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21.11.2025
18:22 Uhr
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50 Millionen Dollar für Frida Kahlo – nie wurde für das Werk einer Künstlerin mehr bezahlt. Doch noch immer ist die Kunst von Männern viel teurer. Woran liegt's?

Und schon wieder meldet das Auktionshaus Sotheby's in New York einen Rekord: In der Nacht zu Freitag wurde ein Gemälde der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo (1907–1954) versteigert, für irrwitzige 54,7 Millionen Dollar. Nie wurde bei einer Auktion für das Werk einer Frau mehr Geld ausgegeben. El sueño (La cama) heißt das Gemälde, das wie so oft bei Kahlo die Künstlerin selbst zeigt, hier in einem Himmelbett, auf dessen Baldachin ein Skelett liegt, mit Blumenstrauß in der Hand und Dynamit an den Beinen. Nicht zu übersehen: Die Künstlerin befasst sich mit der eigenen Sterblichkeit. Der jetzt erzielte Rekordpreis hingegen zeugt eher von Kahlos anhaltendem, unerschöpflichem Ruhm – und scheint auch davon zu erzählen, dass Frauen nun endlich den Kunstmarkt für sich erobern. Stolz verkündete Anna di Stasi, die Leiterin der Abteilung für lateinamerikanische Kunst bei Sotheby’s, wie weit wir "in der Anerkennung von weiblichen Künstlern auf dem höchsten Niveau des Marktes" gekommen seien. Das stimmt. Und stimmt leider überhaupt nicht. Denn schaut man auf die Verkaufspreise, die Männer mit ihrer Kunst erzielen, kann man nicht einmal von einer Aufholjagd sprechen. Das teuerste je versteigerte Kunstwerk eines männlichen Künstlers ist Leonardo da Vincis Salvator Mundi , das 2017 bei einer Auktion für 450,3 Millionen Dollar einen Käufer fand. Anfang der Woche wurde ein Gemälde von Gustav Klimt für 236,4 Millionen Dollar versteigert : eine Summe, viermal so hoch wie die für El sueño (La cama) gezahlte. Ähnlich gigantisch ist der Gender-Pay-Gap bei lebenden Künstlerinnen und Künstlern: So wurde Mitte des Jahres das Gemälde Miss January der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas für 13,6 Millionen Dollar versteigert. Sie ist auch die erste lebende zeitgenössische Künstlerin, die in die Sammlung des Louvre aufgenommen wurde. Das Ranking der teuersten Werke männlicher Künstler führt Jeff Koons' Rabbit -Skulptur mit 91 Millionen Dollar an. Woran es liegt? Sind es vor allem die männlichen Sammler, die männliche Kunst kaufen? Spiegelt der Kunstmarkt damit nur die Ungleichverteilung des Kapitals, weil es deutlich mehr Milliardäre als Milliardärinnen gibt? Und Letztere ihr Geld vielleicht sinnvoller anlegen als in teure Statussymbole an Wohnzimmerwänden? In Wahrheit liegen die Ursachen für den Gender-Pay-Gap der Kunstwelt deutlich tiefer, wie 2017 ein Forschungsteam der Luxembourg School of Finance in einer Studie herausfand: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekamen anonymisierte Kunstwerke gezeigt und sollten angeben, welche ihnen besonders gut gefielen und ob sie wohl von einem Künstler oder aber einer Künstlerin stammten. Das Ergebnis: Obwohl gleich viele Arbeiten von männlichen und weiblichen Künstlern stammten, glaubten die Studienteilnehmer, 60 Prozent der Werke kämen von einem Mann. Und zwar jene, die ihnen am meisten zusprachen. Der Gender-Pay-Gap, er steckt in den Köpfen. Das Genie? War immer der Genie Einen anderen Ansatz verfolgte Renée B. Adams, Professorin für Finanzwesen an der Saïd Business School der Universität Oxford: 2021 ließ sie zwei Teilnehmergruppen identische KI-generierte Kunstwerke zeigen, die sich nur durch die Signatur unterschieden. Eine Gruppe bekam das Bild mit einem männlichen, die andere mit einem weiblichen Namen präsentiert. Auch in diesem Fall gefiel die vermeintliche Männerkunst am besten. Noch 2015 hatte Georg Baselitz in einem Gespräch mit dem Guardian behauptet, dass Frauen einfach nicht so gut malen könnten wie Männer. Qualitätsunterschiede, und damit auch die Unterschiede bei den Marktpreisen, seien gewissermaßen naturbedingt. Offenbar folgen viele zumindest unbewusst seiner Einschätzung, so abstrus sie auch ist. Zwar gibt es in der Wissenschaft einen klaren Trend hin zur Aufarbeitung der weiblichen Kunstgeschichte – bahnbrechend war 1971 Linda Nochlins Publikation Why Have There Been No Great Women Artists?, ebenso viel beachtet wurde das jüngst erschiene Buch The Story of Art Without Men von Katy Hessel. Aber die Realität zeigt, dass der Weg zu einer gleichberechtigten Wahrnehmung von weiblichen und männlichen Künstlern noch weit ist. Zu lange standen Frauen im Schatten des Kunstbetriebs, wurden von Kunstakademien ausgeschlossen, niemand bekam ihre Ideen und Fähigkeiten zu Gesicht. Zu lange hat man sie nur für begabte Abmalerinnen gehalten und ihnen das sogenannte disegno abgesprochen – den schöpferischen Geist, das innere Vermögen, ein originäres Werk hervorbringen zu können. Das Genie war immer der Genie, eine Vorstellung, die in den Sammlungen der großen Museen bis heute vorherrscht und sich nachträglich kaum korrigieren lässt. Es sei denn, dass auf dem Markt für zeitgenössische Kunst endlich dieselben Preise gezahlt würden, für Männer wie für Frauen. Es wäre ein Anfang, um die Bilder im Kopf endlich neu zu sortieren.