Zeit 20.12.2025
14:08 Uhr

Fußball in Krisenzeiten: 90 Minuten süßes Vergessen, Urlaub von der Welt


Die Welt ist in einem desolaten Zustand, weiß auch unser Kolumnist. Umso wichtiger ist ihm der Fußball. Er kann im Kleinen lehren, was wir im Großen brauchen: Hoffnung.

Fußball in Krisenzeiten: 90 Minuten süßes Vergessen, Urlaub von der Welt
In unserer Kolumne " Grünfläche " schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 51/2025. Vor etwa zwei Wochen begleitete ich die Frankfurter Eintracht zum Spiel beim FC Barcelona, und vor der Partie trieb ich mich ein wenig ums Stadion herum. Das Camp Nou war zum ersten Mal seit Längerem wieder geöffnet, und so pilgerten 40.000 Menschen zum Spiel. An einer Kreuzung hielt die Polizei die Leute an, damit der Mannschaftsbus der Eintracht aufs Gelände fahren konnte. Es herrschte ein unheimliches Gewusel, von überall Stimmen, Gesänge, Durchsagen der Polizisten. Als sich hinter dem Bus das Stadiontor schloss, gab die Polizei ein Signal und die vielen Hundert Menschen setzten sich wieder in Bewegung. Es war, als habe man kurz einen reißenden Fluss angehalten, bevor das Wasser dann wieder zu fließen begann. Als habe sich die Drehbewegung der Welt für einige Sekunden verlangsamt. Von den Ampeln leuchtete es grün und rot, von den Polizeiautos blau, jemand zündete Feuerwerk, das bunt am Himmel platzte. Und auf den Gesichtern der vielen Menschen, die nun weitergingen, miteinander sprachen, lachten, sangen, spiegelten sich all diese Farben. Ich sah diesen Moment, wirklich, in Zeitlupe. Ich erlebte etwas Magisches, etwas Besonderes, vor allem, weil ich in all diesen Gesichtern dasselbe sah. Was auch immer diese vielen Menschen voneinander unterschied, wie anders ihre Leben verlaufen mögen, in Barcelona oder in Frankfurt; wie immer sie auf die Welt blicken, wer sie sind, was sie ausmacht, wohin sie gehen, woher sie kommen; in ihren Gesichtern sah ich stets: Hoffnung. Es war eine Stunde vor Anpfiff, am Horizont wurden die Konturen des Spiels immer klarer, und wohl ein jeder dieser Menschen dachte sich selig dorthin. Es lag eine weiche Vorfreude über den Leuten, 40.000 pumpende Herzen, die einem Spiel entgegensahen, oder anders: einer möglichen Variante dieses Spiels, von der sie hofften, dass sie eintreten möge. Ich blieb mitten in diesem wieder reißenden Fluss stehen und war, wie man merkt, ernsthaft gerührt. Wahrscheinlich auch, weil mir in den Tagen zuvor etwas aufgefallen war: Niemand in meinem Umfeld spricht kurz vor dem Jahreswechsel zuversichtlich von 2026. Niemand blickt sonderlich hoffnungsfroh ins kommende Jahr, niemand sagt: Das wird mein Jahr, das wird unsere Zeit. Niemand glaubt, dass 2026 alles besser wird. Das Gegenteil ist der Fall. Die Zukunft scheint mir nur noch etwas zu sein, das es zu bewältigen gilt. Etwas, das so oder so, aber in jedem Falle schwierig und ja, vielleicht gar schmerzhaft sein wird. Vielleicht irre ich mich, vielleicht geht es vielen Menschen anders, ich hoffe es inständig. Aber viel Grund für übermäßigen Optimismus sehe auch ich nicht. Der Planet fackelt ab, die Klimaziele werden wir nicht mehr erreichen. Bald frisst die künstliche Intelligenz unser aller Jobs, weil ein paar windige Tech-Bros das so wollen. Noch immer herrscht in Europa Krieg, von den vielen anderen Konflikten weiter entfernt in der Welt ganz zu schweigen. In den USA baut Donald Trump sein Land in eine Autokratie um. Und in Deutschland kommt die AfD auf ein Viertel der Wählerstimmen. Es kann einem wirklich angst und bange werden. Ein Besuch beim FC Barcelona ist ein eigenartiges Erlebnis. Das Publikum nimmt jede noch so egale Entscheidung persönlich, einen Freistoß gegen Barça zu pfeifen oder auch nur einen Einwurf für den Gegner zu geben, gleicht einer Beleidigung. Die Leute gehen aus den Sitzen, rasten aus, schreien und schimpfen und vergessen sich. Im Stadion fand ich das unsympathisch. Danach aber dachte ich: Wie schön, etwas in seinem Leben zu haben, das bei genauerer Draufsicht gar nicht so wichtig, für 90 Minuten aber das Wichtigste überhaupt ist. Die meisten dieser Menschen, die sich nach dem 2:1-Sieg jubelnd in den Armen lagen, gehen wahrscheinlich zu ihrem Klub, seit sie Kinder sind. Seinem Herzensverein die Treue zu halten, weiter zum Fußball zu gehen, ist also immer auch eine Möglichkeit, in Kontakt zu sich selbst zu bleiben. Eine Lebenslinie zurück in eine Zeit, die für die meisten einfacher, unschuldiger war. In der vielleicht all die Verwerfungen der Welt, all der Ärger, all die Angst, nicht so groß, nicht so unbesiegbar schienen. Das kann der Fußball auch heute noch bieten: 90 Minuten süßes Vergessen. Urlaub von der Welt. Ein Safe Space. Ist das naiv? Wahrscheinlich. Und natürlich trifft es auch überall dort nicht zu, wo die Umstände tatsächlich wirklich schlimm sind. Auch ist der FC Barcelona vielleicht nicht das beste Beispiel: ein megalomanischer Superklub mit 2,6 Milliarden Euro Schulden und ordentlich Dreck am Stecken. Aber es ist, was es ist, sagt die Liebe, und der Fußball sowieso. Die Hoffnung in den Augen dieser Menschen war vielleicht auf Zeit, und sie war gerichtet nur auf ein Fußballspiel. Aber sie war echt. Ich halte eigentlich nichts von Neujahrsvorsätzen, aber an diesem Abend in Barcelona beschloss ich: Ich will mit derselben Hoffnung, derselben freudigen Erwartung in die Zukunft blicken, mit der ich auf ein jedes Fußballspiel blicke. Ich will denken: Das wird super. Oder zumindest: Wird schon werden. In Barcelona sprach schließlich auch nicht viel für die Eintracht, aber auch wenn sie 1:2 verlor, machte sie ein gutes Spiel. Die SGE führte gar 1:0, Ellyes Skhiri verpasste das 2:0. Wer weiß schon, wie es dann ausgegangen wäre. In der zweiten Halbzeit drehte Barça die Partie innerhalb von vier Minuten. Ich saß auf der Tribüne und ersehnte, dass das Spiel noch einmal kippen möge. 90 Minuten lang litt, wünschte, beschwor ich die Zukunft, malte mir eine Volte des Spiels aus, wie sie eben nur der Fußball schlägt. Sie trat nicht ein. Aber darauf zu hoffen, fühlte sich gut an.