Zeit 28.02.2026
10:46 Uhr

FK Bodø/Glimt: Sie erzielen Ergebnisse, weil sie nicht über Ergebnisse nachdenken


Der ganze Kader von Bodø/Glimt ist weniger wert als ein Star von Inter Mailand. Doch die Norweger stürmen von Erfolg zu Erfolg. Was passiert da nördlich des Polarkreises?

FK Bodø/Glimt: Sie erzielen Ergebnisse, weil sie nicht über Ergebnisse nachdenken
In unserer Kolumne "Grünfläche" schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 09/2026. Norweger, die in Italien jubeln, sah man in den vergangenen Wochen genug. Ungewohnt war beim Sieg von Bodø/Glimt gegen Inter Mailand deshalb lediglich Sportart samt Untergrund. Statt auf Schnee und Eis zeigten die Norweger auf dem dieser Kolumne seinen Namen gebenden Rasen ihre Qualitäten. Sie können nämlich gerade auch Fußball. Und allmählich stellt sich die Frage: Was können sie eigentlich nicht? Das Land mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern ist ein Sportphänomen. Sind die Erfolge im Wintersport noch durch den in Norwegen im Überfluss vorhandenen Winter zu erklären, wird es bei Sommermedaillen im Beachvolleyball, der Leichtathletik, im Handball, Triathlon oder Ringen schon unheimlicher. Dazu kommt der Schachspieler Magnus Carlsen, der so gut ist, dass er sich aus dem anstrengenden WM-Business zurückgezogen hat, und natürlich Erling Haaland, einer der treffsichersten Fußballer der Welt. Ich gebe zu, ich war noch nie in Norwegen. Zu kalt und zu teuer, so meine Vorurteile, dabei ließe sich als Sportjournalist da durchaus etwas lernen. Darüber nämlich, wie ein Land zum Sportland wird. Mein Kollege Stephan Klemm war im vergangenen Jahr dort und schrieb damals von einer einzigartigen Sport- und Bewegungskultur, die das ganze Land durchdringt . Kinder werden motiviert, Sport zu treiben – nicht, um später mal Olympiasieger zu werden, sondern weil Sport gut für sie ist. Eine Haltung wiederum, aus der sich am besten spätere Olympiasieger speisen. Dabei sollen die Kinder, die Sport treiben (also fast alle) nicht gestresst werden. "Bis zum Alter von 13 Jahren gibt es keinerlei Ergebnislisten. Die Kinder können sich ihre Zeiten oder Weiten zwar anschauen, eine Reihenfolge werde aber nicht erstellt", schrieb er. So fühlen sich schwächere Kinder nicht ausgegrenzt oder abgeschreckt und bleiben weiter dabei. Das in diesen postolympischen Tagen augenfälligste Beispiel norwegischer Sportkultur ist im Fußball zu beobachten. Dort schreibt der F.K. Bodø/Glimt seit einiger Zeit an einer kaum fassbaren Geschichte. Die Mannschaft aus der 50.000-Einwohner-Stadt, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, steht im Achtelfinale der Champions League. Sie hat sich in den Playoffs in Hin- und Rückspiel zusammengezählt 5:2 gegen Inter Mailand durchgesetzt, immerhin Vorjahresfinalist. Den italienischen Corriere della Sera inspirierte das zu dem schönen Wortspiel "Bodöshaming". Aber schämen muss sich Inter nur ein wenig. Die Norweger haben in dieser Saison auch schon gegen Atlético Madrid und Manchester City gewonnen. Teams, deren Stadien mehr Zuschauer fassen als Bodø Einwohner hat. Und Zufall ist das alles nicht. Schon im vergangenen Jahr stand Bodø im Halbfinale der Europa League, verlor erst dort gegen den späteren Sieger Tottenham. Nur: Wie geht das alles? (Fragt sich nicht nur Jürgen Klopp.) Um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, stapften zuletzt etliche Journalisten und YouTuber durch den Schnee Nordnorwegens und fanden heraus, dass hinter Bodø kein neureicher Geldgeber und keine zusammengekaufte