Ausfälle zeigt und das nun anhebende Tohuwabohu um seine Frau am liebsten ignorieren würde.