Zeit 21.11.2025
18:20 Uhr

Gesellschaftlicher Backlash: Wovor wir Frauen wirklich Angst haben sollten


Was viele seit Beginn der Kanzlerschaft von Friedrich Merz als Backlash bezeichnen, ist gar keiner: Wir sind beim Feminismus nur nicht weit genug vorangekommen.

Gesellschaftlicher Backlash: Wovor wir Frauen wirklich Angst haben sollten
Wann macht Friedrich Merz sich Sorgen um Ricarda Lang? Wenn sie zu einem Mann mit Turban ins Taxi steigt. Was klingt wie ein Internetwitz , ist nicht nur eine wahre Begebenheit, es markiert auch das, was viele seit Beginn der Kanzlerschaft von Friedrich Merz als Backlash bezeichnen. Über diesen Backlash wird spätestens seit den Tagen nach der Bundestagswahl diskutiert, als Markus Söder ein Foto postete: die sechs Spitzenmänner der Union um einen Tisch versammelt im Konrad-Adenauer-Haus, mit dem Versprechen, nun den "Politikwechsel" voranzutreiben. Das sorgte für Spott und Häme im Internet, aber darüber hinaus scheint es die Herren nicht weiter irritiert zu haben. Das Bild entsprach durchaus dem "Wählerwillen". Der neue Bundestag ist männlicher. Nicht einmal mehr ein Drittel der Mandate wird von Frauen wahrgenommen. Vor zehn Jahren schien die Welt eine andere gewesen zu sein. Auf die Frage, warum ihm Parität in seinem Kabinett so wichtig sei, antwortete Justin Trudeau, der damals 43-jährige Shooting-Star moderner Politik aus Kanada: "Because it’s 2015!", und wurde vielerorts dafür gefeiert. Die Zeit der "alten weißen Männer" schien vorbei. Erst ein Jahr zuvor hatte die schwedische Außenministerin Margot Wallström die "feministische Außenpolitik" zum Programm erhoben. Und die Zahl der Frauen auf dem internationalen Parkett stieg. Seit 2019 steht mit Ursula von der Leyen erstmals eine Frau an der Spitze der Europäischen Union. Im selben Jahr wurde Christine Lagarde Chefin der Europäischen Zentralbank. Dass die weltweite Klimabewegung Fridays For Future vorrangig von jungen Frauen angeführt wurde, schien diese Entwicklung auch für kommende Generationen zu bestätigen. Selbst Angela Merkel, die sich lange nicht als Feministin bezeichnen wollte, bekannte sich zum Ende ihrer Kanzlerschaft als ebensolche. Feministische Außenpolitik gilt im besten Fall noch als Lachnummer Von heute aus betrachtet, kommt mir dieser Glaube an einen echten Aufbruch reichlich naiv vor. Die "feministische Außenpolitik" wurde von der gegenwärtigen schwedischen Regierung wieder aus dem Programm gestrichen. Auch in Deutschland gilt sie im besten Fall noch als Lachnummer, weit häufiger steht sie sinnbildlich für das Scheitern der Ampel-Koalition. Das ist umso bemerkenswerter, als die politische Weltlage die Notwendigkeit feministischer Politik täglich unterstreicht. Im Weißen Haus regiert ein Mann, der wegen sexuellen Missbrauchs zu 5 Millionen Dollar Strafe verurteilt wurde, in Russland wurde häusliche Gewalt entkriminalisiert , Javier Milei hat gleich zu Beginn seiner Amtszeit das Frauenministerium abgeschafft und die Programme zur Bekämpfung geschlechterspezifischer Gewalt gestrichen . Das Recht auf Abtreibung, das einst als demokratische Errungenschaft galt, ist vielerorts wieder Teil des Kulturkampfs und in manchen Demokratien bereits eingeschränkt. Vielleicht liegt genau darin der Kern dessen, was in den vergangenen Jahren passiert ist: nämlich nichts oder jedenfalls zu wenig. Die Welt, in der Frauen ihren Platz an den Kabinetts- und Verhandlungstischen hatten, war auch jene, in der Donald Trump 2016 trotz sexistischer Sprüche gewählt wurde. Und eine, in der auf rechter Seite Antifeminstinnen wie Giorgia Meloni, Alice Weidel und Marine Le Pen von Wahlerfolg zu Wahlerfolg eilten. Könnte es also sein, dass es den Backlash, die Rolle rückwärts, nie gegeben hat, weil ihm kein echter Fortschritt vorausgegangen ist, sondern nur eine Modeerscheinung einer um Aufmerksamkeit buhlenden Mediendemokratie? Weil das, was wir als Fortschritt empfunden haben, nicht aus der Erkenntnis heraus getrieben war, dass Gleichberechtigung und Diversität uns in dem Sinne stärken, dass wir die Ressourcen unserer Gesellschaft voll ausschöpfen können und ein höheres Maß an Beteiligung auch mit einer größeren Akzeptanz demokratischer Prozesse einhergeht?