Weltauswahl steckt, sondern ein Team, das fast ausschließlich aus Norwegern und ein paar Dänen besteht. Lediglich der Torwart stammt nicht aus Skandinavien, sondern aus Russland. Der gesamte Bodø-Kader ist weniger wert als Mailands Starstürmer Lautaro Martínez. Eine rührenden Mini-Doku von Copa90 fängt den Spirit in Bodø ein. Stolze, leidenschaftliche, manchmal gar zu Tränen gerührte Menschen, die in ihrem Ministadion, das lediglich 8.200 Zuschauer fasst, selbstgestrickte Fanmützen tragen und ihren Klub leben. Nordnorweger, so heißt es in dem Film, durften noch in den Sechzigerjahren in Oslo, im Süden des Landes, keine Wohnung mieten, wurden diskriminiert. Der Pokalsieg Bodøs 1975, der erste große Erfolg des Klubs, habe auch verändert, wie der Süden auf den Norden und Menschen aus Bodø auf sich selbst schauten. Ein Fußballverein als Identitätsstifter. Ein weiteres Geheimnis des Erfolgs scheint eine große gelbe Zahnbürste zu sein, die zum Symbol der Fans wurde, obwohl niemand so richtig erklären kann, warum. Sowie ein ehemaliger norwegischer Kampfjetpilot, der sich eigentlich gar nicht für Fußball interessiert, jetzt aber als Mentaltrainer des Klubs dessen Philosophie prägt. Einer der entscheidenden Sätze lautet: "We get the results because we don’t think about the results." Sie erzielen die Ergebnisse, weil sie nicht über die Ergebnisse nachdenken. Es soll nicht ums Gewinnen gehen, sondern darum, gut zu spielen und sich weiterzuentwickeln. Klingt ein wenig wie aus dem Phrasenbuch progressiver Außenseiter, aber angeblich nimmt der Trainer mit dem höchst norwegischen Namen Kjetil Knutsen seit Jahren öffentlich nicht die Worte "Sieg" oder "Niederlage" in den Mund. Vor allem aber spielen die Norweger technisch hochwertigen Fußball. Da hilft sicher auch der Kunstrasen, auf dem die Heimspiele ausgetragen werden, weil nördlich des Polarkreises sonst nicht viel Grünfläche gedeihen würde. Spielerisch gibt es kaum etwas, was die Mannschaft nicht kann. Sie presst hervorragend, weiß aber auch mit dem Ball was anzufangen. Sie kann schnell und mutig kombinieren, verteidigen aber auch. Wobei ihnen die Mailänder das mit ihren Dutzenden Verzweiflungsflanken am Dienstag eher leicht gemacht haben. Bodø zeigt, wie einfach Fußball sein kann: Jeder weiß, was er zu tun hat. Keiner macht Mist, alle machen alles zusammen, Rollen und Aufgaben sind klar beschrieben. Der Erfolg ist umso bemerkenswerter, weil die Mannschaft seit Monaten keine Pflichtspiele in der heimischen Liga mehr hatte. Die Saison endete in Norwegen wegen des ewigen Winters am 30. November, Spielpraxis gibt es für Bodø derzeit nur in der Champions League. Gut möglich, dass Fußballeuropa gerade damit beschäftigt ist, herauszufinden, was man aus Bodøs Erfolg und dem der Norweger generell lernen kann. Vielleicht: Wer nur überschaubare Ressourcen zur Verfügung hat, ob Geld oder Menschen, macht auch im Sport Dinge anders. Bildet zum Beispiel die wenigen Spieler, die er zur Verfügung hat, exzellent aus, weil er sich keine anderen leisten kann. Denkt nicht nur um die Ecke, sondern um die Eckfahne. Macht aus Nöten Tugenden. Und überhaupt: Mutige Außenseiter, die auf und neben dem Platz Erfolg haben, wegen ihrer Identität und der engen Verbindung zu ihren Fans und ihrer Gemeinschaft – solche Geschichten können kitschig wirken, aber tun dem maximal kommerzialisierten Fußball gut. Übrigens hat jeder einzelne Bundesligist einen höheren Kaderwert als Bodø/Glimt. Vielleicht sollten mal ein paar mehr Vereinsbosse aus Deutschland an den Polarkreis reisen.