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19.12.2025
08:53 Uhr
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Wenn sogar die Mittelschicht jeden Euro zweimal umdrehen muss, droht ein Hang zur Wahl extremer Parteien. Die Politik muss endlich besser gegensteuern.

Die Frage, ob Menschen sich ihr Leben noch leisten können, ist längst zu einer der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Fragen in vielen westlichen Demokratien geworden. Dass diese Frage auch bei Wahlen entscheidend sein kann, haben wir Anfang November in New York City gesehen, als Zohran Mamdani mit diesem Thema zum Bürgermeister der US-Metropole gewählt wurde. In den USA prägt das Thema affordability , also die Erschwinglichkeit des Lebens, die politische Debatte. Die rasant gestiegenen Lebenshaltungskosten spalten auch unser Land – ökonomisch und politisch. Die Kombination aus hohen Mieten, stark gestiegenen Energiepreisen und teuren Lebensmitteln trifft vor allem die Mitte der Gesellschaft und die ärmeren Haushalte. Sie nagt an der ökonomischen Sicherheit und am gesellschaftlichen Vertrauen. Doch es geht um weit mehr als Preise an der Supermarktkasse oder Heizkostenabrechnungen. Es geht um das Gefühl, dass Leistung sich nicht mehr lohnt, dass der eigene Lebensstandard bedroht ist und dass die Politik die Sorgen vieler Menschen nicht mehr wahrnimmt. Inflation trifft die Schwächsten am härtesten Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten vier Jahre hat tiefe Spuren hinterlassen. Zwar sind die Inflationsraten inzwischen gesunken, doch die Preise bleiben auf einem hohen Niveau. Der entscheidende Punkt ist: Menschen mit geringem Einkommen haben eine viel höhere persönliche Inflationsrate erlebt – teilweise das Drei- bis Vierfache der offiziellen Rate . Denn sie geben einen großen Teil ihres Einkommens für Grundbedürfnisse aus – für Lebensmittel, Energie, Miete und Mobilität –, und genau hier sind die Preise besonders gestiegen. Wir wissen aus Befragungen, dass bis zu 40 Prozent der Haushalte kaum Ersparnisse haben. Sie können steigende Kosten nicht durch Rücklagen abfedern. Für sie bedeutet jeder Preisschub eine unmittelbare Bedrohung ihrer Existenz. Die Folge: Immer mehr Menschen müssen jeden Euro zweimal umdrehen, verzichten auf Kultur, Freizeit, gesunde Ernährung – und verlieren Vertrauen in Politik und Institutionen. Die Inflation ist damit auch ein verteilungspolitisches Problem. Sie wirkt wie eine versteckte Steuer, die vor allem jene trifft, die ohnehin wenig haben. Der Staat profitiert hingegen von steigenden Steuereinnahmen, weil höhere Preise auch höhere Mehrwertsteuereinnahmen bedeuten. Auch viele große Konzerne konnten ihre Gewinne in der Inflationsphase deutlich steigern, während kleine Unternehmen und Verbraucher unter den Preissteigerungen litten. Diese Entwicklung ist gefährlich. Es entsteht Frust – und dieser Frust sucht sich politische Ventile. In den unteren Einkommensgruppen und in der Mittelschicht wächst das Gefühl, abgehängt zu werden, während andere profitieren. Genau dieser Vertrauensverlust hat in vielen westlichen Demokratien zu einem Rechtsruck beigetragen. So war der Vertrauensverlust in den Staat – gekoppelt mit massiv gestiegenen Lebenshaltungskosten – einer der zentralen Gründe für die Wiederwahl von US-Präsident Donald Trump. Die Wahl des Trump-Gegners Mamdani zum New Yorker Bürgermeister könnte aber ein Hoffnungszeichen dafür sein, dass das Vertrauen in Trump nicht grenzenlos ist.