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29.12.2025
09:41 Uhr
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Das Kind, ein Whistleblower? Das ist in Ordnung – auch wenn man als Elternteil danebensteht und im Boden versinken möchte.

"Du hast doch gesagt, du hast gar keine Lust darauf", bricht es aus meinem Sohn hervor, als uns flüchtige Bekannte auf dem Spielplatz ansprechen, wann wir uns denn jetzt mal zum Kaffee treffen. Die Bekannte ist sichtlich irritiert, ich versuche Schadensbehebung durch sinnloses Gestammel, und das Kind setzt noch mal nach zum Todesstoß: "Stimmt doch. Hast du." Habe ich. Ja. Zu Hause und nur für wenige Ohren bestimmt. Und ich habe auch gesagt, dass er es nicht gleich weiterplaudern muss. Jetzt stehen wir da zwischen Schaukel und Piratenschiff, und ich frage mich: Warum kann das Kind nicht mal etwas für sich behalten? Geht es um Dinge, die am besten nicht ungefiltert an die Öffentlichkeit posaunt werden sollten, ist unserer ein Whistleblower, der seinesgleichen sucht. Keinesfalls darf man ihn mahnen: "Das darfst du jetzt aber nicht gleich weitererzählen." Denn dann muss er ständig an die tabuisierten Worte denken, sie quälen ihn und immer endet es gleich: Das Geheimnis muss raus. Auch wenn seine Mutter danebensteht und augenblicklich im Boden versinken möchte. Kann ich mir Hoffnungen machen, dass mein Kind irgendwann ein Geheimnis behalten kann? Ich frage Louisa Kulke. Sie ist Professorin für Entwicklungspsychologie mit pädagogischer Psychologie an der Universität Bremen. Sie erklärt mir, warum es manchen Kindern so schwerfällt, etwas nicht auszuplaudern. "Erstens benötigen wir eine gute Impulskontrolle, um ein Geheimnis nicht zu erzählen, obwohl wir es gerne würden. Die entwickelt sich zusammen mit dem Frontalkortex noch bis ins junge Erwachsenenalter. Zweitens geht manchmal eine Belohnung vom Erzählen des Geheimnisses aus: Wenn ich Oma von der Überraschung erzähle, freut sie sich, und das ist für mich schön." Das dritte Problem sind die Erwachsenen, sagt die Psychologin. Von ihnen bekommen Kinder oft gemischte Informationen dazu, was ein Geheimnis bleiben muss und was erzählt werden soll. "Von einem Mann, der einen nach der Schule ins Auto locken will, soll man unbedingt erzählen, aber von Geheimnissen vor Geburtstagen nicht", sagt Kulke. Sich in andere hineinversetzen als Voraussetzung Die Sache mit den Geheimnissen ist also gar nicht so leicht. Erwachsene können es meist ziemlich gut. Im Schnitt 13 Geheimnisse hat jeder Mensch dem Psychologen Michael Slepian zufolge. Fünf davon verraten wir keinem. Bis wir dazu imstande sind, Geheimnisse zu bewahren, muss viel passieren. "Ein Geheimnis zu haben und Geheimnisse bewahren zu können, ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung von Kindern", erklärt die Erziehungswissenschaftlerin Renate Valtin, die zur sozial-kognitiven und moralischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen forscht. "Mit vier bis fünf Jahren erkennen sie, dass andere Personen Standpunkte, Wünsche, Motive oder Informationen haben, die sich von ihren eigenen unterscheiden können, und erwerben somit die kognitiven Voraussetzungen für die bewusste Geheimhaltung eines Sachverhaltes vor einem anderen." Die Rede ist von der Theory of Mind, also der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Doch auch wenn Kinder über diese Kompetenz verfügen, ist der Weg zum Geheimniskrämer lang. Um herauszufinden, was Kinder unter Geheimnissen verstehen, wie sie Geheimnisse empfinden und wie sie damit umgehen, hat Renate Valtin eine Interviewstudie mit 200 deutschen und australischen Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren durchgeführt. Ein Ergebnis: Je nach Alter verstehen die Kleinen etwas anderes unter dem Begriff Geheimnis und betrachten ganz unterschiedliche Sachverhalte als solches. "Für jüngere Kinder ist ein Geheimnis mit äußeren Merkmalen verbunden: Man darf etwas nicht weitersagen, es gibt nur wenige Mitwisser", erklärt Valtin. "Bei älteren Kindern wird das Geheimnis zum Verbindenden zwischen Freunden. Die Mitteilung des Geheimnisses wird als ein Vertrauensbeweis angesehen, und Petzen würde das Vertrauen, beziehungsweise die Freundschaftsbeziehung, beeinträchtigen oder gar zerstören." Strafen fördern Geheimhaltung Aber was betrachten Kinder überhaupt als Geheimnis? Das hängt von unterschiedlichen Aspekten ab, ganz besonders vom Alter, wie die Forschung von Renate Valtin zeigt. "Alle Kinder in meiner Studie bezeichneten Geburtstagsgeschenke oder Überraschungen für die Eltern als schönes Geheimnis, das man bewahren sollte", sagt die Erziehungswissenschaftlerin.