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17.12.2025
16:35 Uhr
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Unser Autor fiebert einem Moment entgegen: Wann ist der Gipfel der globalen CO₂-Emissionen überschritten? Woher seine Hoffnung kommt und ob es dieses Jahr klappen könnte.

Auf diese eine Schlagzeile warte ich seit mehr als anderthalb Jahrzehnten, seit ich mich für die ZEIT mit dem Klima beschäftige. Auf keinen Fall will ich es verpassen, irgendwann endlich schreiben zu können: "Gipfel überschritten: Die Emissionen der Menschheit sinken". Das wäre mehr als eine positive Nachricht, mehr als Atmosphärenchemie: die Botschaft, dass die Staaten der Welt gemeinsam vom fossilen Immer-mehr wegkommen, dass sich Klimapolitik doch auszahlt, eine globale Wende möglich ist. Dieses Jahr schien es, als könne es so weit sein. Etwa als im Frühsommer ein Forscherteam mitteilte, im ersten Quartal 2025 seien die globalen Emissionen tatsächlich niedriger gewesen als im Vorjahreszeitraum . Bloß 0,48 Prozent weniger, okay. Aber immerhin. Und es passte ja zu Vorhersagen, wie sie etwa Analysten des Wirtschaftsdienstes BloombergNEF formuliert hatten : "Unsere Modellierung deutet darauf hin, dass 2024 das Jahr der höchsten Emissionen gewesen sein könnte." Das klang gut, weckte Hoffnung, fand ich. Von "Peak Emissions" sprechen die Fachleute in ihrem Fachjargon, vom Gipfel des Ausstoßes, nach dem es dann abwärts geht. Dieses Bild – steil hoch, steil runter – ist eine gute Metapher für den Wunsch nach einem menschheitsgeschichtlichen Wendepunkt. Einem, ab dem es dann immerhin in die richtige Richtung geht. Doch die Metapher birgt Schwierigkeiten. Denn der Gipfel ist auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu erkennen. Hält man danach Ausschau, hilft eine Orientierung in fünf Schritten: 1. Was ist denn jetzt mit 2025? War das jetzt der Gipfel? Liegen also die Emissionen niedriger als jene von 2024? Aus "vielleicht ja" wurde im Laufe des Jahres ein "eher nicht". Das Global Carbon Project (GCP), eine internationale Kooperation von mehr als hundert Fachleuten, hat errechnet , dass 2025 mehr ausgestoßen wird als 2024. Ihre Studie haben sie Anfang November zum UN-Klimagipfel publiziert. Es ist ein Mix aus (vorläufiger) Statistik für den ersten Teil des Jahres und einer Prognose für den zweiten. Als ich im Dezember nach den globalen Emissionen frage, erklärt GCP-Autor Robbie Andrew vom Klimaforschungszentrum Cicero in Oslo: "Bei aller Ungewissheit tendiere ich dazu zu sagen, etwa plus ein Prozent. Auf jeden Fall nehmen sie weiter zu." – Aber könnte sich das noch drehen? Zeke Hausfather aus Berkeley, einer der weltweit führenden Klimadatenanalysten, schreibt mir: "Die Projektion des Global Carbon Project ist verlässlich genug, um zu sagen, dass 2024 sehr wahrscheinlich nicht der Peak war." 2. Warum dauert das so lange? "Projektionen" und "sehr wahrscheinlich" – wir sprechen hier nicht von endgültigen Befunden. Das Jahr ist ja noch nicht einmal um. Auf meine Frage, wann das GCP eine definitive Berechnung für 2025 vorlegen kann, antwortet Robbie Andrew: Im März werde es wohl ein Update geben, eine "finale Schätzung" dann im November. Warum das so lange dauert? "Daten aus unterschiedlichen Quellen treffen nach und nach ein." Etwa auf dem offiziellen Weg. Der geht so: Die Mitgliedsstaaten der UNFCCC, der Klimarahmenkonvention der UN, müssen ihre nationalen Emissionen ans UNFCCC-Sekretariat melden, das daraus eine Weltstatistik macht. Das deutsche Umweltbundesamt hat die Zahlen für 2024 im März 2025 veröffentlicht . Viele Staaten lassen sich mehr Zeit – ganz abgesehen von der Frage, ob man den Angaben jeder Regierungsbehörde gleichermaßen trauen kann. 3. Ginge das nicht schneller? Und besser? Hilfreich wäre es da, man könnte ohne Umweg über den Amtsweg Treibhausgase von Satelliten aus messen und zählen: Aber obwohl sich einzelne, besonders große Quellen ( etwa Methanlecks auf Gasfeldern ) aus dem All aufspüren lassen, ist man von einer Echtzeiterfassung noch weit entfernt. Der schnellste Weg zu einer Einschätzung, wohin die Kurve zeigt (und ob der Gipfel womöglich erreicht sein könnte), führt