Zeit 07.02.2026
09:07 Uhr

Ewige Talente: Eine Ode an die uneingelösten Versprechen des Weltfußballs


Einst Broich oder Scholl, nun Brekalo oder Aouchiche: Ist es die Tragik, die unser Kolumnist so faszinierend findet an den ewigen Talenten? Oder ihre Menschlichkeit?

Ewige Talente: Eine Ode an die uneingelösten Versprechen des Weltfußballs
In unserer Kolumne "Grünfläche" schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 06/2026. Zwei der Spieler, die ich mir in meiner Kindheit und Jugend immer für meinen Herzensverein Eintracht Frankfurt gewünscht habe, waren Kalle Pflipsen und Marco Reich. Pflipsen spielte Mitte der Neunzigerjahre bei Borussia Mönchengladbach und galt als herausragendes Talent auf der Spielmacherposition. Ein junger, unbekümmerter Typ mit herabgerollten Stutzen, der über den Platz trabte und alle naselang mal einen kleinen Traumpass aus dem Fußgelenk schüttelte, als würde sein Knöchel lässig die Hang-loose -Geste machen. Reich wiederum war neben Michael Ballack das größte Talent des 1. FC Kaiserslautern, als der FCK seinen unwahrscheinlichen Abstiegs-Aufstiegs-Meisterschafts-Run hinlegte. Ich erinnere Reich als dynamischen Mittelfeldspieler, der mit im Wind aufplusterndem Trikot an hilflosen Abwehrspielern vorbeijagte, ein Mensch gewordener Blasebalg, der durch die Liga pustete. (Und natürlich hatte er den schönsten Nachnamen der Welt.) Beide Spieler wechselten nie zur Eintracht, und rein sportlich war das wahrscheinlich besser so. Pflipsen wurde ein solider Bundesligaspieler, Reich startete nach zwei, drei ordentlichen Bundesligajahren eine Odyssee durch kleinere Ligen und Klubs. Aber die große Karriere, die man angesichts ihres Talents hätte erwarten können, blieb aus. Dafür umwehte sie danach stets dieses große Hätte-wäre-wenn. Fiel ihr Name in Gesprächen, war die Pause im Anschluss immer eine Millisekunde länger, als gelte es, kurz einer verlorenen Karriere zu gedenken. Sie wurden zu jenen Spielern, die nun eine zweite, imaginierte Laufbahn hatten, die sich als Schatten auf die echte legte. Eine, in der es so gelaufen wäre, wie es angesichts ihrer Begabung eigentlich hätte laufen müssen. Sie wurden: ewige Talente. Nun ist ja just die Transferphase zu Ende gegangen und hin und wieder musste ich an Pflipsen und Reich denken. Etwa, als Josip Brekalo zu Hertha BSC wechselte. Brekalo galt vor etwa zehn Jahren als eines der größten Talente Europas, ein wonderkid auf der Außenbahn, das Erinnerungen an Arjen Robben weckte und von halb Europa gejagt wurde. Anstatt zu Inter, Arsenal oder Dortmund, die ihn alle wollten, ging er allerdings nach Wolfsburg, später dann zum FC Turin, Kasimpasa oder Oviedo. Stationen einer Karriere, die mit "so lala" wohl ganz gut beschrieben ist. Und die so ähnlich auch Adil Aouchiche hingelegt hat. Einst bei PSG als eines der größten Talente (des an Talenten ja ohnehin nicht armen) Frankreichs unterwegs, führte Aouchiches Weg über Lorient, Portsmouth und Aberdeen in diesem Winter zum FC Schalke 04 in die Zweite Bundesliga. Aouchiche absolvierte in Frankreichs U-Nationalmannschaften 48 Spiele, bei der U17-EM 2019 wurde er mit neun Toren in fünf Spielen Torschützenkönig. Und das nicht mal als Stürmer. Nun sagte er: "Schalke war meine einzige Option." Was schon sehr klingt wie: "Das ist meine letzte Chance." Noch bevor ich mich