Zeit 01.02.2026
09:07 Uhr

Gazastreifen: Das erste konkrete Stück Nachkriegsrealität


Das israelische Militär hat den Grenzübergang Rafah nach Ägypten geöffnet. Es gibt viele Beschränkungen und offene Fragen – doch auch erste Lichtblicke.

Gazastreifen: Das erste konkrete Stück Nachkriegsrealität
Die heutige Öffnung des Grenzübergangs Rafah zwischen Ägypten und dem Gazastreifen ist eine Kippfigur: Man kann darin einen Augenblick echter Hoffnung sehen – oder eine Illusion ohne Bezug zur blutigen Realität. Rafah ist der einzige Übergang, der von Gaza aus nicht nach Israel führt, sondern in ein arabisches Land; er ist Gazas Tor zur Welt. Wenn es sich auftut, und sei es nur einen Spaltbreit, dann ist das ein wichtiger Schritt zur Normalisierung nach Jahren des Krieges und der Isolation. Gleichzeitig brachte der gestrige Tag eine brutale Erinnerung daran, wie weit der Küstenstreifen vom Frieden entfernt ist: Mehr als 30 Palästinenser sind nach Angaben der Hamas-geführten Behörden von Gaza bei israelischen Militärschlägen getötet worden; die israelische Armee spricht davon, dass sie auf Verletzungen des Waffenstillstands reagiert und Terroristen und Terrorinfrastruktur attackiert habe. Was ist da von irgendeiner Lockerung irgendeines Grenzregimes zu erwarten? Auf den ersten Blick wirkt das, was in Rafah geschehen soll, in der Tat bescheiden. Heute sollen offenbar nur die künftigen Abfertigungsprozeduren durchgespielt werden. Aber auch danach bleibt der Verkehr durch den Grenzübergang streng überwacht und eingeschränkt. Die Israelis werden in beiden Richtungen einstweilen lediglich Personen passieren lassen, also keine Güterlieferungen. Man will offenbar ausschließen, dass wieder, wie in den Jahren vor dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023, Waffen für die Hamas aus Ägypten nach Gaza geschmuggelt werden. Aber auch die Einreise von Personen unterliegt strikten Regeln: "Nur solche Bewohner des Gazastreifens", hat die israelische Armee mitgeteilt, "die Gaza während des Krieges verlassen haben, dürfen in Koordination mit Ägypten und nach vorheriger Sicherheitsüberprüfung durch Israel in den Gazastreifen zurückkehren." Erfolg ist nicht garantiert, doch es ist ein Anfang Das Verlassen von Gaza soll hingegen weniger restriktiv gehandhabt werden; hier will das israelische Militär vor allem verhindern, dass Hamas-Führer aus dem Küstenstreifen entkommen. Amjad Schawa, der den Dachverband palästinensischer Nichtregierungsorganisationen im Gazastreifen leitet, betont die enorme humanitäre Bedeutung erleichterter Ausreisemöglichkeiten aus dem bisher abgeriegelten Gebiet: "Etwa 20.000 Patienten müssten zur Behandlung aus Gaza wegverlegt werden. Hunderte von ihnen bräuchten sofortige medizinische Eingriffe." Zugleich weist Schawa darauf hin, dass die israelische Grundhaltung in der Grenzfrage – hohe Hürden bei der Einreise nach Gaza, eine deutlich entspanntere Haltung zum Verlassen des Gebiets – verdachterregend sei: Offenbar habe man in Jerusalem die Idee, nicht aufgegeben, möglichst viele Palästinenser aus dem Gazastreifen auszusiedeln und loszuwerden. Trotz aller offenen Fragen und Einschränkungen ist die Öffnung von Rafah das erste konkrete Stück einer Nachkriegsrealität für Gaza. Es ist der Beginn eines Prozesses, dessen Erfolg nicht garantiert ist, der aber jedenfalls nach Jahren des Kampfes, der Zerstörung und des Elends neue Perspektiven, Akteure, Chancen ins Spiel bringt. Gut vorstellbar, dass über den Grenzübergang demnächst das "Nationale Administrativkomitee" in den Küstenstreifen einreisen wird, die Gruppe aus palästinensischen Technokraten, die unter dem Dach von US-Präsident Donald Trumps bombastischem sogenannten Friedensrat und seiner Untergremien die Alltagsverwaltung von Gaza übernehmen sollen. Auch wollen die Amerikaner offenbar Rafah, das unter der Kontrolle des israelischen Militärs steht, zum Ausgangspunkt und Modellprojekt für einen Wiederaufbau des gesamten Gazastreifens machen, wenn die Hamas in den von ihr beherrschten Gebieten sich einer Entwaffnung widersetzen und einen zivilen Neubeginn unmöglich machen sollte. Das Aufräumen, Ordnungschaffen, Investieren – hier könnte es beginnen. Und dann hoffentlich auf den Rest des Territoriums ausstrahlen. Ein Ende der Gewalt in Gaza ist bei Weitem nicht gesichert. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu will die Hamas nach wie vor komplett vernichtet sehen, und die Terrororganisation selbst will unverändert ihre Entmachtung und Auflösung nicht akzeptieren. Beides zusammen bedeutet die ernste Gefahr einer Wiederaufnahme des Krieges, falls Präsident Trump sie nicht verhindert. Aber wenn es für Gaza einen Weg in eine bessere Zukunft gibt, dann führt er über Rafah.