Zeit 01.02.2026
14:49 Uhr

Gaza: Endlich zählen die Toten


Mehr als 70.000 Tote in Gaza – Israel bezeichnete diese Zahl lange als Propaganda. Nun sagte ein israelischer Offizier: Man halte die Angaben für weitgehend korrekt.

Gaza: Endlich zählen die Toten
Im Krieg gerät die Wahrheit schnell unter Beschuss, wird verschüttet unter Trümmern und Schutt. Aber oft befreit sie sich. Vielleicht bleibt sie nicht unbeschadet, aber das Wesentliche kommt ans Licht. Das wissen sie offenbar auch in der Führung der Streitkräfte Israels. Denn kurz vor der geplanten Öffnung des Grenzübergangs Rafah zwischen Ägypten und dem Gazastreifen machte ein hoher israelischer Offizier gegenüber Journalisten ein spektakuläres Eingeständnis . Das Eingeständnis betrifft die mehr als 70.000 Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren und vier Monaten unter israelischem Beschuss und Bombardement im Gazastreifen getötet wurden. Die Quelle für diese Zahlen ist das Gesundheitsministerium von Gaza. Israels Armee hält dessen Zählung für korrekt, so der Offizier. Spektakulär ist das deshalb, weil Armee und Regierung Israels die Angaben zuvor immer wieder in Zweifel gezogen, dem Gesundheitsministerium Übertreibung und Manipulation vorgeworfen haben. International übernahmen viele Staaten diese Ablehnung. Er habe "kein Vertrauen" in die Zahlen der Palästinenser, sagte der damalige US-Präsident Joe Biden im Oktober 2023. Auch die ZEIT berichtete die Zahlen nur unter Vorbehalt . Für die Skepsis gibt es auch einen Grund: Das Gesundheitsministerium des Gazastreifens untersteht der Hamas. Jener Terrororganisation, die mit ihrem bestialischen Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 den Krieg im Gazastreifen ausgelöst hat. Jener Hamas, die mit Propaganda und Lüge arbeitet, um ihre Ziele zu erreichen, darunter die Auslöschung des Staates Israel. Zugleich gab es zu keinem Zeitpunkt Belege für eine Manipulation der Opferzahlen durch das Gesundheitsministerium. Die Behörde veröffentlichte regelmäßig detaillierte Listen mit Namen, Geschlecht, Geburtsdatum und Identifikationsnummer aller ihr bekannten Toten. Eine Überprüfung der Zahlen könnte in Zukunft möglich werden Überprüfen lassen sich die Angaben kaum, denn seit Ausbruch des Kriegs riegelt Israels Armee den Gazastreifen ab. Weder Journalisten noch Forscher kommen hinein, um selbst zu recherchieren. Mit dem Gaza-Friedensplan gibt es inzwischen eine Perspektive, dass solche Untersuchungen in Zukunft möglich sein werden. Die Öffnung von Rafah ist ein Schritt in diese Richtung und dürfte das Eingeständnis befördert haben. Doch Wissenschaftler halten nicht nur die Arbeitsweise des Ministeriums für seriös, sie haben dessen Daten auch auf verschiedene Weisen überprüft. Durch eine Befragung, mit der sie ein unabhängiges Institut vor Ort beauftragt haben; durch den Abgleich mit Angaben aus den sozialen Medien; mittels statistischer Berechnungen. Die Erkenntnisse zeigen: Das Gesundheitsministerium arbeitet nicht nur seriös, es zählt sogar ziemlich konservativ. Ein Team vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock geht davon aus, dass in Wahrheit nicht 70.000, sondern wohl mehr als 100.000 Tote gibt. Wohlgemerkt: Das sind nur die direkten Opfer der Kampfhandlungen. Wer infolge der zwischenzeitlichen Lebensmittelblockade verhungert ist, zählt nicht dazu. Aus den Statistiken des Gesundheitsministeriums lässt sich ablesen, dass gut die Hälfte der Getöteten Frauen und Kinder waren. Die Zahl der zivilen Opfer übertrifft die der getöteten Hamas-Terroristen bei weitem. Wenn die Armeeführung die Statistik anerkennt, gesteht sie dieses Missverhältnis indirekt ebenfalls ein. Für juristische Fragen nach einem möglichen Völkermord oder anderen Kriegsverbrechen im Gazastreifen lässt sich aus dem Eingeständnis der Armee unmittelbar wenig ableiten. Statistik und Rechtswissenschaft sind unterschiedliche Disziplinen. Und dennoch ist das Ringen um eine möglichst akkurate Statistik notwendig. Sie gibt den Getöteten und ihren Hinterbliebenen das Mindeste, was ihnen zusteht: Ihr Tod wird anerkannt. Endlich.