entschieden hatte, diesen Text über ewige Talente zu schreiben, habe ich mir auf YouTube Highlight-Clips von Brekalo und Aouchiche angesehen. Schnell landete ich bei Videos von Yoann Gourcuff, Bojan Krkić, Ravel Morrison, Nii Lamptey, Freddy Adu, Thomas Broich und vielen weiteren uneingelösten Versprechen des Weltfußballs. Die aufblitzenden Fähigkeiten sind atemberaubend. All diese Spieler machten in ihren besten Momenten Dinge, bei denen ihnen der liebe Fußballgott persönlich die Beine geführt haben muss. Gleichzeitig hat das Ganze eine nicht zu leugnende Tragik. Körnige Bilder von vor Jahren, als eine große Karriere möglich schien, und die nun ein Requiem für einen Traum sind. Aber vielleicht macht das auch nur die Streichermusik, mit der ein paar der Clips unterlegt sind. Ist es diese Tragik, die ich so faszinierend finde an ewigen Talenten? Vielleicht. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto eher denke ich, es liegt an etwas anderem: Ewige Talente sind, vielleicht gemeinsam mit den Skandalnudeln, die letzten Typen des Fußballs, die sich seiner gnadenlosen Hochleistungslogik und diesem unangenehmen Weiter-immer-weiter-Primat entziehen. Spieler, die dem Druck nicht standhalten. Die sich im Zirkus Fußball unwohl fühlen. Die am Trainer scheitern, an den Umständen, an den Anforderungen, am verdammten Pech. Und immer wieder an sich selbst, an ihren Unzulänglichkeiten, Schwächen, an ihrer Menschlichkeit. Sehe ich Brekalo demnächst auf der Außenbahn enttäuscht abwinken, sehe ich Aouchiche demnächst die Defensivarbeit verweigern, dann sehe ich, dass der Fußball nicht nur aus verbissenen Ehrgeizlingen besteht, die den Sport durchziehen wie ein BWL-Studium. Sondern dass der Profifußball durchaus noch Platz bietet für echte Menschen, für die Schwäche und Scheitern das ist, was es nun mal ist: ein zentraler Teil unseres Seins. Auch wenn das im Profifußball wahrscheinlich die wenigsten zugeben würden. Pflipsen, Reich, Aouchiche und all die anderen eint noch etwas. Sie waren oder sind Kreativspieler. Ewige Talente gibt es im Defensivbereich so gut wie nicht. Was man dort braucht, kann man sich erarbeiten. Die ewigen Talente haben es durch das kreative Nadelöhr zu den Profis geschafft, weil das Universum sie geküsst hat. Auch das finde ich tröstlich: Dieser Sport wird für immer den Künstlern, den Feingeistern gehören, die das können, was man nicht lernen kann. In diesem Sinne werde ich in der laufenden Zweitliga-Rückrunde auch ein Auge auf Aouchiche und Brekalo haben. Wegen der Klasse, die aufflackern wird. Den besonderen Momenten, die man dereinst bei YouTube sehen wird. Und auch wegen der leisen Tragik. Wenngleich sportlich bei beiden ja noch alles drin ist; Aouchiche beispielsweise ist erst 23. Und sowieso: Lieber ewiges Talent als gar keins, das wusste schon Mehmet Scholl, noch so ein Vertreter. Wenn sie ihr Talent also verschenken wollen, ist das ihr gutes Recht. Zumal auf diesem Niveau ja sowieso nicht klar ist, was genau das bedeutet. Reich etwa wurde zweimal Meister, mit Lautern und Werder, Pflipsen holte den DFB-Pokal. Beide machten genau je ein Länderspiel, das ist mehr, als die Allermeisten von sich behaupten können. "Wofür soll ich mich rechtfertigen?", fragte Reich einst in einem Interview. Für gar nichts, Marco, für gar nichts. Danke, dass du gespielt hast.