Zeit 05.02.2026
08:48 Uhr

Friedrich Merz: Hallo, (notgedrungener) Partner


Der neue Kurs des Kanzlers nach dem Trump-Schock wird greifbar: Ausgerechnet Saudi-Arabiens Kronprinz bin Salman wird strategischer Partner – und darf auf Waffen hoffen.

Friedrich Merz: Hallo, (notgedrungener) Partner
Es ist spät geworden in Riad. Zweieinhalb Stunden saßen Kronprinz Mohammed bin Salman, der faktische Herrscher Saudi-Arabiens, und Bundeskanzler Friedrich Merz im königlichen Yamama-Palast zusammen. Mal unter vier Augen, mal mit ihren Mitarbeitern, zwischendurch mit einem guten Dutzend Firmenchefs aus Deutschland. Das Abendessen wurde um 22.45 Uhr serviert. Sie haben dem Kanzler in Riad den violettfarbenen Teppich ausgerollt, der in Saudi-Arabien seit einigen Jahren die weltweit übliche Version in Rot ersetzt, wenn wichtige Gäste kommen. Eine der vielen Neuerungen, die sich MBS, der Kronprinz, ausgedacht hat. "Herzlich und offen" sei das Gespräch am Mittwochabend gewesen, heißt es von deutscher Seite. Journalisten konnten die Zusammenkunft nicht beobachten, nur Fotografen wurden kurz zugelassen, auch im Anschluss gab es keine Pressestatements. Pressefreiheit ist kein hohes Gut in Saudi-Arabien, für den Herrscher MBS ohnehin nicht. Er ordnete einst nach Erkenntnissen amerikanischer Geheimdienste die Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi an. 2018 wurde der Mann demnach in ein saudi-arabisches Konsulat in Istanbul gelockt, getötet, sein Leichnam anschließend zerstückelt. MBS wurde zum Paria, eine Begegnung wie diese mit einem Bundeskanzler war lange undenkbar. Doch diese Geschichte wirkt weit weg für Merz an diesem Abend in Riad. Zeiten ändern sich, und es gibt Wichtigeres zu besprechen, nämlich den Beginn einer strategischen Partnerschaft. Merz ist drei Tage lang am Golf, zunächst in Saudi-Arabien, dann in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Vor Ort lässt sich deutlich wie nie eine neue deutsche Realpolitik in einer veränderten Welt erkennen. Es ist jedenfalls keine wertegeleitete Außenpolitik, die Merz hier hingeführt hat, es ist vielmehr eine neue Strategie. Eine, die nach der brüsken Abwendung, die Deutschland und Europa seitens der USA von Donald Trump erfahren haben, energischer denn je verfolgt wird: Deutschland braucht neue Partner. "Nicht mehr unter Generalverdacht" Noch vor dem Abflug erklärt Merz diese neue deutsche Politik in einem Statement. Er liest es ab in einem zweckmäßigen Konferenzraum auf dem militärischen Teil des Flughafens BER, ohne Möglichkeit für Nachfragen, versehen mit einer Sperrfrist. Der Kanzler trägt Punkte vor, von denen er ausgehen muss, dass sie in Deutschland kontrovers aufgenommen werden: "Sie wissen, wir sind nicht unkritisch, aber wir stellen die Golfstaaten nicht mehr unter Generalverdacht." Die neuen Partner, die es in der anlaufenden Zeit der Großmächte brauche, um Deutschlands Zukunft zu sichern, "mögen nun nicht alle die gleichen Werte und Interessen teilen", aber sie teilten doch die "Einsicht, dass wir eine Ordnung brauchen, in der wir auf Verabredungen vertrauen und uns mit Respekt begegnen". Die Priorität liegt auf Verlässlichkeit. Deutschland, das neue Absatzmärkte braucht, will der absoluten Monarchie des Ölscheichs ein zuverlässiger Partner sein – und Merz hat auch schon ein Mittel ausgemacht, um dies glaubwürdig in Riad zu hinterlegen. Es ist eine Außenpolitik für diese "rauer werdende Welt", von der der Kanzler zuletzt immer wieder sprach, und ein Ausdruck eines Ansatzes, für dessen Formulierung der kanadische Premier Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos bejubelt wurde: Angesichts des Gebarens der USA, Russlands und Chinas müssten sich die Mittelmächte öfter dort mit anderen zusammenschließen, wo ihre Interessen überlappen. Abstrakt klingt das sehr gut. In der konkreten Ausgestaltung manchmal auch, wie beim kürzlich geschlossenen EU-Handelsabkommen mit Indien. Und manchmal bleibt ein Beigeschmack, wie nun bei der Partnerschaft mit Saudi-Arabien. An der Spitze der absoluten Monarchie schaltet und waltet eben jener MBS, der eine ambitionierte wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Öffnung des Landes betreibt, und zugleich eine absolute Herrschaft durchsetzt, in der zuletzt die Zahl der Hinrichtungen wieder zugenommen hat. Hinter China und dem Iran war Saudi-Arabien laut Amnesty International an der Spitze in dieser zweifelhaften Kategorie. Menschenrechte, das Wort erwähnt Merz auf heimischem Boden zwar, aber sie stehen nicht im Zentrum, dort steht: das Geschäft.