über Proxies. Stellvertreter heißt das, und so nennen Forscher Daten, die sie ersatzweise nutzen. Etwa Zahlen über den Verkauf von Kohle. Wie viel Tonnen CO₂ frei werden, wenn eine Tonne Kohle verbrannt wird, ist bekannt. So lässt sich per Proxy auf die Emissionen schließen. Als Anfang 2020 wegen Corona plötzlich ganze Volkswirtschaften stillstanden, begannen Forscher der Pekinger Tsinghua-Universität damit, kurzfristigere Proxies zu nutzen (etwa GPS-Daten des Auto-, Schiffs-, Flugverkehrs und Produktionsmengen von Zementwerken). Im ersten Pandemieherbst bezifferten sie in Nature Communications den global geringeren Ausstoß im ersten Halbjahr : minus neun Prozent. Bloß war dieser Rückgang nur zeitweilig. Carbon Monitor heißt ihr Projekt. Dessen jüngster "nahezu Echtzeit-Emissionsreport" basiert auf Zahlen bis einschließlich September und prognostiziert als "vorläufige Schätzung" plus 0,6 Prozent Emissionen für 2025 . Das klingt präziser, als es ist. "Perfekt sind sie noch nicht, aber gut genug, damit das GCP sie in seinen Jahresbericht aufnimmt", ordnet das Magazin Science ein . 4. Könnte künstliche Intelligenz helfen? Das ist die Idee hinter Climate Trace . Die amerikanische Nichtregierungsorganisation pflegt eine Datenbank von weltweit 745 Millionen Treibhausgasquellen (etwa Raffinerien, Kraftwerken und Müllhalden) und füttert eine KI mit einem steten Strom von Satellitenbildern, um zu analysieren: Wo ist gerade wie viel Aktivität zu erkennen? Welche Emissionen entstehen dabei wohl? Auch die eingangs zitierte Meldung über niedrige Emissionen im ersten Quartal dieses Jahres stammt von Trace. Doch die Ahnung von damals, der Gipfel könne bereits überschritten sein, ist zerstoben. "Unsere Daten reichen momentan von Januar bis September 2025", erklärt mir Fae Jencks aus dem Trace-Team. "Über diese Zeitspanne zeigen sie globale Emissionen, die 0,96 Prozent über dem Vergleichszeitraum von 2024 liegen." Vorläufig? Klar. Ende Februar, so Jencks, werde man über Zahlen für das gesamte Jahr 2025 verfügen. 5. Was ist mit China? Während Frankreich (1973), die alte Bundesrepublik (1979) oder die USA (2005) ihre Peaks schon vor Jahrzehnten erreicht haben (und das wiedervereinigte Deutschland Anfang der 1990er-Jahre), stammte zuletzt fast jedes dritte CO₂-Molekül, das in die Atmosphäre gelangt, aus China. Kein Staat hat mehr Einfluss darauf, ob auch der globale Gipfel erreicht wird und wann. Da liegt es nahe, einfach dorthin zu schauen, der Prämisse folgend: Sinkt Chinas Ausstoß, sinkt er auch weltweit. Bloß lässt sich Peking nur ungern in die Karten schauen. So ist es ein eigenes akademisches Handwerk geworden, aus Wirtschaftsstatistiken und Energiemarktdaten die chinesischen Emissionen abzuleiten. Führend darin ist Lauri Myllyvirta vom Center for Research on Energy and Clean Air . Seine Analyse im Fachdienst Carbon Brief: " Chinas CO₂-Emissionen 2025 befinden sich in der Schwebe zwischen einer kleinen Zu- oder Abnahme, abhängig davon, wie das viert e Quartal läuft." Immerhin habe der chinesische Ausstoß seit 18 Monaten nicht mehr zugelegt. Aber das ist global noch zu wenig, solange anderswo die Emissionen steigen: so wie (langfristig) in Indonesien und (zumindest kurzfristig) in den USA. Nicht ausgeschlossen, dass auch Chinas Ausstoß wieder steigen wird. Falls aber nicht, wäre China gegenwärtig am Wendepunkt. Maßgeblich liegt das am Ausbau der erneuerbaren Energien. Sie sind der Joker, aber selbst nicht immun gegen die Auswirkungen der Klimakrise. So kann beispielsweise, wie etwa 2023 in China , ein trockenes Jahr mit leeren Talsperren dazu führen, dass weniger Wasserkraftstrom verfügbar ist und mehr Elektrizität aus Kohle erzeugt werden muss. Natürlich hoffe ich weiterhin auf eine möglichst baldige Peak-Überschrift. Aber statt einer raschen Wende ist eben auch das möglich, ja sogar plausibler: eine lange Phase der Unklarheit, in der die Emissionen weder deutlich steigen noch sinken und man nicht erkennen kann, wohin sie sich künftig bewegen. Im Jargon der Fachleute gibt es auch dafür eine topografische Vokabel, "Plateau". Für eine Schlagzeile taugt das kaum. Historisch wäre es trotzdem.